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Die Welt · 1908-08-07 · 31 (7.8.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
31 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Ein fröhliches, geschäftiges Treiben belebte -die gepflegten Straßen und die schmucken Wohnhäuser. Die vielen herrlichen <3ebäude erfreuten das Auge. Auf dem Toten Meere wimmelten die Boote, bewegten sich die Dampfer in majestätischer Haltung. Alles glänzte in nie gesehener Pracht, die Fahnen wehten, die Wimpel flatterten, die Trommeln wirbelten, Paukenschlag und Flötengesang ertönten. Groß und klein, alt und jung hüpfte vor Freude, man umarmte, küßte sich. Hurra! erscholl es von allen Seiten. Es sind die fremden Gäste, die Gesandten der befreundeten Völker! — rief man sich zu. Und es erschienen in einem herrlichen Aufzug die verschiedensten Menschentypen in ihren originellen, farbenreichen Gewändern. Alle versammelten sich am Strande des Toten Meeres zu einem gastlichen Mahle. Das jüdische Volk hat die anderen Völker zu einem Friedensfest eingeladen. Vollzählig sind sie erschienen, die Friedensboten, die Menschenfreunde. Und alle staunen ob des Wunders, das hier geschehen ist. Die Wüste ist in ein Paradies umgewandelt Haß und Neid sind aus den Menschenherzen verschwunden. — Alle reichen sich die Hände, und mit einem feierlichen Schwur wird die Nächstenliebe, die Menschenachtung besiegelt auf dem Friedensfest der Völker am Toten Meere! Heil dir Israel, Heil! ertönt es im Gesang. Alles jauchzt, alles frohlockt. Aus den jüdischen Reihen tritt ein Mann hervor und schreitet auf die Friedensboten zu. Hoch ragt seine stolze Gestalt über alle andern hervor, er ist ganz in Purpur gehüllt, ein langer -schwarzer Bart wallt auf seine Brust hernieder. Seine Augen leuchten in ungeahnter Milde, in seiner Linken hält er die blauweiße Fahne, in der Rechten den Ölzweig. Er ist der Führer Israels im Streite, der Führer Israels zum Frieden. Rabbi Todros ist sein Name.. Unter dem Schmettern der Posauen, unter dem Donnerkrachen der Kanonen neigt Rabbi Todros zum Zeichen der Begrüßung das blauweiße Banner. — Die Friedensboten erwidern den Gruß und senken ihre Fahnen. Die Freude ist allgemein. Alles freut sich, alles jauchzt, lauter Jubel ertönet--- Ein heftiger Ruck rüttelt mich aus meinen Träumen, der Kutscher steht auf seinem Bock und schreit wie besessen und macht verzweifelte Anstrengungen, die Pferde zu halten, welche sich wild aufbäumen und wie rasend herumspringen. Rechts an der Straße gähnt ein tiefer Abgrund. Im nächsten Augenblick stürzt Wagen und Pferde mit uns in die Tiefe. Mit einem Ruf des Entsetzens springe ich aus dem Wagen in den Staub. Der Kutscher war ebenfalls vonseinem Bock herunter und vor die Pferde gesprungen. Ein Unglück, entsetzlich auszudenken, war verhütet Wie kam es? — Ein toter Esel liegt mitten auf . der Straße, und die Pferde waren von dem Anblick scheu geworden. Die lebendigen Pferde fürchteten den toten Esel. Wir ergriffen den toten Esel, schleppten ihn bis an den Rand der Straße und warfen ihn in den Abgrund. Das Hindernis war beseitigt, die Pferde setzten beruhigt wieder ein. Wo war ich doch? — Weit, weit, im Reiche der blühenden Phantasie. Wie schön, wie schön war es doch — und ein toter Esel reißt mich aus allen Himmeln. Brutal, ekelhaft brutal, grausam nüchtern. Aha! sie kommen, die Raubvögel, die Geier, die Raben mit den scharfen Klauen und spitzen Schnäbeln! Der Esel wird nicht mehr lange Esel sein, die brutale Wirklichkeit wird verzehrt, vernichtet werden. Und alle Hindernisse auf unserm Wege werden wie dieser tote, unschädliche Esel beiseite geschafft werden. . . . Die Ereignisse in Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die türkische Konstitution ist nunmehr eine vollzogene Tatsache. Ohne Pogrome und Blutvergießenwurde sie vom Volke inauguriert, das anfangs furchtsam die Nachricht entgegennahm, bald aber seine Scheu in endlosem Jubel auflöste. In diesen glorreichen Tagen, wo imposante Manifestationen von gewaltigen Menschenmassen mit Fahnen, Musik, Fackeln, Reden und unaufhörlichen Rufen „es lebe die Freiheit", „es lebe der Sultan", „es lebe die Konstitution" Türken, Juden, Griechen und Armenier in Ekstase versetzte und in eine solidarische Masse verschmolz, in diesen Tagen des Enthusiasmus, wo jedermann Gleichheit und Brüderlichkeit auf roten Bändern mit goldenen Lettern sichtbar auf der Brust trug, sah man nur eine einzige ottomanische Nation. Wohl riefen die Türken „Jaschassyn", die Griechen „Züto" und die Juden das spaniolische „Keviva", aber diese Marken nationaler .Sonderung vereinigten sich in der Quelle des gemeinsamen Enthusiasmus zu einem mächtigen Jubelstrom. Türken umarmten Armenier, und Griechen, die noch vor kurzem im jüdischen Viertel Balat ein Blutmärchen inszenieren wollten, « fraternisierten mit Juden. In allen Reden wurde die erlangte Freiheit gepriesen, die Freiheit für alle sans distinction de race ni de religion. Jedes Volk kam zum Wort, auch ein paar Israeliten, deren Freiheitsrede aber wenig mit ihrem Israelitentum im Zusammenhange stand. Doch das mannhafte Wort der Juden sollte ein anderer sprechen, ein ausseits des ottomanischen Volkes Stehender. Im Munizipalitätsgarten fand sich am Sonnabend abend, am zweiten Tage nach der Proklamation der Verfassung, ein auserlesenes Publikum von Jungtürken und der besseren Konstantinopoler Gesellschaft zusammen. In dichtgedrängter Masse umstand man die Rednertribüne, .wo eine Ansprache der anderen folgte. Nach einer bemerkenswerten Rede Fuad Beys, des Sohns des exilierten Fuad „ Pascha, bestieg ein junger russischer Jude den Rednertisch und hielt eine französische Ansprache. Er schilderte die Bedeutung des Augenblicks für das osmanische Volk, für Europa, und fuhr dann fort: „Ich spreche zu Ihnen in meiner Eigenschaft als russischer Jude, als Sohn eines unterdrückten Volkes zu einem befreiten Volke. In der ganzen Welt nehmen heute freiheitsliebende Männer Anteil an Ihrer Freude, aber kein Herz schlägt so laut für Sie wie das Herz des in der ganzen Welt zerstreuten jüdischen Volkes. Selbst von Peinigern unterdrückt, Kämpfer für Fortschritt und Freiheit, von deren Erfolgen wir am wenigsten genießen, wissen wir am besten euren errungenen Sieg zu würdigen. -Unsere Teilnahme wird durch das Bewußtsein gesteigert, daß im osmanischen Reiche die Juden stets ein Asyl und in Ihrem Herrscher einen gütigen Beschützer gefunden haben. So sind das türkische und jüdische Volk durch das Gefühl und die Tradition in enger Freundschaft miteinander verbunden. Viele Ihrer besten Männer, die bisher im Exil lebten, werden zu Ihnen zurückkehren. Auch , das jüdische Volk, das seit 2000 Jahren sich im Exil befindet, wartet darauf, in das osmanische Reich zurückkehren zu dürfen, um unter dem Schutze eures geliebten Herrschers friedlich und brüderlich an eurer Seite für das gemeinsame Wohl zu arbeiten. Möge die Türkei nunmehr das Eldorado der Enterbten werden!" Stürmischer Beifall unterbrach oftmals den Redner, nach Schluß der Ansprache wurde er von allen Seiten beglückwünscht, manche Türken umarmten ihn, und ein türkischer Beamter versicherte den- Redner der Sympathien des türkischen Volkes für die jüdische Nation. Die Freiheit, die die Konstitution gegeben hat, beginnt allmählich in das Volk einzudringen. Die lokale Presse hat eine Konferenz einberufen zwecks Bildung einer Organisation, und in die dreigliedrige Kommission zur Ausarbeitung der Statuten .wurde auch der Advokat Taranto als Vertreter des spaniolischen „El Timpo" gewählt Im allgemeinen hat aber die Proklamation der Verfassung die hiesigen Juden am unerwartetsten getroffen. Im Besitze der vollständigen national-kulturellen Autonomie, war es ihnen ein leichtes, sich - zu einer festgefügten Organisation zusammenzuschließen. Die Korruption in der türkischen Administration wurde aber auch vorbildlich in der jüdischen. Willkür und Favorismus herrschten unter den Leitern der jüdischen Gemeinde — oder wie es hier heißt — der jüdischen Nation. Die Steuern, die das Großrabbinat für die national-kulturellen Bedürfnisse einzuziehen berechtigt ■ war, wanderten man weiß nicht wohin. Die Schulen und Wohltätigkeitsinstitute, für die jährlich 5—6000 Türk. Pfund (ca 138 000 Fr.) ansteuern aufgebracht wurden, haben kaum einige Tausend Francs erhalten. Die Zensur über die paar jüdischen Zeitungen, selbst Freiheitsstrafen, verhängte das Großrabbinat kraft seiner Befugnisse nach Belieben. So blieben die Juden in Unwissenheit und Armut und jetzt, wo der Freiheitsstrahl in ihr Ghetto hineinleuchtet, fragen sie "sich bestürzt nach der Heilungsmethode. Aber das brennende Bedürfnis nach Reorganisation empfinden alle." Der jetzige Chacham- Baschi, Moise-Halevi, der berufen ist, im Senat zu sitzen, hat seine Würde nicht den gesetzlichen Wahlen durch die „Nation" zu verdanken. Als der vorige Chacham-Baschi verschied, hatte. Moise Halevi die Stelle eines Kaimakams (Stellvertreters) inne. Um unter dem Regime des charakterschwachen Kaimakams im Trüben fischen zu können, wußte seine Partei die Wahlen zu inhibieren. Nunmehr hat sich ein vom Chacham-Baschi anerkanntes provisorisches Komitee mit David Fresco, dem Redakteur des „El Timpo", an der Spitze gebildet um die Reorganisation der „Nation" vorzunehmen. Der Mischlisch umumi, der Volksrat, bestehend aus 60 Laien und 20 geistlichen Mitgliedern, wird einberufen werden, um .die aus sieben Mitgliedern bestehende Exekutive, den Mischlisch irini zu wählen. Die. jetzigen zwei, drei Gewalthaber sind schon ausgeschaltet und scheinbar friedlich vollzieht sich die Neugestaltung. Die Zukunft wird _ uns zeigen, ob die Opposition, die aus alten Mitgliedern des Mischlisch umumi besteht, den bisherigen Zuständen ein Reformprogramm entgegensetzt oder ob der Kardinalpunkt des Wechsels alte Zänkereien sind.

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