Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-09-04 · 35 (4.9.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316332--51005-3378396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die Offenheit der politischen Zweckbestimmung entstand eine neue Partei, an die sich Kreise anschlössen, die dem Chowew-Ziontum nicht zugänglich waren und in der auch die seelisch-erschöpften Chowewim zu neuem Leben erwachten. Nur dadurch ist es gelungen, die Volksphantasie anzuregen, die Herzen und die Taschen in einem nicht übertriebenen jedoch nicht zu unterschätzenden Maße zu öffnen, d. h. den Anfang national-finanzieller und organisatorischer Machtmittel zu schaffen, die, wenn sie wirklich die richtige Höhe erreicht hätten, die Verwirklichung des politischen Ideais ermöglichen könnten. Wenigstens ist der Anfang geschaffen worden. Wenn man im politischen Zionismus Herzls eine Leitidee finden will, so ist es nicht die „Diplomatie",. wie man sich unglücklich ausdrückt, sondern etwas ganz anderes: Herzl verfolgte keine allgemein-liberale Gefühlspolitik, sondern eine auf das Endziel gerichtete national-jüdische Interessenpolitik. Der felsenfeste Glaube an die ideale Lauterkeit der von ihm vertretenen Sache ließ ihm nur mehr eine äußerst geringe Empfänglichkeit für sonstige nebensächliche und kurzlebige „Idealchen". Er trat überall heran und wandte die verschiedensten Methoden mit den Modifikationen an, die sich aus den besondern Verhältnissen der Länder, der Menschen und der Zeit ergaben. Er war zu sehr von der Tragödie seines Volkes durchdrungen, als daß er das Kleintragische der Notwendigkeit eines Inbeziehungtretens zu diesem' oder jenem Machthaber empfinden konnte. Er stand schon so erhaben über dem Elend des Goluth, daß die Erscheinungen, ja auch die Vertreter des Antisemitismus ihn nicht mehr blamieren konnten, sie wurden für ihn objektiviert. Unsere kleinliche ethische Entrüstung, unser spitzfindiges Analysieren der Eigenschaften jeder Partei und jeder Persönlichkeit, mit der es uns „gestattet" ist, zu unterhandeln, unsere schulmeisterlichen Nuancierungen der „reinen" und „unreinen" Mittel, unsere ewige Ängstlichkeit und Scheu und Skepsis waren ihm fremd. Wäre er so subtil gewesen, hätte er auch nicht den Zionismus erschaffen können. Nein, unsere kleinen Maßstäbe reichen an diese Größe nicht heran! Es war pure Kinderei, daß man dem „Diplomaten" die primitiven Heiligen als Ideal entgegenstellte. Die Hineinziehung nicht zur Sache gehöriger und von niemanden in Frage gestellter prophetischer Ideen in die Wertschätzung des politischen Zionismus war, gelinde gesagt, eine abgeschmackte Plattheit. Es ist noch sehr fraglich, ob man noch heutzutage Volkspolitik in der Form der alten Propheten machen kann, und kann man sie in dieser Form machen, so möge man es versuchen! Wer wird leugnen, daß es Pflicht ist, im Tumult und Kampfe des Tages die Ideale zu vertreten? Unsere Doktrinäre, unsere Traditionsmänner und Detailidealisten waren vor dem Zionismus, sind jetzt vorhanden und können alle möglichen Verdienste auf den Gebieten, .die ihnen niemand streitig macht, erwerben. Herzls Zionismus war planmäßig, folgerichtig und harmonisch. Er benutzte die Anhaltspunkte, wo sie sich boten, wo man sie nur schaffen konnte. War die Möglichkeit da, in einem Parlament zu sprechen, so benutzte er sie; ja, er zog sie, während der Pari. Royal Commission, sozusagen „an den Haaren" her. Das war in England. Nicht so in der Türkei.. Wirken Sie in der Türkei nach englischem Muster! Das wäre eine Ungereimtheit, eine Sinnlosigkeit! In der Türkei ■ mußte man nach türkischer Art, m England nach englischer Art wirken. Ganz so wie es auf die Nerven der Demov kraten gefallen ist, daß man zu „hohen Herren redete", ist es wiederum den Aristokraten in die Glieder gefahren, daß man den „Plebs" zu Kongressen versammelte. In Polen machte man seinerzeit gegen den Zionismus Stimmung, weil er „der deutschen Regierung nahe stand", also „hakatistisch" sei (ein so kluger Mann wie Professor Baudoin de Courtenay schrieb erst unlängst dieses Absurdum näch); in einer gewissen Periode, als Chamberlain einer der bestgehaßtesten Männer Europas war, verketzerte man den Zionismus wegen früherer Beziehungen zu diesem Staatsmann usw. Auf einem etwas höherem Niveau steht die zu einem geflügelten Wort gewordene „zionistische Diplomatie" —, als Begleiterscheinung mancher Bemühungen richtig, als Prinzip ein erbärmliches Produkt gegnerischer Einbildungskraft. Niemals hat ein „diplomatischer" Zionismus als ein System, existiert. Was nicht existiert hat, oder richtiger: was. nicht als ein Axiom, sondern als ein praktisches Aushilfsmittel, als eine Verkehrsform existiert hat, kann auch nicht aufgehoben werden. Man muß den bisherigen Entwicklungsgang klar sehen und deshalb war es notwendig, auf die Vergangenheit zurückzugreifen, um die gegenwärtigen Aufgaben richtig vorzuzeichnen. Man kann ebensowenig jetzt wie früher aus dem Programm zionistischer Aushilfsmittel die Versuche einer Verständigung mit den maßgebenden Kreisen deshalb streichen, weil es dem einen oder dem andern gefallen wird, es sarkastisch zu behandeln. Nicht nur dieses Gebiet, auch das praktische liefert in seinen Kleinigkeiten, wenn sie aus dem Ganzen herausgerissen werden, einen ergiebigen Stoff für die beißendste Satire, und deshalb wird doch die große Bedeutung jeder Kleinigkeit, dienoch so sehr ins Lächerliche gezogen werden kann, nicht herabgesetzt-. Mit dem Gelingen und Mißlingen der Versuche, hat es auch sein gleiches Bewenden. Die Versuchstätigkeit behält ihren Wert im ganzen. Zu tadeln ist nur, wenn nichts versucht wird, oder wenn die Energie nach jeder kleinen Enttäuschung schnell erlahmt. Es besteht gar keine Programmfrage, wenn es jetzt den Anschein hat, daß man in der Türkei nicht mit einer absoluten, sondern mit einer konstitutionellen Regierung zu tun haben wird. Wir wollen gerne annehmen, daß diese konstitutionelle Regierung sich für die Dauer mit vollständiger Sicherheit festsetzen wird. Was dann? Dann ist es selbstverständlich, daß sich daraus modernere und rationellere Formen für unsere Bestrebungen oder Bemühungen ergeben werden. Im Prinzip ändert sich dadurch nichts, — war ja auch früher die Art des Herantretens an die Hohe Pforte kein Prinzip, sondern eine den Verhältnissen sich anpassende Methode, die früher nicht anders sein konnte und die jetzt nicht so wie früher sein kann. So verhält es sich auch mit der „Genehmigung der Großmächte". Auch das war nicht ein Prinzip an sich; es war kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck, eine Sicherheitsgewähr, die unter den frühern Verhältnissen als unentbehrlich schien, die augenblicklich als ein vielleicht entbehrliches „pium desideratum" scheint, die jedoch unter Umständen eine neue Bedeutung gewinnen kann. Prinzip ist nur die Heimstätte, die nationale Sicherheit, — alles andere ist Beiwerk. In puncto Prinzip

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.