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Die Welt · 1908-08-07 · 31 (7.8.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
31 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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X. . 'VT* J , l»~ r- ^- V / ^^>>^^<K'!^i^W3»^^ 4 — " ' DlE3|gELT No: 31 Gruppen bedeutet. Das is.t zugleich weniger und mehr als irgend ein Statut: weniger, weil wir als Organisation weder die Pflicht noch die Möglichkeit haben, andere' Parteien zu bilden oder zu vereinigen, — mehr, sofern unsere Idee notwendigerweise zu dieser Erkenntnis führt und sofern wir die Konsequenz unseres Standpunktes ziehen müssen. Warum, steht uns die Idee des Zusammenschlusses der jüdischen Organisationen näher? Weil der Zionismus, auf den Höhen der jüdischen Geschichte stehend, den Gang der Dinge in dem jüdischen Volke und dasselbe im großen und allgemeinen beobachtet. Weil er sich nicht mit Kleinigkeiten abgibt, hat er den Vorteil, den Zusammenhang der Ereignisse in größeren Zeiträumen zu überblicken; weil er es verschmäht, sich in Lokalprobleme zu verlieren, kann er um so gewaltiger und sicherer die Hand auf die Quelle des Übels legen. Nicht Zufall war es, daß wir den Brüsseler Versuch machten, nicht Zufall, daß einer der Unsrigen einen neuen Versuch nach dieser Richtung, unternahm. All das sind die Vorläufer eines Zusammenschlusses, der auf dem Boden des Zionismus für die Gegenwartsarbeit der jüdischen Organisation einmal Zustandekommen muß, — je früher, desto besser. Brauseköpfe, Stürmer und Dränger waren wir in den Augen der superklugen Praktiker, als wir zuerst die Saat dieses Gedankens auszustreuen begannen. Es schien ein Jenseitsflug, hinweg über Raum und Zeit. Jetzt wird an dem Problem herumexperimentiert. Bald heißt es: ja, für Katastrophen müssen wir die Organisationen zu einer geschlossenen Einheit fügen, d.h. die Pogrome müssen — und in großer Anzahl — früher da sein, damit man zusammen — nichts machen könne. Bald kommt eine andere Kuriosität hochkomischen Genres zum Vorschein: gut, wir wollen zusammen arbeiten, nur dürfen die Zionisten nicht dabei sein. Zu russisch würde das heißen: „Kromjr sjonistow", wie es in den Gesetzen: Kromjr Jewrejen (außer Juden) heißt. Wie rührend ist die Naivität, die in diesem Ostracismus zum Ausdruck kommt! Wer den Pulsschlag des Judentums beobachtet und feinfühlig die neue Wendung der Entwicklung herausfindet, wird einsehen, daß es nur unser leuchtender Volksgedanke ist, der eine Konzentration ermöglichen wird und daß ohne diesen — die Versuche leere und lächerliche . Äußerlichkeiten bleiben müssen. Der „Fraind" irrt, wenn er glaubt, daß der Zionismus weniger idealistisch geworden ist, da er sich bemüht, seine Parteiexistenz zu erhalten. Unter diesem Gesichtspunkt beurteilt auch der „Heed Häzman" die zionistische Politik. Der Zionismus hätte Wunder leisten können, wäre er nicht um seine Organisation bemüht usw. Hier liegt aber ein großes Mißverständnis vor, das einmal zerstreut werden muß. Die wahrscheinlichen Ausstrahlungen und mittelbaren Wirkungen der zionistischen Idee können es nicht verhindern, daß wir die Bedingungen schaffen müssen, um überall in den Grenzen unseres Programms zu arbeiten. Die zionistische Partei ist ebensowenig eine „gezähmte Widerspenstige" geworden, wie es überhaupt an ihrer Wiege gesungen worden ist, mit Widerspenstigen zu wandeln und etwas anderes als ihr Ziel zu verfolgen. Es ist Neckerei, wenn man das Menetekel Helsingfors 1906 immer und immer wieder so feuerrot an unsere Wand zeichnet. Viel höher, deutlicher, allgemeiner und klarer glänzt die Inschrift: Basel 1897. Das ist die unverrückbare Basis! Helsingfors? Diej Ereignisse haben alle Voraussetzungen zuschanden gemacht, alle Erwartungen betrogen, alle Versicherungen widerlegt. Die Parteien befinden sich in einem Zustande \ von Hilfslosigkeit, der erheiternd wirken könnte, wenn: er nicht so unsäglich. traurig wäre; was übrig geblieben ist organisiert sich so oder anders, um existieren zu können. Nur wir sollen auf Abwege geraten, in Konflikten beharren, durch das Waltenlassen von Mißverständnissen die Gewalt der Behörden zu unausgesetzten Repressalien herausfordern und uns zu einer Untätigkeit verurteilen? Dazu ist uns unser Zionismus zu kostbar. Es ist Pflicht, immer und immer wieder darauf aufmerksam zu machen, daß die Arbeit im Rahmen unserer Organisation und die indirekten Wirkungen des Zionismus auf die allgemein-jüdischen Angelegenheiten sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig ergänzen. Der Zionismus muß von den Tagesströmungen frei sein und seine Arbeit tun. Oftmals wird sein Lebensnerv durch äußere Ereignisse und Situationen in lebhafte Zuckungen versetzt, aber diese Erscheinungen sind vorübergehender Natur. Als Grundstimmüng kann der Zionismus z. B. das Zustandekommen einer jüdischen Konzentration mehr als irgendeine andere Richtung begünstigen, und dadurch wird er sich der jüdischen Sache unbedingt verdienstlich machen. Oder er hat sich schon in Galizien durch die Erzeugung dieser Stimmung bei den Wahlen verdienstlich gemacht. Diese Ausstrahlungen werden sich mehren, wenn der Mittelpunkt stärker und intensiver wird. Wir dürfen es aber nicht zulassen, daß der Zionismus zu einer abstrakten Idee gestempelt wird. Eine solche euphemistische Auffassung, eine solche Verschiebung des ursprünglichen Standpunktes, eine solche Verwischung des palästinensischen Zieles, sagen wir offen: eine solche Verletzung der direkten Pflichten, die sich darin ausdrückt, daß die Begleiterscheinungen in den Vordergrund gerückl und womöglich als Hauptzweck dargestellt worden, ist geeignet, aus dem Zionismus ein chamäleonartiges Gebilde zu machen. Dies widerspricht seinem klaren und bestimmten ursprünglichen Charakter. Diejenigen, die einen Idealismus darin erblicken, daß der Zionismus sich in ein Wolkenkuckucksheim zurückziehe und über Probleme brüte, irren ganz gewaltig. Nichts ist leichter als dieses Brüten. Schwierig und deshalb ideal ist es, inmitten. hindernder Verhältnisse zu arbeiten. Wir schätzen den Heroismus sehr hoch, aber wir benötigen ihn für uns und wissen ihn besser anzuwenden. Tausend Aufgaben harren des größten Aufwandes unserer Kraft und unserer Begeisterung. Manchen Doktrinären ist die Empfindung dafür abhanden gekommen, was direkte und was indirekte zionistische Arbeit ist. Diese Empfindung muß aufs neue wachgerufen werden. Es wird sich dann zeigen, daß, je emsiger die direkte Arbeit sein wird, desto mehr wird diese Arbeit auch all die andern Gebiete des jüdischen Lebens befruchten. Wenn wir um das Erlangen der Arbeitsmöglichkeiten in Rußland ringen, um nicht in ein wesenloses Phantom verwandelt zu werden, wenn wir unsere Organisation im Rahmen unseres Programms konzentrieren, so glaube man nicht, daß wir uns hierdurch in einen engen Ideenkreis verrennen. Je, tüchtiger wir uns konzentrieren, desto wirksamer wird der Einfluß unserer Ideen für die Förderung der Einigung jüdischer Kräfte sein. N. S.

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