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Die Welt · 1908-09-04 · 35 (4.9.1908) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE EKELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6%*/ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 4. September 1908 pnnb Bbnn'e* W»* *n No. 35. DER ZIONISMUS — AM SCHEIDEWEGE? Zum Phrasenbesfand unserer Gegner gehörte schon länge die Behauptung, man hätte bei uns einen „diplomatischen" Zionismus, geführt, d. h. einen Zionismus, der darin bestände,. in Regierungskabinetten zu antichambrieren und Audienzen nachzusuchen. Die Herren, die sich dazu berufen fühlten, Korrekturen der zionistischen Anschauungen und Zensuren ' über zionistisches Wohlverhalten auszuteilen, haben bekanntlicherweise Herzl schon längst wegen dieses sogenannten „diplomatischen" Zionismus eine sehr schlechte Note gegeben. Man gefiel sich — nicht hur von außen, sondern auch unter uns selbst — in 'einer schneidenden Ironisierung der. „Diplomatie". Es ließ sich so leicht schreiben — vom „demokratischen", vom „prophetisch-historischen", vom „ethischen" Standpunkte, — wie es beliebte! Ein journalistisches Baby mochte all das schon auswendig deklamieren. Jeder, der die Sache kritisch verfolgt hat und Zusammenhänge zu verstehen vermag, begriff schon lange die Sinnlosigkeit der polemischen Schwindelparole: „Diplomatischer Zionismus." Der Schwindel Bestand darin, daß man sich nicht entblödete, den elementaren logischen Fehler einer Verwechslung von Zweck und Mittel zu machen. Man verkennt Inhalt und Geschichte, und man verliert den richtigen Maßstab für die Verhältnisse, wenn man glaubt, Herzls Zionismus hätte grundsätzlich eine diplomatische Gestaltung. Man könnte ~ ebensogut sagen, das Stadtkasino zu Basel sei ein prinzipieller, obligatorischer Rahmen für den Herzl'schen Zionismus gewesen, also ein ... Kasino- Zionismus. Tatsächlich war das, was man mit dem boshaft pikant sein sollenden Schlagwort „Diplomatie" bezeichnet, ein ebenso nebensächliches, vorübergehendes und dem Wechsel der Verhältnisse unterworfenes Moment, wie jedes andere Mittel,, Akzessorium, Experiment. Es war nicht das einzige, und es wäre auch nicht das letzte geblieben. Herzl wandte sich zunächst an die Geldfürsten Israels; er schuf dann einen Volkskongreß; er suchte die Beziehungen und redete zu Staätslenkern und Politikern usw; Also machte er einen „plutokratischen", einen „demokratischen" und einen „diplomatischen" Zionismus? Tatsächlich ist das nur ein Gaukelspiel von Worten, eine mißverständliche Auffassung der Begriffe, ein müßiger Streit, der den Gegenstand verwirrt und verdunkelt, anstatt ihn zu klären. " - Man muß sich darauf zurückbesinnen, wie im Chowewe-Ziontum, — dessen Verdienste niemand ber zweifeln kann, — alles matt und enttäuscht, verärgert und mißgestimmt war, wie es mit derselben Methode nicht mehr weiter ging. Schnellebig und vergeßlich, wie wir einmal sind, stellen wir jetzt die auf wohlfeiler Treppenwitzklugheit beruhende, nach rückwärts gerichtete Frage: warum haben wir nicht lieber „prak- . tisch" gearbeitet? Schon vergessen wir, daß wir bis 1907 „praktisch" gearbeitet haben. Daß wir nicht mehr geleistet, dadurch ist nur der Nachweis erbracht worden, daß die Impulse, die das Chowewe-Ziontum erzeugten und nährten, eben nur so viel und nicht mehr hervorbringen konnten. Wir können uns noch ganz genau der Reden erinnern, die in der russischen Landsmannschaft auf dem ersten Kongreß von mancher chowewzionistischer' Seite gehalten worden sind. Man war zu einem Verein herabgesunken, die Einnahmen hatten sich vermindert, die selbständigen Versuche waren meistens 'gescheitert, in der Rothschildschen Philanthropie war eine Reaktion eingetreten, außerhalb Rußlands war hier die „Esra", dort irgendein anderer Verein, aber weder basierten sie auf einer nationalen Grundanschauung, noch vermochten sie sich zusammenzutun. Man gelangte bis an die Grenze des „Praktischen", es ging einfach nicht weiter. Das schöpferische Talent, der hohe Gedankenflug, die organisatorischen Fähigkeiten und der Zauber der Persönlichkeit Herzls haben wohl Wunder geschaffen, aber der Hauptgrund des «Erfolges lag eben'darin,-daß neue Parolen ausgegeben und neue Perspektiven eröffnet worden sind. Sogar ein Herzl —- mit rein chowew-zionistischen Anregungen konnte zu jener Zeit vielleicht mehr ausrichten, als einDurchschnitts-„Esra~- Führer, aber nicht viel mehr. — Nur durch das Großzügige, das rücksichtslose, heroisch-kühne Proklamieren einer Nationalität, nur durch die naive, aber zugleich . imposante Ahnungslosigkeit der Schwierigkeiten, die dem Genie eigen ist, — und am wesentlichsten durch

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