Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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würde sie auf ihr inneres geistiges Leben führen und vor unfruchtbaren äußeren Reibungen bewahren. Würde die national-kulturelle Autonomie, die nur eines weiteren Ausbaues bedarf, im ottomanischen Reiche nicht existieren, oder sollten die ottomanischen Juden die Assimilation ä tout prix suchen, das Judentum brauchte für seine Existenz in der Türkei nichts zu befürchten, solange die Griechen noch auf die Rechte ihrer 3000jährigen Kultur hinweisen. Die Reorganisation der jüdischen Nation In dem Bestätigungsschreiben des Justiz- und Kultusministers der Wahl HaTnr Naoums zum locum tenens des Großrabbinats, wurden die Leiter der jüdischen Nation aufgefordert, so schnell wie möglich die definitive Wahl des Chacham Baschi vorzunehmen. Die^ Verschleppungspolitik des alten Regimes hat nun ein Ende genommen, und das' neue Ministerium wünscht überall schnell und gründlich Ordnung zu schaffen. Die Schwierigkeiten aber, die sich der raschen Ausführung des ministeriellen Wunsches entgegensetzen, wurzeln zutief in dem vierzigjährigen Verfall der Nation, um nicht der Gefahr eines Zwitterdinges in der Repräsentanz ausgesetzt zu sein. Wie Spreu hat der freiheitliche Stoß der Verfassung die alten Männer weggeblasen, sie hatten ja auch nicht Wurzel in der Masse gefaßt und waren durch und durch faul. Neue Männer sind an ihre Stelle gekommen, neue Namen decken heute die jüdische Nation; haben aber alle diese „Volksführer" den Beweis ihrer Tüchtigkeit erbracht, wie die früheren die Probe ihrer Undichtigkeit während dreißig Jahren bezeugten? Ist an Stelle der früheren persönlichen Gewinnsucht und Erpressung, des Volksbetrugs und Karrierismus selbstloser Idealismus, der Wunsch, der Nation zu dienen, und nicht persönliche Großmannssucht getreten? Die neuen Machthaber vereinigen in sich Vorzüge unverkennbarer Qualität, der.Triumph der Opposition kann aber seinen vollen Wert erst nach Sanktion der gesamten Nation erhalten. Wer hat aber den Waad ruchni ergänzt, den Mischlisch-graschmi, den locum tenens gew ählt? Der alte Volksrat, der vor 40 Jahren nach altem, heute längst üherlebtem System eingesetzt worden ist. Das Prestige der neuen Männer kann auch nicht durch die geschickt gerührte Reklametrommel erhöht werden: heute verlangt das Volk Männer, die sein Vertrauen, seine Achtung und Liebe genießen. Dies wäre der Fall gewesen, wenn der Volksrat selbst, der Mischlisch umumi, von der Nation auf einer breiten Basis des Wahlrechts neu gewählt worden wäre. Zum Ruhme der jetzigen Führer muß gesagt werden, daß diese Erkenntnis sich nicht nur bei den breiten Volksmassen Bahn bricht sondern auch bei ihnen selbst vorherrscht Die Wunden des alten Regimes sind aber so groß, daß es einer langen Heilung bedarf, und alles, was jetzt geschieht, kann nur Flickwerk bleiben. Ein Flickwerk nur wird auch die definitive Wahl des Chacham Baschi sein, gleichviel wer kommt, der über alles moderne Halm Naoum oder der populäre Jacob Meir. Beide werden auf keinem festen Grund stehen, denn die Gesundung der jüdischen Nation muß von unten kommen, in der Organisation und Demokratisierung der Massen, in dem Ausbau der national-kulturellen Autonomie, in der moralischen wie materiellen Fürsorge der Vertreter der Nation. Das Prestige des jüdischen Volkes wird nicht in erster Linie durch Glückwunschtelegramme der Alliance, des Hilfsvereins oder sonstiger - jüdischer und nichtjüdischer Personen an den Chacham - Baschi- Stellvertreter gehoben, sondern durch wahre geistige Erhebung. Wir konstatieren mit Interesse, daß HaTm Naoum seine offiziellen Visiten beim Großvesir, Justiz- und Kultusminister gemacht hat, daß der Scheich-ul-Islam mit besonderer Wärme von den Vorzügen der Juden und der traditionellen Freundschaft der Türken gesprochen hat, das Judentum darf sich aber hieraus keinen Lorbeerkranz flechten und mit müßigen Händen den. neuen Führern überlassen, ihm weiter solche Erfolge zu .erringen. Mit der konstitutionellen Auffassung der Dinge dringt auch in die Juden allmählich die Erkenntnis vom Aufbau von unten. In den größeren jüdischen Zentren, wie Saloniki, Smyrna, beschäftigt man sich ernst mit der Reorganisation der Gemeinde; in Adrianopel werden sogar die Wahlen mit allgemeinem Wahlrecht vorbereitet, und in Konstantinopel wird man sich wohl bald auch mit dieser Frage beschäftigen. Wie wichtig die Frage der Neubildung der Gemeinden ist, wird man an den Machtbefugnissen und an der Autorität des Chacham-Baschi sehen, der als Oberhaupt der gesamten Judenheit vom Konstantinopeler.Mischlisch umumi in Gemeinschaft von vierzig Vertretern aus der übrigen Türkei gewählt wird. Leider fehltes in der jüdischen Presse an . einer objektiven Kritik, vielleicht wird diesen Mangel die neu erscheinende spaniolische Zeitung „La Patina" ausfüllen, oder wird sjch Herr Danon entschließen, seine früher in Adrianopel herausgegebene hebräische Zeitung in Konstantinopel wieder aufleben zu lassen. Es wäre in der Tat für die ottomanischen Juden beschämend; wenn ein hebräisches Organ in der. viel größeren Gemeinde der Hauptstadt nicht ebensoviel Existenzmöglichkeit hätte, wie zwei Zeitungen in Jerusalem. Hier läge eine interessenswerte Aufgabe für die Opposition der aschkenasischen Gemeinde vor; sie brauchte ihre Proteste nicht in die allgemeine Presse zu bringen, und der wenig prinzipiengroße Kampf könnte in eigenen Lager ausgefochten werden. Nichts ist für das Ansehen der Juden gefährlicher, als wenn die Gastfreundschaft der jetzt freien Presse dazu mißbraucht wird, um kleinliche, persönliche Reibereien an die große Glocke der Öffentlichkeit zu hängen. Altneue jüdische Vereine Die Freiheit der Konstitution sandte auch einen Lichtstrahl in den Konstantinopeler „Israelitischen Turnverein". Jeder Mangel von Vereins- und Versammlungsrecht verhinderte bisher den Verein, seine Mitgliederzahl, wie seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Wie alles in der Türkei bis zur Verfassung fremden Schutz suchen mußte, war auch der Turnverein gezwungen, den äußern Schein einer internationalen, fast philanthropischen Gesellschaft zu tragen, was das Bewußtsein der nach Geradheit und Würde strebenden jüdischen Turner besonders verletzen mußte. Mit den neuen Verhältnissen ist auch der äußere Zwang des Vereins gefallen, er braucht nicht mehr in zurückgezogener Bescheidenheit seine Turner in der unter österreichischem Schutz stehenden Goldschmidtschule zu vereinigen; das besonders erzieherische und wirksame Propagandamittel des Schauturnens bringt ihn in die Öffentlichkeit und wirbt für die Idee der jüdischen Turnerei. Eine besondere Ehre wurde dem Vereine zuteil durch die Aufforderung eines musulmanischen Damenkomitees in Tchifte-Havouz unter Leitung des Dr. Djemal Pascha, des Schwiegersohnes des Scheich-ul-Islam, sich am Feste zugunsten der Exilierten zu beteiligen. Die turnerischen Leistungen, die von der Männer- und Jugendriege dargeboten wurden, bestehend in Stab- und Barrenübungen sowie Pyramiden, haben einen Beifallssturm, besonders der nach einigen Tausenden zählenden türkischen Frauen hervorgerufen. Das Organisationskomitee hatte Riza Bey beauftragt, dem Turnverein seinen besonderen Dank auszusprechen, der in einem Hoch auf die Juden ausklang. Der Vizepräsident des Vereins, Advokat Dr. Leon Schönmann, erwiderte, indem er die Türken aufforderte, ebenfalls gymnastische Organisationen zu bilden, und ihnen die volle Unterstützung" der jüdischen Turner in brüderlicher Weise versprach. Die jüdischen Turner können stolz sein, das Ansehen der jüdischen Nation gehoben und ihren ottomanischen Mitbürgern bewiesen zu haben, daß sie in den Juden gleichwertige Verteidiger des ottomanischen Vaterlandes finden werden. Auch die Zionisten haben am Sonnabend eine engere Versammlung abgehalten, um über ihre Tätigkeit zu beraten. Zwei wichtige Punkte bildeten den Gegenstand der Debatten: die theoretische Erörterung des Programms und die lokale Tätigkeit. Es ward die Ansicht geäußert, daß angesichts der neuen Verhältnisse die öffentliche und rechtliche Sicherheit gegeben sei, mithin das Programm abgeändert werden müßte. Die Berechtigung und Unantastbarkeit des zionistischen Programms konnte aber nachgewiesen werden durch den Hinweis auf den notwendigen Ausbau der nationalkulturellen Autonomie, die Sicherung gewisser Vorrechte bei Erteilung von Konzessionen in Palästina, eine offizielle Erklärung der türkischen Regierung bezüglich der freien Einwanderung der Juden nach Palästina u. dergl. Was die lokale Tätigkeit anbelangt, wurde die Notwendigkeit der Aufklärung der Juden, wie der allgemeinen öffentlichen Meinung über den Zionismus anerkannt, aber aus praktischen Gründen Jand es die Versammlung für zweckmäßig, erst eine öffentliche Äußerung der maßgebenden Kreise zu erlangen. Dieser Tage kamen hier zionistische Broschüren an und wurden zum erstenmal von Zollbeamten frei durchgelassen. Herr Dr. Jacobson, Direktor der Anglo Levantine Banking Company, ist in Konstantinopel eingetroffen und hat seine Tätigkeit bereits aufgenommen. Zur gegenwärtigen politischen Lage in Palästina Von Dr. JOCHANAN in Jaffa Das Ereignis vom 24. Juli war nicht nur für uns, sondern auch für sämtliche Vertreter der auswärtigen Politik und die Türkei selbst überraschend. Unmittelbar vorangegangene Verständigungspläne und Reformentwürfe der an der Orientpolitik stark interessierten Mächte sind durch Einführung der Konstitution in der Türkei wahrscheinlich gegenstandslos geworden. Es ist selbstverständlich, daß auch wir in unserer Arbeit mit neuen Verhältnissen zu rechnen haben. War das Reich bisher ausschließlich von einem unbeschränkten ^<?3£5i<s^£iikfcSsi^^ ^.■^^ ^o-*";