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Die Welt · 1908-09-04 · 35 (4.9.1908) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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sage und die Nobacherzählung in der Form und in dem Umfange, wie sie im arabischen Josua vorliegen, nicht direkt auf ein altes hebräisches Original zurückgehen können, sondern vielmehr zuerst in arabischer Sprache verfaßt worden sind, beweisen die hetzerischen Redensarten, die nur aus arabischem Munde verstandlich sind, und die ganze Auffassung der kriegerischen Verhältnisse, wie sie in arabischen Kriegsromanen des 11. und 12. Jahrhunderts geschildert werden. Die ganze Haltung dieser Stücke, sowie der wilde Ton, der namentlich in der Schobachsage herrscht, vertragen sich durchaus nicht mit dem Geiste der biblischen Erzählungen. Wer aber Gelegenheit gehabt hat, die öffentlichen Romanerzähler in Kairo oder Damaskus zu hören, der wird erkennen, wes 'Geistes Kind jene Stücke des arabischen Josua sind. Der arabische Josua kann demnach in der Fassung, in der er vorliegt, nicht auf einen alten hebräischen Josua zurückgehen und das frühere Vorhandensein eines solchen in einer samaritanischen Rezension muß verneint werden. Wir wollen aber in der Folge die Frage entscheiden, ob man, wie es geschieht, von einer arabischen Rezension des Josuabuches vom Standpunkt der Samaritaner sprechen kann, d. h. ob das arabische Josuabuch von den Samaritanern selbst jemals als Rezension eines biblischen Buches angesehen und als solches behandelt wurde, oder ob das sogenannte arabische Josuabuch nicht vielmehr einen Ausschnitt aus einer samaritanischen Chronik darstellt, die von einem älteren samaritanischen Chronisten in arabischer Sprache verfaßt und dann von anderen fortgesetzt worden ist. Für letztere Annahme spricht der Umstand, daß es keine bis jetzt bekannte Handschrift des arabischen Josuabuches gibt, die sich ausschließlich mit der Josuazeit beschäftigt, ohne nicht auch noch Erzählungen aus der vor- und nachjosuanischen Zeit zu enthalten; ferner, daß der arabische Josua sich nicht als Teil der Bibel schlechtweg ausgibt, sondern sich vielmehr als der Teil einer Chronik bezeichnet, In dem die Geschichte von dem Einzüge der Kinder Israel in Kanaan unter Josua enthalten ist. Dieser Teil der israelitischen Geschichte ist ganz frei nach dem massoretischen Josua bearbeitet unter Benutzung anderer Quellen und Heranziehung von Legenden, die in mündlicher Tradition sowohl bei Juden als auch Samaritanern von altersher kursierten. So ist auch die Bileamsage, der Krieg gegen Midjan und der Tod Mosis von den Samaritanern frei, teils nach der Bibel, teils nach anderen mündlichen Überlieferungen bzw. schriftlichen Quellen behandelt worden; ebenso ist es bei anderen Erzählungen der biblischen Geschichte der nachjosuanischen Zeit geschehen. Gerade die oben angeführte Mitteilung des Samuel Schallum, wonach die Samaritaner die Schobachsage nach ihrer eigenen Angabe einem alten jüdischen Midrasch entnommen hätten, ist von großer Wichtigkeit und kann nicht ohne weiteres als unrichtig von der Hand gewiesen werden. Daß in der Mischnah (Sota 8,1) ein einziges Mal und nur beiläufig der Name Schobach als Name eines aramäischen Helden, der er auch nach 2. Sam. 10,16 war, erwähnt wird, und nicht als eines Königs von Persien, als welcher er im arabischen Josua dasteht,- kann wohl, wie der Herausgeber meint, als Beweis dafür gelten, daß man in talmudischen Zeiten irgendeine Schobachlegende gekannt hat, beweist aber durchaus nicht, daß jene Legende ihren Ursprung in einem alten samaritanischen Josuabuche gehabt haben muß (§ 80). Ebensowenig können die Einzelheiten, in denen sich Josephus und die Samaritaner in ihrer Josuageschichte begegnen (§ 48 ff.), für die Existenz eines alten, hebräisch-samaritanischen Josuabuches beweiskräftig sein. Beide, Josephus sowohl als auch die Samaritaner, haben ihre gemeinsamen Quellen im alten jüdischen Midraschim und mündlichen Legenden, die gewiß noch manche Züge aus alter Zeit erhalten haben. Der arabische Josua kann also selbst von einem samaritanischen Standpunkt aus nicht als die Rezension eines alten hebräischen Josua betrachtet werden. Der arabische Josua hat auch niemals bei den Samaritanern die Autorität eines biblischen Buches genossen. Unter diesem Josua verstehen sie nicht ein in sich abgeschlossenes biblisches Buch, sondern, wie bereits erwähnt, nur den Teil ihrer Chronik, der sich in erster Linie mit der Josuazeit befaßt. Da sie nun beim Abschreiben dieses Teils die Chroniken als Vorlage benutzen, so hängt es vom jeweiligen Abschreiber ab, ob er sich bei seiner Abschrift bloß auf die Josuageschichte allein beschränkt, oder ob er auch noch andere Abschnitte aus der vor- und nachjosuanischen Zeit in sein Manuskript aufnimmt Hieraus erklärt es sich, daß die Abschreiber die Überschrift der ganzen Chronik an die Spitze des arabischen Josua setzen, wenn auch dieser nur einen Teil der Chronik enthält. Fassen wir alle diese Momente zusammen, so kommen wir zu dem Schlüsse, daß der sogenannte arabische Josua ebensowenig als authentische Rezension des biblischen Josua angesehen werden kann wie der von Dr. Gaster herausgegebene hebräisch-samaritanische Josua. Beide sind Erzeugnisse kompilierender Skribenten, die in jeder Beziehung von denselben Gesichtspunkten geleitet worden sind, einschließlich der Tendenz, sich die Arbeit möglichst zu. erleichtern. Hat der Kompilator des hebräischen Josuabuches sich die große Mühe einer Übersetzung dadurch zu sparen gesucht, daß er überall dort, wo der massoretische Josua und der Pentateuch herhalten konnten, sie einfach in sein. Werk aufnahm, so hat_sich der Kompilator des arabischen Josuabuches die Arbeit einer Übersetzung aus dem "Hebräischen dadurch vereinfacht, daß er den massoretischen Text nur in verkürzter Form wiedergab. Nur dort, wo er in der ihm geläufigen arabischen Sprache seine schriftstellerische Tätigkeit entfalten konnte, wie in der Schobachsage, ließ er seiher Phantasie alle Zügel schießen, und bot alle Phrasen auf, die ihm aus den arabischen Heldenromanen bekannt waren. Die Samaritaner, „das Unvolk von Sichern", wie sie Josua Sirach 50, 26 nennt, haben sich niemals weder in wissenschaftlicher noch in literarischer Produktion sehr hervorgetan; ihre letzte bemerkenswerte Leistung, der vorliegende samaritanisch-hebräische Josua, schließt sich dieser ihrer literarischen Vergangenheit würdig ah. Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter) Die Nationalitätenfrage Schneller als es das vereinigte ottomanische Volk erwarten konnte, steigt das Nationalitätenproblem am Horizonte herauf. Nicht blutige Rassenkämpfe oder Zusammenstöße kultureller Natur haben diese moderne Frage der Staatsverfassungen aus dem Hintergrunde hervorgeholt, sondern das längst vorhandene starke Bewußtsein der Nationalitätenwerte, die durch die weitgehende Toleranz der Türken trotz ihrer dominierenden Stellung während Jahrhunderten ungehindert gepflegt werden konnte. In den ersten freudentrunkenen Tagen der Freiheit war die nationale Betätigung nur auf das Innenleben der Völkerschaften gerichtet. Der Mißwirtschaft im eigenen Lager mußte ein Ende gemacht, die unbeliebten Oberhäupter abgesetzt, die betrügerischen Beamten entfernt werden. Bald aber mußte schon der neue armenische Patriarch sich um die Freilassung unschuldiger armenischer Gefangener in der Provinz kümmern. Man konnte die Fürsorge für seine eigene Nation nicht mehr Ottomanen im allgemeinen überlassen, sondern Ottomanen von bestimmter Färbung. Heute sind es die Griechen, die sich auf sich selbst bedenken, und zwar in einer ungleich fortgeschrittenen Form. Sämtliche griechischen Zeitungen veröffentlichen eine Erklärung, die einen Markstein in der weiteren Entwicklung des ottomanischen Reiches bedeuten wird. Von dem Standpunkte ausgehend, daß sämtliche Völkerschaften der Türkei sich nicht miteinander verschmelzen können, um eine türkische Einheit zu bilden, suchen sie die Einheit des Staates in der gemeinschaftlichen Administrierung. Aus diesem Verhältnis ergeben sich für die Völkerschaften gewisse Rechte, die absolut gewahrt werden müssen. Vor allen Dingen dürfte es keine herrschenden und keine beherrschten Völkerschaften geben, wie auch die Machtverteilung zwischen Musulmanen und Nichtmusulmanen eine ungerechte sei. In der Einheit des Staates muß die nationale Existenz der Völker anerkannt sein, und im Verhältnis zu ihrer Zahl sollen sie an der Leitung des Staates Anteil nehmen. Unter den 25 Millionen Ottomanen werden neben 9 Millioneft Türken 6,5 Millionen Griechen gezählt, sie müssen also in entsprechendem Maße wie die Türken in den öffentlichen Ämtern vertreten sein. Für die Wahlen ins Parlament wollen die Griechen das proportioneile Wahlsystem der Nationalitäten inaugurieren. Jede moralische oder ökonomische Vergewaltigung, die darauf hinzielen könnte, die 3000jährige Tradition der Griechen oder die durch den Hatti-Humajum vom Jahre 1856 gewährten nationalen Priviligien zu unterdrücken, würde sich gegen die Einheit des ottomanischen Reiches kehren. Einen Modus für die proportioneile Beteiligung an der Staatsgewalt geben die Griechen nicht an; wir wissen auch nicht, ob die plötzliche Proklamierung der nationalen Rechte eine Antwort auf die neulich vom „Tanin" ausgegebene Losung der Popularisierung der türkischen Sprache sein soll, jedenfalls haben die Juden in einer andern Weise ihre Position im Staate gekennzeichnet Die jüdischen Lehrer der Alliance haben eine Vereinigung geschaffen, um die türkische Sprache zu verbreiten. Dies sichert den Juden noch nicht ihre nationale Existenz, wie es die Griechen verlangen, aber zumindest erleichtert es ihnen den Zugang zu den öffentlichen Ämtern, vielleicht sogar über das Maß der nach ihrer numerischen Stärke ihnen zukommenden. Wollen aber die Juden eines Tages dem griechischen Vorwurf aus dem Wege gehen, daß auch sie die Herrschenden geworden sind, so mögen die Alliancelehrer auch eine Vereinigung zur Verbreitung der hebräischen Sprache gründen, dies

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