Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 . ' ■ ' " '/ ■ DIE3| trotz mancher Bemühungen nicht gelungen war, ein Exemplar dieses Buches von den Samaritanern zu erhalten. Von welcher Bedeutung die Auffindung eines biblischen Buches aus vorchristlicher Zeit für die ganze Bibelforschung und namentlich für die Textkritik sein würde, darüber konnte man kaum im Zweifel sein. Wohl mag mancher der Gasterschen Entdeckung gegenüber etwas skeptisch gewesen sein, zumal den Samaritanern schon manche literarische Fälschung nachgewiesen worden ist, und sie auch mit dem Texte des Pentateuchs nicht gerade gewissenhaft umgegangen sind. Allein angesichts der Entschiedenheit, mit der die Berichte für die Echtheit und das hohe Alter des samaritanischen Josua eintraten, mußte man einstweilen alle Zweifel zurückdrängen. Nun liegt der Text des samaritanischen Josuabuches im letzten Hefte der Zeitschrift der Morgenländischen Gesellschaft vor. Seiner Edition legte der Herausgeber drei Handschriften A, B und C zugrunde, die durchaus jung sind und die von ihm erst vor kurzer Zeit von den Samaritanern erworben wurden. ' In der Einleitung behandelt er ausführlich das Verhältnis des samaritanischen Josua zu den arabischen „Versionen", zum massoretischen Texte, zur LXX, zu Josephus, zur ältesten talmudischen und späteren rabbinischen Literatur, und gelangt am Ende seiner- Untersuchung (§ 85) zu dem Schlüsse, daß „sowohl Massoreticus als auchSamaritanus auf ein gemeinsames, sehr altes Orginal zurückgehen, mit welchem beide fast wörtlich genau übereinstimmen", und daß der Samaritanische Josua sogar „in der Fassung, in der er vorliegt", unzweifelhaft einer Zeit angehören muß, die lange vor Josephus zurückliegt (vgl. auch § 75). „Aus dem Dunkel der Vergangenheit", so schließt der Herausgeber seine Einleitung, „taucht jetzt nach 2000 Jahren sein Buch der Bibel wieder auf, das, welcher Ansicht man auch sein mag, durch sein Alter, seine Konstruktion, seine Ähnlichkeit mit und seine Verschiedenheit von dem massoretischen Text als ein neues und wichtiges Element in der Geschichte des Bibelkanons und der Bibelkritik betrachtet werden dürfte". Es ist kaum möglich, auf alle einzelnen Punkte der Einleitung einzugehen. Manche Argumente, die der Herausgeber für das hohe Alter des samaritanischen Josua anführt, sprechen gerade gegen seine Annahme. So z. B., daß der samaritanische Josua nur dort vom massoretischen Texte abweicht, wo er tendenziöse Interpolationen und Änderungen enthält und auch sonst fast wörtlich mit dem massoretischen Text bis auf seltene Formen und Wörter übereinstimmt (§ 33); oder was dasselbe besagt, daß Samaritanus in allen entscheidenden Punkten stets mit Massoreticus gegen LXX übereinstimmt, und daß es unter der großen Anzahl von Varianten der LXX, die Kittel in seiner Bibelausgabe anführt, nicht eine einzige wichtige Variante gibt, worin Samaritanus mit LXX gegen Massoreticus geht (§ 39). Es soll auch nicht unsere Aufgabe sein, auf die Frage nach Ursprung und Alter des Inhalts der in vielen Zusätzen im Samaritanus gebotenen Erzählungen und sonstigen historischen Einzelheiten näher einzugehen. Für uns ist zunächst allein die Frage nach der Echtheit des Textes selbst von Bedeutung, d. h. ob es möglich ist, daß ein hebräisch geschriebenes biblisches Buch jemals eine solche Gestalt gehabt haben kann, wie sie im samaritanischen Josua vorliegt. Schon beim Durchlesen der Einleitung des Herausgebers regt sich ein gewisses Mißtrauen. Wie kann ein" Buch, das so viele tendenziöse Änderungen, dogmatisch bedingte Interpolationen, Einschöbe und Auslassungen aufweist, auf Echtheit Anspruch erheben; und wie könnte man Leuten, die vor den plumpsten Fälschungen nicht zurückschrecken, Vertrauen schenken? Gehen wir aber an den Text selbst heran, so steigert sich dieses Mißtrauen noch erheblich. Schon auf den ersten Blick, gleich am Anfang Kap. I, \ wirkt das Auftreten einer echt inuhammedanischen Eulogie überraschend, Kap. III, 7 ff, steht ein ganzer Hymnus, der aus dogmatischen Formeln zusammengesetzt ist, die erst durch die mohammedanischen Theologen und Religionsphilosophen festgelegt worden sind. Auf Schritt und Tritt fallen Barbarismen auf, die unter echt biblischen Versen doppelt fremdartig klingen und über deren arabischen Ursprung jeder des Arabischen kundige Orientalist kaum im Zweifel sein dürfte. Ja, es finden sich sogar solche Arabismen, die selbst in jenen hebräischen Werken kaum anzutreffen sind, die von den arabisch gebildeten und arabisch denkenden jüdischen Schriftstellern der arabisch-andalusischen Epoche verfaßt worden sind. Man könnte zur Not annehmen, daß alle diese Arabismen, die § 66 als Samaritanismen bezeichnet werden, spätere Umarbeitungen des alten hebräischen Textes seien, und man könnte sich womöglich darauf berufen, daß sie ja auch an solchen Stellen vorkommen, die im übrigen unzweifelhaft biblisch sind und sonst mit dem Massoreticus wörtlich übereinstimmen. Stand doch den Samaritanern die arabische Sprache sehr nahe, haben sie doch viel mehr vom Islam angenommen, als beispielsweise die Juden, weil sie sich den Mohammedanern mehr anzupassen wünschten. Es könnte also ganz ZELT ~ ' ' ":; ' " ' : " '' ' '= Üo.-35 gut möglich sein, daß die Arabismen im JosuabucHe bloß von späteren unwissenden und weniger gewissenhaften Abschreibern in den alten Text hineingeflochten worden sind, eine Erscheinung, die ja auch in anderen Literaturen beobachtet wird. Allein dafegen spricht der Umstand, daß Arabismen nicht bloß in solchen tücken vorkommen, die biblisch sind; ferner daß nicht nur hier und da einzelne Wörter und kleinere Sätze den arabischen Sprachcharakter verraten, sondern auch größere Partien gerade in den Erzählungen, die im msssoretischen Josua fehlen. Und gerade hier hat man zweifellos einen Text vor sich, der wohl hebräisch geschrieben, aber durchaus arabisch gedacht ist Es kommen sogar solche Wörter und Phrasen darin vor, die gänzlich unverständlich sind oder zum mindesten mißverstanden werden müssen, wenn man sie für hebräisches Sprachgut ansieht. Ihr Sinn wird erst klar, wenn man es versucht, sie ins Arabische zu übersetzen. So ist z. B. die ganze Korrespondenz zwischen Josua und Schobach ganz nach arabischen Mustern, und die ganze Art der Erzählung erinnert zu sehr an die arabischen Heldenromane des 11. und 12. Jahrhunderts n. Chr. Alles dieses würde allein genügen, um uns den Gedanken an ein arabisches Original nahezulegen, das vom Verfasser des samaritanischen Josuabuches neben dem massoretischen Text benutzt und streckenweise in Kontribution genommen worden ist. Im günstigsten Falle würde man annehmen, daß wir es hier mit einem samaritanischen Schriftsteller zu tun haben, der wohl hebräisch schrieb, aber arabisch dachte. In beiden- Fällen würde somit die Entstehungszeit des sameritanischen Josuabuches ganz bedeutend herabgedrückt und frühestens in jene Jahrhunderte (8. bis 12. Jahrhundert n. Chr.) versetzt werden müssen, in denen die Samaritaner mit der arabischen Sprache und Zivilisation in engster Berührung standen. Um nun die Frage zu entscheiden, ob wir es im samaritanischen Josua mit einem Werke zu tun haben, das von einem arabisch gebildeten Schriftsteller zuerst jn hebräischer Sprache verfaßt wurde, oder ob hier eine direkte Übersetzung aus einem in arabischer Sprache verfaßten Josua vorliegt, wollen wir das Verhältnis des. samaritanischen Josua zu den angeblichen arabischen Versionen des Josuabuches, bzw. den arabischen Chroniken der Samaritaner, in denen auch die Josuazeit ausführlich behandelt wird, untersuchen. In seiner Einleitung § 30 f. spricht der Herausgeber von zwei arabischen Chroniken, denen der samaritanische Josua als Quelle gedient haben soll. Die eine ist die Chronik des Abul-Fath ai-Samiri al-Danafi (um 1350 n. Chr.), die von Ed. Vilmar unter dem Titel „Abul-Fathi annales samaritani" im Jahre 1865 zu Gotha nebst einer lateinischen Einleitung herausgegeben und später noch einmal von R. Payne-Smith in Heidenheims Vierteljahrschrift II, 304 ff. bis ungefähr zur Hälfte nebst einer englischen Obersetzung veröffentlicht worden ist. Diese Chronik, meint der Herausgeber, stehe dem samaritanischen Josua ganz unzweifelhaft am nächsten, nur sei das Josuabuch von Abul-Fath in stark gekürzter Form aufgenommen worden, mit Ausnahme-von Kap. 16 bis 21, die von ihm bedeutend vermehrt worden zu sein schienen. Die zweite Chronik ist die von Juynboll im Jahre 1846 zu Leiden unter dem Titel „Chronicon Samaritanum cui titulus est liber Josuae" nebst einer großen Einleitung und lateinischen Übersetzung veröffentlichte. Auch diese Chronik, meint Hr. Dr. Gaster, stimme in Einzelheiten mit dem samaritanischen Josua überein, nur habe der Kompilator des Chronicon Samaritanum, der selbst eingesteht seine Quellen frei behandelt zu haben, seiner Phantasie freien Lauf gelassen und sowohl die Gebete als auch die Anreden und die Briefe durch schwülstige Zusätze verlängert. Auf alle Fälle hätten beide, sowohl Abul-Fath als auch der Kompilator des Chronicon Samaritanum, den samaritanischen Josua, wie er sich erhalten hat, also in hebräischer Sprache, als Quelle benutzt und, soweit es ihnen zweckmäßig erschienen sei, verkürzt oder vermehrt. Um mir einen klaren Begriff von dem Verhältnis der erwähnten Chroniken zum samaritanischen Josua zu verschaffen, nahm ich zunächst die Annalen des Abul-Fath (ed. Vilmar) vor. Bei der Durchsicht dieser Annalen fiel mir sofort auf, daß. Abul-Fath-in seinem Vorwort S. 5, Z. 10 f. ausdrücklich bemerkt, daß er unter den Werken, die ihm bei der Abfassung seiner Annalen als Quellen gedient haben; auch einen in arabischer Sprache und in arabischen Charakteren geschriebenen Josua benutzt hat Hrn. Dr. Gaster scheint gerade diese Stelle entgangen zu sein, es sei denn, daß 'er nur die lateinische Einleitung Vilmars, wo diese Bemerkung des Abul-Fath unübersetzt geblieben ist, nicht aber das arabisch geschriebene Vorwort des Abul-Fath selbst gelesen hat. Von einem hebräisch geschriebenen Josua weiß Abul-Fath absolut nichts! Ferner fiel mir beim Vergleichen der Annalen mit dem samaritanischen Josua auf, daß beide in sprachlicher und stilistischer Beziehung zur hebräischen und arabischen Sprache ein entgegengesetztes Verhältnis aufweisen: der samaritanische Josua ist in dem Teile, wo er dem massoretischen Text folgt,