Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 31 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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W^W^W^^^^"^ Nö. 31 ■== DIE3 stischen Idee zu den andern kulturbewegenden jüdischen Ideen; sodann die Palästinafrage in ihrem ganzen Umfange, Landwirtschaft und Industrie, Historisches und Kulturelles, Rechtliches und Politisches, — das alles findet im Zionistischen ABC-Buch unter alphabetisch geordneten Stichwörtern seine manchmal etwas temperamentvolle, aber im übrigen sachlich gehaltene und jedenfalls anregend geschriebene Darstellung. Der in Bonn geborene Vorläufer des modernen Zionismus, Moses Heß, hat in seinem 1S62 erschienenen Buch „Rom und Jerusalem" die grundlegenden Ideen des Zionismus im Kern bereits niedergelegt. Als Vorläufer des politischen Zionismus sind ferner die Choveve Zion (Zionsfreunde) zu betrachten, in Rußland, auf dem Kontinent und in Amerika in \der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gegründete Vereinigungen zur Förderung der Ackerbausiedlungen in Palästina. Seit 1880 und im Anschluß an die Judenexzesse in Rumänien und Rußland nahmen diese Bestrebungen eine bestimmte Form an und begannen, besonders auch durch das Eintreten des Barons Edmund v. Rothschild, auf dem Gebiete der Kolonisation Palästinas praktische Erfolge zu zeitigen. Der Idee einer allmählichen Kolonisierung Palästinas ohne völkerrechtliche Basis trat nun Theodor Herzl in seinem 1895 in Paris geschriebenen, 1896 erschienenen „Judenstaat" entgegen; die endgültige Lösung des auf den Völkern lastenden Judenproblems erblickt er ausschließlich darin, die Juden, zumal die osteuropäischen, im eigenen Lande wieder zu einem schöpferischen, für die ganze Menschheit segensreichen Kulturelement sich entwickeln zu lassen. Das Buch wurde der Ausgangspunkt und sein Verfasser der Führer der modernen zionistischen Bewegung, die ungemein rasch an Umfang und Stärke zunahm. Die acht Kongresse, die, bis auf den letzten im Haag, in Bäsel abgehalten wurden, gestalteten sich zu eindrucksvollen, von der* ganzen Kulturwelt beachteten' Kundgebungen. Die „Schekelzahler" (Schekel. die alte biblische Landesmünze und jährliche Steuer an den Tempel in Jerusalem, ist als Bezeichnung für den Jahresbeitrag der Zionisten aufgenommen worden) vermehrten sich von 78 000 im Jahre 1898 auf 200 000 im Jahre 1905; von ihnen leben fast zwei Drittel in Rußland; Deutschland zählt gegen 5000 organisierte Zionisten, und die übrigen verteilen sich auf alle Länder und Erdteile. Die Jüdische Kolonialbank, die in London ihre*n Sitz hat und das finanzielle Werkzeug des Zionismus darstellt, hat im Jahre 1902 mit einem Kapital von 250 000 Pfd. St ihre Geschäfte eröffnet, ihr Interessenkreis ist Syrien und Palästina; in Jaffa, Jerusalem, Beirut und Hebron bestehen Zweigstellen der von ihr begründeten Anglo-Palestine Company. Von wichtigen Ereignissen der innern Geschichte der Bewegung ist hervorzuheben, daß Israel Zangwill-London im Territorialismus eine besondere zionistische Abzweigung geschaffen hat und vertritt, mit der Tendenz, ein jüdisches Siedlungsgebiet irgendwo in der Welt, auch außerhalb Palästinas, zu erlangen. Seit dem Tode Herzls (1904) steht David Wolffsohn- Köln als Vorsitzender des engern Aktionskomitees an der Spitze der Bewegung. In der Allgemeinheit hat die zionistische Bewegung eine günstige Aufnahme gefunden; bedeutende Persönlichkeiten, so besonders der verstorbene Großherzog Friedrich von Baden, sind ihr mit unver- -. kennbarem Wohlwollen gegenübergetreten. Unter den Juden selbst aber hat sie tiefe und prinzipielle Gegensätze hervorgerufen. Einem bedeutenden Teil der westeuropäischen Judenheit schienen und scheinen durch die zionistische Bewegung die Errungenschaften!der jüdischen Emanzipation des 19- Jahrhunderts gefährdet, die Bedeutung des Judentums als Religion herabgesetzt und die der Juden als Nation in unnatürlicher Weise vergrößert, und endlich die Stellung . der Juden zu ihren Heimatländern verschoben, ihr Patriotismus und ihre Vaterlandsliebe in Zweifel gesetzt. Nach dieser Seite setzt sich das Zionistische ABC-Buch mit den gegnerischen Ansichten in ausführlicher Weise auseinander, sucht auf der einen Seite den zionistischen Standpunkt zu rechtfertigen und auf der andern die erhobenen Anklagen und aufgetauchten- Befürchtungen zu widerlegen. Unter dem Schlagwort „Moderne Kultur und ihr Einfluß auf die Juden" lesen wir: „Das gegenwärtige Nationaljudentu'm und seine politische Konsequenz, der Zionismus, bedeutet, vom Standpunkt der immanemten Teleologie der jüdischen Volksseele aus, keineswegs eine Abkehr von der seit Mendelssohn eingeschlagenen Entwicklung, sondern vielmehr ihre Vollendung auf dem Wege einer konsequentem Erfassung ihrer von Anbeginn wirksamen Motive, die auf die äußere und innere Befreiung gerichtet waren." Das ist eben der Kernpunkt des Streites: der Begriff „Nationaljudentum" und der innige, unauflösliche Zusammenhang zwischen Religion und Nationalismus, den der Zionismus wie für das alte, so auch für das unter die Völker zerstreute Israel als. gegeben und unaustilgbar annimmt, und der auch dessen ganze Zukunftshoffnung „dürchseelt und durchwältigt". Von diesem Grundgedanken aus r^ELT 17 tritt er dem „Missionsideal der neuern Rabbiner" aufs schärfste entgegen. Er bestreitet, daß die Juden dazu von Gott über die ganze Erde verstreut worden seien, um den Sieg des reinen Monotheismus herbeizuführen, und daß zu diesem Endzweck die Zerstreuung eine bleibende und dauernde sein müsse. Dieser Missionsglaube finde weder im jüdischen Schrifttum, noch in der historischen Entwicklung seine Begründung, und überdies sei für eine religiöse Mission der zerstreuten Juden in der modernen Völkerwelt gar kein Platz vorhanden. Wenn somit der Zionismus aus sachlichen und logischen Gründen dem jüdischen Volke, und zumal den heimatlosen und verelendeten osteuropäischen Juden, eine Heimut bereiten will in dem Lande, das eigentlich nie aufgehört hat, ihnen die Heimat zu bedeuten, so verwahrt er sich ebenso energisch gegen den Vorwurf des, mangelnden Patriotismus: „Wir Juden gehören nicht nur staatsrechtlich zur deutschen, englischen, französischen usw. Staatsnation, wir fühlen uns auch innerlich als ein Stück des Volkes, in dessen Mitte wir leben, durch die gemeinsame Sprache und durch die gemeinschaftliche Kultur, die uns Juden und Nichtjuden als Gebende und Empfangende vereinigt Anderseits aber gehören wir auch der jüdischen Nationalität an. Aus unserer Zugehörigkeit zu jeder dieser Gemeinschaften folgt zugleich, daß wir Pflichten haben und daß die Vernachlässigung derselben gegen die eine so schlimm ist wie gegen die andere ... Und damit ist auch die Frage, ob wir zuerst Deutsche sind oder Juden, in das rechte Licht gerückt. Sie ist ebenso unsinnig wie jene, ob jemand Kaufmann ist . oder lieber in die Alpen reist, weil bei beiden Gliedern jener Frage das gemeinsame tertium comparationis fehlt. In deutschen Dingen, d. h. in allen politischen und kulturellen Fragen, die das Wohl und Wehe des Deutschen Reiches betreffen, sind wir Deutsche; in jüdischen Dingen, d. h. in allen Fragen, die das jüdische Volk, sein Volkstum und seine Zukunft angehen, sind wir Juden. Ein Interessenkonflikt besteht hier nicht und kann gar nicht bestehen. . . Von allen Politikern, die ihre. Unterstützung verlangen, müssen die Juden die formelle Anerkennung der Tatsache fordern, daß die bewußte Zugehörigkeit zur historisch gegebenen Gemeinschaft des Judentums, die uns in keiner Weise an treuer und freudiger Erfüllung aller Staatsbürgerpflichten hindert, mit der Kultur des modernen Staates nicht in Widerspruch steht." (Aus „Patriotismus, Staatsbürgertum und nationale Bestrebungen, Zionismus und deutsche Politik".) Trotz aller energischen Beredsamkeit und dialektischen Schärfe gerade in diesem Punkte ist naturgemäß der Gedanke doch nicht abzuweisen, daß das Zionistische ABC-Buch in diesen wichtigen, übrigens auch die Gemütsseite und individuelle Auffassung betreffenden Fragen den Gordischen Knoten nicht restlos gelöst, sondern vielfach elegant — durchhauen hat Der grundsätzliche Gegner wird auf .diesem Gebiete schwerlich zu überzeugen sein. Aber er wird gut daran tun, zu versuchen, den Standpunkt des andern kennen und möglichst objektiv würdigen zu lernen. Und dazu bietet das Zionistische ABC-Buch (in dem übrigens in . einer fernem Auflage eine Anzahl von Druckfehlern gerade in hebraisierenden Wörtern auszumerzen und die alphabetische Reihenfolge der Stichwörter völlig korrekt einzurichten wäre) eine vorzügliche Handhabe. Romantische Sehnsucht und brutaler, gemeiner Alitagsjammer, schwärmerischer Idealismus und herzbewegendes Mitleid haben im Zionismus eines der eigenartigsten Zeitgebilde geschaffen. Seine Gegenwartswirkung ist unverkennbar und findet u. a. in den literarischen und künstlerischen Leistungen der „jungjüdischen" Dichter, Schriftsteller, Maler und Bildhauer reichen Ausdruck. Was er von seinen letzten und politischen Zielen verwirklicht, das liegt im Schöße der Zukuntt Die Zahl der Juden in Stockholm Nach dem Statistik Arsbok for Stockholm für 1906 gab es in Stockholm im Jahre 1905 im Jahre 1906 männl. weibl. zus. männl. weibl. zus. Einwohner 14650 177306 323866 149254 182 077 331331 darunter Juden 708 716 1 424 717 712 1429 Die Juden sind also an der Gesamtbevölkerung Stockholms mit nur 0,43 °/o beteiligt Jüdisch-nationale akad.-techn. Verbindung „Barissia« in Prag In die Ferialleitung wurden die CB. CB. J. U. C. Jaro Stein und jur. Otto Stern gewählt Die Ferialadresse, an welche alle Zuschriften usw. zu richten sind, ist: J. U. C. Jaro Stein, Prag V,,Zigeunergasse 13. "V '-~±<»%fÄ,+-*£tir.