Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 31 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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EINE FRÜHLINGSREISE NACH PALÄSTINA Das heutige Palästina. Ein Reisebericht aus dem Frühjahr 1907.von Jean Fischer*) betitelt sich eine Schrift, die uns dieser Tage zuging. Herr' Jean Fischer ist kein homo literatus, kein zünftiger Publizist, — aber ein „zünftiger Jude", wenn diese Konstruktion gestattet ist. Und dem Juden ist in der einfachen, schlichten Sprache des Herzens Tieferes und Echteres gelungen, als so manchem Sprachkünstler. Es ist eine ohne alle Pretention verfaßte Schrift, die es nicht verschmäht, bei kleinen und oft nüchternen Details zu verweilen, die aber durchwärmt ist von einer sonnigen Liebe zum jüdischen Land und den jüdischen" Menschen. Diese Liebe, mitgebracht aus dem europäischen Geburtsland, wollte der Autor auf einer Frühlingsreise erproben und — befestigen. Ob die Tatsachen, ob die Wirklichkeit seine echten Gefühle als lebenskräftige erweisen, ob der zionistische Träumer im Lande seiner Sehnsucht ein Glaubender werden könne, kurz, ob Palästina für das Volk geeignet sei, von dessen Eignung für das Land er durchdrungen ist, — das zu ergründen, war das erste und letzte Ziel dieser Reise. Mit inniger Freude und ebensolcher Dankbarkeit begleiten wir diesen warmfühlenden, von liebevoller Sorge erfüllten, mit mutigernsten Blicken auch das Kleinste umfassenden Reisenden. Die schöne Kraft seines einfachen, aber oft von echter Herzensberedsamkeit überquellenden Gefühls trägt uns aus bekannten und doch immer neuen Allgemein-Reflexionen über Juden und jüdisches Schicksal in die Welt des Orients, die ein anderes Judentum formen soll, schon zu formen beginnt Was man auf einer solchen Reise von wenigen Wochen nicht alles sehen, empfinden und verstehen lernen kann, wenn man nicht mit dem Baedeker in der Hand, sondern mit jüdischer Gläubigkeit im Herzen reist! Vielleicht, wahrscheinlich sogar, ist in mancherlei Detail — der Reisende ist ja nur zu oft auf die Darstellung und Darstellungsnuance zufälliger Gewährsmänner angewiesen — allerhand Ungenaues oder gar Unrichtiges mit unterlaufen. Aber der gewissenhafte Emst, mit dem Herr Fischer auch alle trüben Eindrücke verzeichnet, alle ihm aufstoßenden Schwächen der Kolonisation, des jüdischen und nichtjüdischen Palästina aufdeckt, die Machtpositionen der andern ohne Verschleierungsversuche feststellt, zeugt davon, daß der Reisende nicht darauf ausging, eine schöne Agitationsschrift über Palästina zu schreiben, sondern eine treue, richtige Beschreibung der Dinge zu geben. Spricht diese denn eine zionistische Sprache, — umso besser! Und man kann kaum einfacher und eindringlicher sein zionistisches Glaubensbekenntnis ablegen, als es der Verfasser am Schlüsse seiner Reisebeschreibung tut. „Ich habe Palästina", schreibt er, „nicht in rosigen Farben gemalt, ich habe es in einem Zustand gezeigt, wie ich es gesehen habe. Welchen Eindruck habe ich nun im tiefsten Grunde meines Herzens davon behalten? Das will ich hier noch sagen: Ich wünsche sehnlichst das Land noch einmal wieder zu sehen, ich wünsche sehnlichst, es wäre mir möglich, in Palästina zu leben." Unsere Freunde werden die Schrift unseres geschätzten Gesinnungsgenossen gerne, mit großem Genuß, aber auch mit manchem praktischen Nutzen lesen. Viele ernste und programmatische zionistische Betrachtungen sind an richtiger Stelle eingestreut, die zu den theoretischen Meinungskämpfen Material beitragen. Wie sehr aber auch die, die das Gefühlsmäßige bevorzugen, auf ihre Rechnung kommen werden, das beweist , wohl am besten das nachfolgende Bruchstück aus der Schilderung der Route ums Tote Meer. Um 4 Uhr morgens, standen wir vor dem Hotel zur Abfahrt bereit Das Thermometer zeigte 230 Celsius. Nach einer halben Stunde Fahrt mußten wir aussteigen, um wieder den Berg zu Fuß zu erklimmen. Der Morgen dämmerte, im Osten wurde der helle *) Verlag der „Hatifcwah", 7 Rue de In Vapeur, Antwerpen Streifen am Himmel immer breiter. Der Weg führte wieder an der Elias-Schlucht vorbei, und im grauen Halbdunkel gähnte uns die Tiefe schwindelig an. Als wir die Höhe erreichten, war der Tag bereits angebrochen. Rasch noch einen Blick in die wunderbare Schlucht, und wir besteigen den Wagen zur Weiterfahrt. Beim Samariterberg wird wieder Halt gemacht; das Panorama von gestern liegt wieder vor uns, die vielen aufeinander gestülpten, kahlen Berge, und weit in der Ferne der Turm der russischen Kirche. So weit das Auge reicht, kein Baum, kein Strauch, nur dürre Gräser entsprießen dem hellgrauen, sandigen, steinigen Boden und geben etwas Farbe der öden Landschaft, über welcher eine erhabene Ruhe lagert. Zahlreich sind die Eidechsen, die überall hervorspringen. Hie und da eine Herde Schafe, die mit ihrer Genügsamkeit in den zwischen den Felsen wuchernden Kräutern ihre Nahrung finden. Die balsamische Luft, das tiefblaue Himmelszelt und die goldigen Strahlen der Morgensonne, die uns mit einer wohltuenden Wärme umgeben, wirken erquickend. Eine leichte Brise streicht meine Wangen, das Rasseln des Wagens und die regelmäßigen Hufschläge der Pferde wirken einschläfernd. Ich schließe meine Augen, mir ist so wohl zumute.... Der Wind, der anfangs nur sanft die Berge streifte, wurde immer stärker und stärker, bis er zuletzt in einen heftigen Sturm ausartete. Leichte; weiße Wölkchen hatten sich am Himmel gesammelt, verdunkelten sich, und schwere Regentropfen begannen niederzufallen. Der Wind heulte. Aus den schwarzen, dichten Wolkenmassen zuckte der Blitz. Die Erde erbebte von dem un geheuren Donnergetöse, und der Regen floß in Strömen. Es schien, als ob das Ende der Welt nahete, der Tag des jüngsten Gerichts gekommen wäre. Mensch und Tier fanden keinen Schutz, denn das Wasser strömte von den Bergen herab, überflutete die Täler und vernichtete in seinem Lauf alles, was von Menschenhand errichtet worden war. Sind die Tage der Sündflut wiedergekehrt? Zürnt die Gottheit wieder dem sündigen Geschlecht? Das Unwetter nimmt kein Ende, und der Regen dauert fort, unaufhörlich, Tag und Nacht Vierzig Tage und vierzig Nächte dauert der Regen. Alle Lebewesen sind in der größten Not, und nur, wer festgewurzelt im Boden, wer treu und fest standgehalten hatte zu seinem Stamme, entgeht dem Untergang. Und als der Regen vorüber war, und die Sonne wieder die Erde beschien, traten wir, die das Schaurige überlebt hatten, aus unserem Versteck hervor und sahen, wie der Boden wüst und leer war. Da kam eine wunderbar hohe, schöne Gestalt des Weges einher, und als sie vor uns stand, sahen wir einen Mann, in einen weißen Mantel gehüllt, seine Lenden waren blau umgürtet. Ein langer, tiefschwarzer Bart wallte auf seine Brust hernieder. Seine Augen leuchteten von einer ungeahnten Milde. In der Linken hielt er den Wanderstab und in der Rechten einen Ölzweig, und also sprach er: „Gehet hin und besetzet dieses Land, denn diese wüste Einöde wird verwandelt in fruchtbare Äcker und üppige Gärten, die Steine werden in Erz verwandelt werden, und die kahlen Berge werden mit Wäldern bedeckt sein. Denn noch vier Jahre wird der Regen hier strömen, und die Blitze Luft und Erde erzittern lassen. Meine Kinder! bei diesen Worten streckte er uns den Olivenzweig entgegen, tuet, wie ich euch sage, und es wird euch und euren Nachkommen Wohlergehen. Sehet, ich lasse diesen Stab aus meiner Hand auf die Erde gleiten, so sollet ihr den Wanderstab niederlegen. Ich erhebe den Ölzweig und segne euch, so sollet Ihr das Land bebauen und fruchtbar machen und Frieden verbreiten unter den Menschen. Die Völker wollen euch keinen anderen, als diesen harten Boden zur Heimstätte geben. Wohlan! nehmet ihn, der Segen Gottes wird auf diesen Gefilden ruhen." Und als wir uns vom tiefen Sinnen aufrafften und der hohen Gestalt nachblicken wollten, da war sie verschwunden. Wir rieben uns die Augen, aber da war ringsum nichts zu sehen. Die Sonne hatte sich hinter den Bergen versteckt, und im Osten trat der Mond mit seinem Silberglanz auf die Bildfläche. Wir kehrten in die Höhle zurück und schliefen einen gar langen, langen Schlaf. Denn als wir erwachten, da war das Land nicht mehr, wie wir es gesehen hatten. Lachende Gefilde, blühende Gärten, herrliche Sträucher, prachtvolle Bauten, wunderschöne Straßen, schattige Alleen, duftende Blumen.