Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 31 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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von drei Jahren, um darin ein Zentrum für alle philanthropische und erzieherische Tätigkeit in diesem Viertel einzurichten. Sie gaben der Stiftung den Namen „Lewis House" zu Ehren des Rev. Harry S. Lewis, des Gründers der Toynbee Hall, der viele Jahre der Arbeit unter den East End-Juden gewidmet hat und jetzt Geistlicher der Reformsynagoge in Manchester ist. Jüdische Nachrichten in einer nichtjüdischen Tageszeitung Eine sehr bemerkenswerte Einrichtung hat neuerdings der „Daily Telegraph", bekanntlich eine der' größten und bedeutendsten Zeitungen Englands, getroffen. Verflossenen Samstag enthielt er eine Spalte mit Nachrichten über jüdische Angelegenheiten des In- und Auslandes! Diese Abteilung wird künftighin unter dem Titel „Die jüdische Welt" jeden Sonnabend erscheinen. Es ist das erste Mal, daß eine große Tagezeitung den jüdischen Angelegenheiten eine ständige Rubrik widmet, und es kann nicht bezweifelt werden, daß diese Einrichtung sowohl den Interessen der Juden, wie auch denen Englands in gleichem Maße dienen wird. Rumänien (Von unserem Korrespondenten) Die Eidesleistung more judaico Der Konflikt zwischen den Gerichten und den Rabbinern in Jassy dauert fort. Die Gerichte finden es nämlich aus lauter Schikane für gut, in Zivilprozessen den jüdischen Parteien den sogenannten Eid more judaico aufzuerlegen, eine geradezu barbarische Eidesleistung, die an das dunkelste Mittelalter erinnert. An der Spitze der Bewegung gegen diese Brutalität steht der Rabbiner von Jassy, Gesinnungsgenosse Dr. J. Niemirow-er, der sich weigert, diese Art der Eidesleistung entgegenzunehmen, die im Widerspruch mit den Geboten des jüdischen Gesetzes stehe und eine erniedrigende und schmachvolle Formalität darstelle. Der Konflikt hat sich zu einem Hindernis für den regelmäßigen Gang der Rechtspflege in Jassy entwickelt, und es wäre zu wünschen, daß das Justizministerium die Jassyer Gerichte durch einen raschen und klaren Befehl veranlaßte, diese veraltete und beschämende Anordnung aufzuheben. Auch die rumänischen Zeitungen, soweit sie nicht ganz reaktionär sind, wenden sich gegen die Anordnung des Jassyer Gerichtes. Antizionistisches Das Komitee der Grossen Synagoge in Bukarest hat sich geweigert,- die Synagoge den Zionisten für eine Versammlung herzugeben, und verbot sogar dem Prediger dieser Synagoge, Herrn Dr. Alperin, in einer zionistischen Versammlung zu sprechen. Das Vorgehen hat auch in nichtzionistischen Kreisen unliebsames Aufsehen hervorgerufen. Organisierung von Kultusgemeinden Die Arbeiten zwecks Organisierung einer jüdischen Kultusgemeinde in Bukarest schreiten sehr langsam fort Wenn man anfangs glaubte, daß die jetzige Bewegung zu einem Erfolge führen werde, so hat man diese Hoffnung fast wieder aufgegeben. Das eingesetzte Komitee wird in seiner Arbeit durch die Ehrsucht, Gehässigkeit und den Neid einzelner lokaler Größen ebenso gehindert, wie durch den Indifferentismus der sogenannten oberen Zehntausend. Ob unter diesen Umständen ein Resultat zu erzielen sein wird, ist jedenfalls sehr zweifelhaft. Rußland Ein gefährliches Vorgehen der Alliance Israelite in Rußland ... Englische Zeitungen berichten über einen merkwürdigen Vorfall, der die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle betrifft und dringend der Aufklärung bedarf. Darnach hat die deutsche Konferenzgemeinschaft vor einiger Zeit Bemühungen unternommen, die auf eine Legalisierung der Alliance in Rußland hinzielen. Auf diese Weise sollte es der Alliance möglich werden, Ortsgruppen in Rußland zu bilden und Gelder für ihre Zwecke zu sammeln. Zwei Vertreter der Alliance, wie es heißt, die Herren Dr. Klausner und Winz, gingen zu diesem Zwecke nach Rußland und versuchten dort, ohne sich irgendwie mit den maßgebenden russisch-jüdischen Kreisen ins Einvernehmen zu setzen oder auch nur irgendjemand zu befragen, ob ein solcher Schritt wünschenswert und im Interesse der russischen Juden sei, Unterhandlungen mit russischen Regierungsstellen anzuknüpfen. Erst nachdem diese Unterhandlungen eingeleitet waren, fand man es für nötig, russische Juden ins Vertrauen zu ziehen. Die Meinungen, die die beiden Herren bei dieser Gelegenheit zu hören bekamen, gingen übereinstimmend dahin, daß das Vorgehen der Alliance zu den größten Bedenken Anlaß gebe, nicht als ob die russischen Juden nicht herzlichst das Gedeihen der Arbeit der Alliance wünschten, indessen würde das Gesuch um Legalisierung der Alliance die ganze russische Judenheit unter Umständen großen Gefahren aussetzen. Die Alliance Israelite gilt in Rußland als der Ausdruck der internationalen Solidarität der Juden. Ein Gesuch um Legalisation würde nur den Erfolg haben, daß weite russische Kreise, nicht nur die Leute vom „Schwarzen Hundert", zu der Meinung kämen, daß man damit versuchen wolle, von außen her politischen Einfluß auf die Entwicklung der Judenfrage in Rußland zu nehmen. Man würde behaupten, daß die russischen Juden mit ihren Brüdern in Westeuropa gegen die russischen Interessen sich verschworen hätten, und es ist gar nicht abzusehen, welche Folgen das haben könnte. Der Name der Alliance wirkt auf das Schwarze Hundert und die Reaktionäre aller Schattierungen wie ein rotes Tuch auf den Stier, und sie würden nicht verfehlen, in eine ungeheure Agitation einzutreten, die unter diesen Umständen Aussicht auf den größten und für die Juden schrecklichsten Erfolg hätte. - Die „Jewish World" fügt noch hinzu, daß weder Herr Klausner noch Herr Winz das Vertrauen der Juden in Rußland genießen. Man zweifle an ihrer Unabhängigkeit, wenn man auch nicht behaupten wolle, daß sie nicht aus den besten Motiven handelten. Für die zionistische Bewegung und für die Ica beständen die oben angewendeten Erwägungen nicht, da die Ica ein reines Kolonisationsunternehmen sei und der Zionismus seine Ziele ausdrücklich außerhalb Rußlands sucht Wie verlautet, haben die russischen Juden ernsthafte Schritte bei der Alliance in Paris und Berlin getan, damit diese Sache noch nach Möglichkeit wieder eingerenkt werde. Man ist in den russischjüdischen Kreisen über das Vorgehen der Deutschen Konferenzgemeinschaft, das man als sehr gefährlich bezeichnet, äußerst ungehalten. Protest der russischen Juden gegen ihre Ausschließung von der allgemeinen jüdischen Organisation Gegen die merkwürdige Verwässerung des Planes einer allgemeinen jüdischen Organisation, die von der Ica und der Alliance ausgeht und bezweckt, eine angebliche Gesamtorganisation zu schaffen, in der die wichtigsten jüdischen Organisationen, insbesondere die der russischen Juden, nicht vertreten sein sollen, einen Plan, den wir schon vor einigen Wochen gebührend beleuchtet haben,, legen jetzt auchdie russischen Juden energischen Protest ein. Man kann es ihnen nachfühlen, wenn sie es müde sind, sich als Objekte des Ehrgeizes und des philanthropischen Konkurrenzneides der verschiedenen Organisationen gebrauchen zu lassen. Sie stehen der Idee einer jüdischen Gesamtorganisation begeistert gegenüber, verlangen aber mit Recht daß die geplante Organisation tatsächlich auch alle Juden umfasse, und daß es nicht dahin komme, daß diese angebliche Gesamtorganisation ausschließlich aus Vertretern der Minorität der Judenheit bestehe. Sie bezeichnen es als eine Anmaßung, daß ausgerechnet das französische Judentum oder auch das deutsche Judentum durch je vier Vertreter vertreten sein soll, während die großen Massen der Juden, die auch das geistige und kulturelle Zentrum der Judenheit bilden, die von Rußland, Rumänien und dem Orient überhaupt darin nicht vertreten sein sollen. Sie seien es müde, als „die armen Brüder, die sich in Not befinden und von der neuen Organisation Hilfe erhallen sollen", betrachtet zu werden. Ein schwerer Eingriff in die jüdische Religionsfreiheit Die Juden Warschaus sind durch einen neuerlichen Eingriff des Magistrats in ihrer Religionsfreiheit stark bedroht. Der Magistrat hat zwei neue Schochetim ernannt ohne daß der Beth Din über ihre religionsgesetzliche Eignung gefragt worden sei. Die orthodoxen Juden weigern sich daher, das von diesen geschächtete Fleisch zu essen und haben eingehende Proteste an den Magistrat gerichtet der indessen auf seinem ungesetzlichen Standpunkt beharrt. Tausende von Flugblättern wurden in der Stadt verbreitet die zum Boykott der beiden Schochetim auffordern. An mehreren Plätzen brachen Unruhen aus, wobei die Polizei einschreiten mußte. Begnadigung von Pogrommordern. Petersburg, 29. Juli. " „Russkoje Snamja", das Organ des Schwarzen Hunderts, veröffentlicht eine Liste von 24 wegen Beteiligung an Pogromen gerichtlich verurteilten Personen, die auf Vor- . Stellung des Justizministers, Schtscheglowitow, vom Zaren begnadigt wurden.