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Die Welt · 1908-08-07 · 31 (7.8.1908) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
31 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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«-v» * ^r* Vt>'"rii>^"'"ra^?«*:J*S5|;?slL*;> 14 DIE3H5ELT ■ Amerika Die Paßfrage auf dem Demokratischen Parteitag Auch der Parteitag'der demokratischen Partei in Amerika hat ebenso wie der republikanische eine Restitution gefaßt, die sich gegen die Schikanen wendet, die . seitens der russischen Regierung gegen amerikanische Juden verübt! werden, wenn sie nach Rußland fahren wollen. Indessen ist die demokratische Resolution bedeutend schärfer und klarer als die republikanische, deren Fassung -etwas verschwommen ist Die von den Demokraten angenommene Resolution lautet: „Wir verpflichten uns, auf dem gerechten und gesetzmäßigen Schutze unserer Bürger zu Hause und allüberall zu .. bestehen und alle geeigneten Maßregeln zu ihrem Schutze anzuwenden, sei es, daß es sich um Eingeborene, sei es, daß es sich um Naturalisierte handelt, und ihnen ohne Unterschied der Rasse und des Bekenntnisses den gleichen Schutz der Gesetze und den Genuß aller Rechte und Vorrechte zu verbürgen, die ihnen offenstehen. Falls auf Grund der Verträge amerikanischen Bürgern das Recht der Arbeit oder des Aufenthalts oder die Anerkennung amerikanischer Pässe in irgendeinem Lande wegen ihrer Abstammung oder ihres Bekenntnisses versagt wird, verlangen wir sofortige Unterhandlungen mit den Regierungen solcher Länder, um das Verschwinden solcher ungerechter Maßnahmen zu sichern. Wir verlangen, daß in der ganzen Welt ein ordnungsgemäß ausgestellter Paß der Vereinigten Staaten von Amerika als Beweis gelten soll, daß der Inhaber ein amerikanischer Bürger und berechtigt ist, zu verlangen, daß er als solcher behandelt werde." Es ist bemerkenswert, daß diese Resolution sich ausdrücklich gegen die Unterschiede wendet, die gegen amerikanische Bürger wegen ihrer Abstammung oder ihres Glaubens gemacht werden. Damit richtet sich diese Resolution direkt und in der schärfsten Weise gegen die bekannten Maßnahmen der russischen Regierung. Jahresversammlung der Jewish Chautauqua Society Am 21. Juli begann in Buffalo die diesjährige Jahresversammlung der Jewish Chautauqua Society. Diese Gesellschaft ist eine der größten und wichtigsten jüdischen Organisationen Amerikas und bezweckt die Förderung der Wissenschaft des Judentums und Verbreitung jüdischer Kenntnisse in den breiten Volksschichten. Sie verdankt ihre Gründung dem bekannten Rabbi Berkowitz und ihren Namen dem „Chautauqua-System", das sie für ihre Zwecke benutzt und das zuerst von dem Chautauqua Literary Circle in Lake Chautauqua angewendet wurde. Dieses System sucht literarische und wissenschaftliche Bildung durch Herausgabe populärer Schriften, Abhaltung von Volkshochschulkursen, Veranstaltung von Lesezirkeln in einer besonders wirkungsvollen und auf die Massen berechneten Weise zu verbreiten. ^Auf diesem Felde hat die Gesellschaft seit 1893 viel erreicht In den Vereinigten Staaten, in Großbritannien, Canada, Britisch-Indien, überall bestehen Chautauqua-Zirkel. Sie hat eine Menge von Büchern und Schriften herausgegeben und im ganzen eine sehr segensreiche Tätigkeit entwickelt Den Mittelpunkt ihrer Arbeiten bilden die jährlichen Sommerversammlungen, die durch die Fülle des Gebotenen geradezu den Charakter von Ferienkursen über jüdische Wissenschaft angenommen haben. In ihrer diesjährigen Versammlung konnte die Gesellschaft mit Stolz darauf hinweisen, daß sie die größte jüdisch-kulturelle Gesellschaft in Amerika bildet. Die Tagung war diesmal zu einem großen Teil sozialen Problemen gewidmet Andere Vorträge behandelten die englische Literatur und die Bibel, die Einrichtung von Bibelkursen, die Darstellung des Juden in der Kunst die Erteilung des Religionsunterrichts in der Schule, die Behandlung der Ethik in den Religionsschulen usw. Die Einwanderungsfrage in Amerika In einem Vortrage über „Einwanderung" auf der diesjährigen Jahresversammlung der Chautauqua Society präzisierte Mr. Eduard Lauterbach, der bekannte Vorkämpfer der freien Einwanderung, diese Frage, wie folgt: Die Liberal Immigration League ist gegründet worden, um jede weitere Erschwerung der Einwanderung zu bekämpfen, und dieser unserer Vereinigung ist. es auch zu danken, daß das vom Ssnate einstimmig angenommene Gesetz, das die Erhöhung des Betrages, den die Einwanderer vorzeigen müssen," um hereingelassen zu werden, und auch eine Bestimmung enthält wonach die Kenntnis der englischen Sprache Vorbedingung'der Zulassung sein sollte, im Repräsentantenhaus abgelehnt wurde. Bis eine solche Bestimmung nicht auch den Einwohnern unseres Landes auferlegt ist kann sie. nicht gut den Einwanderern gegenüber in Anwendung gebracht werden. No. 31 Ich bin kein Fürsprecher der unbegrenzten Einwanderung, aber ich glaube, daß wir, solange die Einwanderung sich in ihren heutigen Grenzen hält nichts zu fürchten haben. Die einzige Schwierigkeit ist die Verteilung. Die Nord- und Oststaaten sind mit Einwanderern gesättigt, aber im Westen und Süden sind nur wenige. Volle 90 % der Einwanderer gehen nicht westlicher als Chikago und nicht südlicher als Pennsylvahien. Amerika ist immer der Zufluchtshafen der Verfolgten gewesen und sollte es immer sein, oder wir werden wieder die Greuel von Odessa und den andern Städten erleben, wo Juden zu Hunderten massakriert wurden. Viele von denen, die 1882 in Armut und Elend hierhergekommen sind, zählen jetzt zu unsern besten Führern. Ein Viertel New Yorks, das früher wüst und wertlos war, ist von - diesen Leuten kolonisiert worden und heute Millionen Dollars wert Als unter Peter Stuyvesant Juden zum erstenmal nach New York kamen, ließ er sie versprechen, stets" selbst für ihre Armen zii sorgen. Nun, dieses alte Versprechen haben die Juden immer noch treu erfüllt. Nicht nur Religionsgemeinschaft Der „Jewish Comment" schreibt im Anschluß an die Erwähnung der Tatsache, daß kurz hintereinander die amerikanischen Zionisten, die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner und die Chautauqua Gesellschaft ihre Jahresversammlungen abgehalten haben, wozu noch die Jüdische Publikationsgesellschaft der Bund amerikanischjüdischer Gemeinden, die amerikanisch-jüdische Geschichtsgesellschaft die Nationalkonferenz jüdischer Wohltätigkeitsvereine und die Jahresversammlungen der verschiedenen Orden kommen: „Eine ungeheure Menge nutzbringender Tätigkeit repräsentiert sich in diesen Versammlungen, und man kann wohl sagen, daß die amerikanischen Juden Gelegenheit genug haben, über wichtige Dinge, die sie angehen, informiert zu werden. Es muß darum auffallen, daß während des Jahres keine Versammlung solcher Leute stattfindet die rein und ausschließlich am Judentum religiös, aber nicht berufsmäßig interessiert sind. Der Bund amerikanisch-jüdischer Gemeinden kommt hauptsächlich zu administrativen Zwecken zusammen, und sowohl die Konferenz amerikanischer Rabbiner und die Union orthodoxer Rabbiner üben, nur auf den Berufsmann Anziehungskraft aus. Es möchte scheinen, daß nicht genug Laieninteresse vorhanden ist um eine Versammlung zusammenzuberufen öder gar nur anzuregen. Woher kommt es, daß, wenn wir, wie die Jahreskonferenzen doch zeigen, die Idee des Wiederauflebens des Judentums annehmen, wir alles aufgreifen außer der Religion? Wir möchten "weder die geistige Bedeutung noch das Wünschenswerte einer solchen Versammlung hervorheben, jedenfalls ist es.bemerkenswert, daß die religiöse Seite des Judentums vom Volke absolut außeracht gelassen wird. Eine jüdische Zeitung des Westens macht die kritische Bemerkung, daß die Konferenz der amerikanischen Zionisten keine Notiz von der jüdischen Religion nahm, aber sie vergißt hinzuzufügen, daß diese Kritik sich nicht gegen eine einzelne Organisation richten darf, sondern für alle zutrifft Anderseits mag hervorgehoben werden, daß die zahlreichen Versammlungen, bei denen die Religion nur zufällig erwähnt wurde, einen Beweis dafür abgeben, daß es andere Dinge sind als die Religion, die das Interesse der Juden als solche erregen und sie zusammenhalten. Dies, denken wir, ist die Erklärung, und sie gibt denen nur geringe Aussichten, die sich beschwert fühlen, weil die Religion nicht jede jüdische Versammlung beherrscht. Das ist für die hart die die Juden lediglich als eine religiöse Gemeinschaft aufgefaßt haben -wollen, ohne jede andere Gemeinsamkeit von Interessen. Aber die Tatsachen sprechen für sich selbst" Antisemitismus in Amerika Dem Antisemitismus ist in Amerika ein neuer Helfer entstanden, der sowohl durch die hohe Stellung, die ereinnimmt, als auch durch die brutale Heftigkeit seiner Angriffe besondere Beachtung verdient. John C. van Dyke, ein bekannter Kritiker und Feuilletonist, Professor der Kunstgeschichte und Dozent der Columbia- und der Harvard-Universität hat ein Buch erscheinen lassen, das "den Titel trägt „Der Geldgott". In diesem Buch, in dem er sich bemüht, dem krassen Materialismus der Amerikaner entgegen zu wirken, wobei er aber über die üblichen Gemeinplätze nicht hinauskommt wälzt er alle Schuld an den ungesunden Zuständen, die angeblich jetzt in Amerika herrschen, auf die Juden. Nach berühmten Mustern behauptet er, daß die Juden die Rechtspflege und das Studium der Medizin monopolisiert hätten und ihre Machtstellung jetzt ausbeuteten. Das gleiche behauptet er von der Presse. Im weiteren wirft er den Juden alle möglichen Schlechtigkeiten vor und wendet sich scharf gegen die jüdische Einwanderung. Das ist jetzt binnen kurzer Zeit der dritte Angriff, der von geistig hervorragender Seite .in Amerika gegen die Juden gerichtet wird.

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