Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 31 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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- DIE1EKELT - No. 31 SPRECHSAAL =^^=TTi (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Eine PseudoVereinigung jüdischer Organisationen Das Projekt einer Vereinigung der jüdischen Organisationen großen Stils war in der letzten Zeit mehrfach Gegenstand verschiedener offizieller und nicht offizieller Beratungen und Beschlüsse, welche die maßgebenden Kreise direkt oder indirekt veranlaßten,- dem wiederholt angeregten Gedanken der Zentralisation ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Es durfte konstatiert werden, daß dieser Gedanke in den meisten jüdischen Organisationen große Sympathien besitzt und bereits von einer als vorurteilslos bekannten jüdischen Körperschaft in mehreren vorbereitenden Aktionen bedeutend gefördert wurde. Leider begegnete er dem hartnäckigen Widerstande, gewisser, finanziell mächtiger Institute, die mit den nationalen Organisationen der Judenheit auf keinem Gebiete eine Verbindung eingehen zu wollen erklärten. Vor kurzem aber haben sie, durch die zugunsten des besagten Projekts immer zunehmende Stimmung gedrängt, ihre Stellungnahme geändert, indem sie die Gründung eines „Internationalen jüdischen Komitees" beschlossen haben. Erfährt man aber, wie sich dieses Komitee konstituiert und welchen Charakter es hat, so sieht man bald ein, daß mit dieser partiellen Koalition nur der Zweck verfolgt werden kann, der so sehr befürchteten Realisierung des geplanten Zusammenschlusses der jüdischen Organisationen durch eine PseudoVereinigung rechtzeitig vorzubeugen. So werden aus dem „Komitee" sämtliche nationalen Organisationen ausgeschlossen (dagegen hat die Alliance eine doppelte Vertretung, Paris und Berlin je 2 Delegierte). Der der geplanten Vereinigung zugrunde liegende Gedanke wurde ferner mit dem Beschluß illusorisch gemacht, wonach ihr jeder Inhalt einer Betätigung versagt bleibt, solange keine außergewöhnlichen Katastrophen in der jüdischen Welt sich ereignen. Dieses so geartete „Internationale Jüdische Komitee" bedeutet daher: a) eine Ignorierung und mithin eine Schmähung der nationalen Organisationen der Judenheit; b) eine Fiktion des jahrelang geplanten Verbandes,, die sich unrechtmäßig den irritierenden Namen beilegte und den falschen Glauben zu erwecken geeignet ist, als sei sie eine Vertretung der jüdischen Organisationen. Als einer der Mitarbeiter an dem Projekt einer „Vereinigung der jüdischen Organisationen" erlaube ich mir, die jüdische Öffentlichkeit auf die Illegitimität des unter Ausschluß der nationalen Organisationen der Judenheit begründeten sogenannten „Internationalen Jüdischen Komitees" aufmerksam zu machen und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die jüdisch-nationalen Körperschaften gegen die ihnen zugefügte Beleidigung gebührenden Protest erheben mögen. Ferner erlaube ich mir, im Namen mehrerer Förderer des Zentralisationsprojekts die Erklärung abzugeben, daß wir auch fortan bestrebt sind, eine berufene Vereinigung der jüdischen Organisationen zu schaffen. Folgende Thesen mögen hier zur Diskussion gestellt werden: 1. Ober die mannigfachen Differenzen hinaus haben die philanthropischen und politischen Organisationen der Judenheit auf vielen Gebieten international-jüdischer Interessen bestimmte, und bestimmbare Verbindungspunkte. Diese Verbindungspunkte sollen die Basis für einen Verband der jüdischen Organisationen bilden. 2. Die Zerstreuung der Juden in allen Weltteilen befindet sich in einem verhängnisvollen Widerspruche zur Interesseneinheit der Gesamtjudenheit. Der Zerstreuung soll ein Gegengewicht — solange uns eine andere adäquate Form versagt bleibt — in der Form einer Konzentration der repräsentativen ""Körperschaften des jüdischen Volkes geschaffen werden. 3. Die Notwendigkeit einer solchen Vereinigung tritt besonders augenscheinlich in Momenten folgenschwerer Katastrophen hervor, wie sie oft die östlichen Juden heimzusuchen pflegen. Die letzten Pogrom jähre haben uns gezeigt: a) Der Mangel an einer Zentralisation des Hilfswerks verursacht Mißtrauen und Verwirrung inbezug auf Geldsammlung und Geldverteilung. (Man denke z. B. an die Zersplitterung der sogenannten Selbstschutz-Hilfskassen, die gegenseitige Verdächtigungen und eine die Hilfsärbeit stark beeinträchtigende Verstimmung der Spender zur Folge hatte; auch mag hier erwähnt werden, daß manche Gruppen, da es keine kontrollierende und verantwortliche Instanz gab, unter dem Deckmantel des Selbstschutzes für andere Zwecke mehrfach Geldsammlungen veranstalten durften.) ' b) Eine gemeinsame Arbeit der Organisationen erhöht sowohl den materiellen .als moralischen Wert der Hilfeleistung. c) Ein gemeinsames Vorgehen der jüdischen Organisationen vermag auch,vorbeugend zu wirken. Indessen darf die Existenzberechtigung des besagten Verbandes nicht von der Eintrittsmöglichkeit solcher Katastrophen hergeleitet oder abhängig gemacht werden; ebensowenig dürfen sie seinen Charakter bestimmen, geschweige seinen Inhalt erschöpfen. Dieser Verband soll eine permanente Institution sein, die ihr Wirkungsterrain nach Möglichkeit und Notwendigkeit zu erweitern hat. Ihr Gesichtspunkt ist mithin: Das Maximum einer erreichbaren Verständigung unter den jüdischen Organisationen auf all den Gebieten, wo eine gemeinsame Arbeit der verschiedenen Körperschaften möglich und zweckmäßig ist. 4. Die gefährdeten Interessen der Judenheit, die materiellen und moralischen, machen eine Vertretung der Juden nach außen hin erforderlich. Es ist dies auch ein moralisches Postulat, welches dem Bedürfnisse entspricht, das Ansehen der jüdischen Gesamtheit als solcher würdig zu wahren. (In vielen Kreisen begegnet man der Ansicht, die „Alliance Israelite Universelle" hätte, indem sie als eine Repräsentanz der Judenheit auftrat und den Glauben an einen jüdischen Universalbund erweckte, dem Antisemitismus Nahrung zugeführt und somit schädlich gewirkt. Diese Ansicht kann nur auf mangelhaftem Sinn für Volkswürde und irriger Auffassung der jüdischen Volksinteresen beruhen. Es gehört vielmehr zu den großen Verdiensten der Alliance, das Ansehen der Gesamtjudenheit in den Augen der Völker und Mächte durch ihren stokklingenden Namen erhöht zu haben; die wiederholten erbitterten Ausfälle des Antisemitismus gegen die Alliance legen gerade ein beredtes Zeugnis davon ab. Leider aber fehlt diesem herrlichen Namen der entsprechende Inhalt. Die Alliance hat daher den Nachteil einer fingierten Repräsentanz der Juden, wenn sie auch schon als Fiktion einen nicht zu unterschätzenden moralischen Wert hat.) 5. Als Repräsentanz der Juden nach außen hin muß der Verband bestrebt sein, sich das Vertrauen des Volkes zu sichern. Es soll daher dem Gesichtspunkte der Popularität Rechnung getragen werden. 6. Religiöse und kulturelle Fragen sind ihrem Charakter nach nicht geeignet, eine gemeinsame Plattform für alle Organisationen zu bilden; sie sind daher aus dem Programm des Verbandes ausgeschlossen. 7. Die Kompetenz des Verbandes darf nicht die Kompetenz der Einzelorganisationen einschränken. Jede Einzelorganisatiön bieibt in ihrer lokalen Autonomie unversehrt. Berlin, Ende Juli 1908. Dr. Jacob Klatzkin NOTIZEN Die Kölnische Zeitung über das Zionistische ABC-Buch . Unter der Überschrift „Die Zionistenfibel" bringt die „Kölnische Zeitung" nachstehenden, bei der Bedeutung des Blattes besonders bemerkenswerten Artikel über das zionistische ABC-Buch: Am 29. August 1897 wurde in Basel der 1. Zionistenkongreß eröffnet, der das zionistische Programm (Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina; aufgestellt und die zionistische Organisation begründet hat. Die zehnjährige Geschichte, auf die der moderne Zionismus somit zurückblickt, ist im Zionistischen ABC-Buch (herausgegeben mit Unterstützung zahlreicher sachverständiger Mitarbeiter von der zionistischen Vereinigung für Deutschland, Berlin-Charlottenburg, Verlag Zionistisches Zentralbureau, 1908) in klarer übersichtlich geordneter und fesselnder Weise beschrieben. Die weit ins vorige Jahrhundert zurückgreifenden Anfänge der Bewegung, die innem und äußern, politischen und religiösen Verhältnisse, die bei ihrer Entstehung und Erstarkung mitgewirkt haben; die Geschichte des eigentlichen Zionismus, seiner Kongresse und Führer;, das Wesentliche seiner Organisation und Institutionen; das Verhältnis der Zionistischen Vereinigung zu den übrigen jüdischen Verbänden und das Verhältnis der zioni-