Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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müssen wir folgerichtig und geradlinig sein. Das sind Ewigkeitswerte, da gibt's kein Lavieren und keine kleinlichen Kümprornisse; die Mittel und Methoden unterliegen notwendige/weise dem Einflüsse der Zeitverhältnisse. Nichts darf hier dogmatisiert werden, weil ein politisches Wirken sich nie mit Dogmen vertragen kann. Es war auch eine arge Übertreibung, wenn man einerseits auf die Dogmatisierung eines „politischen" und anderseits eines „praktischen" Zionismus drängte. Auch in dieser Beziehung sind die Möglichkeiten nicht schematisch und abstrakt von vornhereinfestzusetzen. Die außerhalb von uns liegenden Faktoren entscheiden hier mit. Innerhalb, vom Äußern unaöhängig, in uns selbst begründet und unwandelbar ist nur der Zionismus im allgemeinen, die Pflicht, sich "dem Ziele auf allen möglichen und gangbaren Wegen zu nähern. Es ist also eine Phrase, wenn man jetzt vom „Zionismus am Scheidewege" spricht. Der Zionismus an sich, d. h. die Idee, die Notwendigkeit der Erhaltung und Entwicklung der Organisation usw., wurzeln zu tief in unserer Geschichte, in unsern Schicksalen, in unserer Seele, als daß sie von irgendwelchen äußern Ereignissen berührt werden könnten. Es sind nur die Methoden zionistischer Tätigkeit in der Türkei und in Palästina, die wahrscheinlich in leichtere und bessere Bahnen geleitet werden können. Das Ziel, das Prinzip bleibt dasselbe; die Praxis tritt möglicherweise in eine neue und zukunftsreiche Entwickelungsphase ein. Deshalb bedurften wir noch nie großer Energie, reichlicher Mittel, rühriger, allseitiger, wachsamer Aktivität in einem so hohen Maße wie jetzt. Es liegt auf der Hand, daß die neue Staatsverfassung in der Türkei nunmehr das beherrschende Moment unserer Politik in Palästina werden muß. Nicht als privilegierte Kaste, sondern auf dem breiten Boden bürgerlicher und nationaler Gleichberechtigung werden wir unsern Besitzstand zu verteidigen und zu mehren suchen. Zunächst werden unsere bis jetzt dort als Ausländer lebenden Brüder die Naturalisation nachsuchen. Nach Lage der Sache wäre das Festhalten an fremdländischer Konsularprotektion sinnlos; die Verfassung hat dies zu einem Anachronismus gemacht. Unsere Kolonisten sind de facto ein produktives Element des wirtschaftlichen Staatslebens; es wäre eine Politik der Zweideutigkeit und der Doppelzüngigkeit, die wir unter allen Umständen vermeiden müssen, würden sie es auch nicht de jure werden. Selbstverständlich muß in unserer Politik das nationale Moment überwiegen. Das große leuchtende Ziel eines nationalen Sichauslebens in unserer Heimstätte dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Für uns existiert in dieser Beziehung kein Widerspruch: die Unversehrtheit des osmanischen Gesamtreiches, die Oberhoheit der Zentralregierung galten uns immer als Grundbedingungen, und wenn wir jetzt dieses Motiv mit allem Nachdruck unterstreichen, so ist es ebensowenig eine Programmänderung wie eine Schmeicherei, es ist der gesunde Menschenverstand, der es begreiflich macht, daß uns, im eigensten wohlverstandenen Interesse" und unter dem Gesichtswinkel unserer eigenen Existenzbedürfnisse betrachtet, ein verfassungsmäßig geordnetes Staatswesen viel mehr als ein primitives, despotisch-absolutistisches Reich zusagt. Wir werden uns bemühen, ein freundschaftliches Band großstaatlicher Zusammengehörigkeit um uns und die andern zu schlingen. Zu diesem Zweck werden wir Politik treiben müssen, und wir werden ehrliche Politik treiben. Die Lage ist besser, trotzdem darf man sich in dieser Beziehung keinen Illusionen hingeben. Es werden jetzt in der Presse Interviews mit diesen oder jenen Jungtürken veröffentlicht; wir könnten täglich, ja stündlich solche Enunziationen, die allzu andächtig, mit übertriebener Wertschätzung an die große Glocke gehängt werden, der Öffentlichkeit bieten. Aber man muß die Dinge mit Ruhe und mit Berücksichtigung des gesamten Zusammenhanges betrachten. Man muß darauf gefaßt sein, daß — trotz vieler sympathischer Äußerungen — dieses oder jenes jungtürkische Komitee auf Grund unrichtiger Informationen, von gegnerischer Seite beeinflußt, gegen uns gewisse Vorurteile hat, von diesen Vorurteilen geleitet, sich sogar zu gewissen Maßnahmen eines ungerechtfertigten Ostrazismus veranlaßt sehen wird. Da wird die antizionistische Presse in-dieWelt hinausrufen: Nun ist es aus mit dem Zionismus! Gegen all diese Mißverständnisse und Beunruhigungen — die nicht ausbleiben können — müssen wir gerüstet sein. Das ist Politik. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß in der Türkei, ja selbst in Palästina, manche assimilatorische, früher französierende und jetzt ottomanisch tuende Elemente jene Politik anzubahnen bestrebt sein werden, die unser Volkstum überall entmannt und entseelt hat: die Politik der Assimilation. Einem solchen Treiben werden wir entgegentreten. Auch das ist Politik! Wir geben nichts auf, und die veränderten Zeitverhältnisse können uns nicht veranlassen, unsere Werte umzuwerten. Wir sind keine Eintagsfliegen, sondern ein altes, schwergeprüftes und erfahrungsreiches Volk. Es ist, ein leeres Schlagwort, wenn man sagt, man müsse durch den bisherigen „diplomatischen Zionismus" einen dicken Strich machen. Weder existiert ein prinzipiell „diplomatischer Zionismus", noch muß man durch den bisherigen Zionismus auch nur einen dünnen Strich machen. Im Gegenteil: man muß mit verdoppelter Energie weiterarbeiten. Dies und nichts anderes ist — die Konsequenz der „letzten Ereignisse"! N. S. Über die Unechtheit des samaritanischen Josuabuches*) Von Dr. A. S. Yahuda in Berlin Vor einigen Wochen ging von London aus durch die gesamte Presse die Nachricht von der Entdeckung eines alten samaritanischen Josuabuches in hebräischer Sprache. Hr. Dr. Gaster, ein Gelehrter, der sich durch seine Forschungen auf dem Gebiete der apokryphischen Literatur einen Namen gemacht und sich auch mit der samaritanischen Literatur und Sprache eingehend beschäftigt hat, habe in einer Sitzung der Royal Asiatic Society in London das von ihm entdeckte Josuabuch mit vielen unbekannten Zusätzen und wichtigen Abweichungen von unserem biblischen Josua vorgelegt und über die große Bedeutung seiner Entdeckung ausführlich berichtet. Der Text werde bald in einer fachwissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen. Diese Nachricht hat mit Recht das größte Aufsehen erregt. Man erwartete die angekündigte Veröffentlichung mit um so größerer Spannung, .da schon vor mehr denn 300 Jahren die Nachricht von einem samaritanischen Josua in Europa aufgetaucht war, es aber *) Ober die aufsehenerregende angebliche Entdeckung eines hebräischen Josuamanuskriptes, über die wir jüngst berichtet haben, hielt Dr. Yahuda. Professor der Lehranstalt der Wissenschaft des' Judentums in Berlin, jüngst in der Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag, den er nachher auf dem Internationalen Orientalistenkongreß in Kopenhagen wiederholte. Durch das Entgegenkommen des Vortragenden sind wir in der Lage, als erste Zeitung, einen übersichtlichen Aus2ug seines Vortrages zu bringen. Herr Dr. Gaster beabsichtigt wie er uns mitteilt die Ausführungen Dr. Yahudas in einer längeren Abhandlung zu widerlegen, über die wir seinerzeit unsere Leser gleichfalls informieren werden.