Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 30 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Er hätte zugleich das Verantwortlichkeitsgefühl der parlamentarischen Vertretung erhöht: Allein der Parteitag hätte noch vieles andere zu erledigen. Das von der Krakauer Konferenz beschlossene Programm gilt als unzulänglich, wird daher nicht einmal veröffentlicht. Die Partei besitzt also noch keine offizielle Plattform. Die Fragen der parlamentarischen Taktik bedürfen dringend einer Erörterung. Eine Reihe von Pro- " blemen, wie die der Anerkennung der jüdischen Nationalität in Land und Staat, der nationalen Autonomie in einer für das Judentum brauchbaren Form sowie die Aktionen, die eine AufroIIung dieser Fragen herbeiführen könnten, wurden kaum ventiliert. Nur ein Parteitag könnte all dem abhelfen. Nach unseren Informationen schweben derzeit Unterhandlungen zwischen den leitenden Persönlichkeiten der politischen jüdisch-nationalen Organisationen der einzelnen Länder behufs Einberufung eines solchen Reichsparteitages. England (Von unserem Korrespondenten) Das Jubiläum der politischen Judenemanzipation in England. Die Judenheit Englands feierte in der verflossenen Woche das Jubiläum ihrer politischen Emanzipation. Am 23. Juli waren genau 50 Jahre verflossen, daß die königliche Zustimmung zu einem Gesetze gegeben wurde, das den Juden erlaubte, einen Parlamentssitz einzunehmen. Baron Lionel de Rothschild, der Vater des gegenwärtigen Lords Rothschild, war der erste Jude, der am 26. Juli 1858 seinen Sitz im Unterhause einnahm. Während der ganzen Woche war die Londoner Presse mit Spezialartikeln über das Jubiläum angefüllt; so erschienen längere Abhandlungen in der „Times", „Morning Post", „Daily Telegraph", Daily-Chronicle", „Evening Standard" usw., in denen der Verlauf der Ereignisse vor 50 Jahren und die Zeit beschrieben wurde, da die englischen Juden politische Rechte noch nicht besaßen. Der„DailyTelegraph" bringt außer einem historischen Artikel und einem eingehenden Auszuge aus dem stenographischen Protokoll der Parlamentsverhandlungen jener Tage auch einen Leitartikel, der sich in sehr warmen Ausdrücken über die Stellung äußert, die die Juden jetzt hierzulande einnehmen. Es mag dabei daran erinnert sein, daß diese bedeutende Zeitung im Jahre 1855 von einem Juden, Joseph Moses Levy, gegründet wurde, der im Jahre 1888 starb. Ihr gegenwärtiger Besitzer ist sein Sohn, Lord Brunham, der indessen aus dem Judentum ausgeschieden ist. Der Leitartikler der „Times" behauptet, daß die meisten Juden, die außerhalb der jüdischen Gemeinschaft ausgezeichnet wurden, sehr wenig Interesse an jüdischen Dingen zu nehmen pflegen, eine Behauptung, die beweisen soll, daß die politische Emanzipation religiöse Lauheit und ein Erschlaffen des Stammesbewußtseins verursacht habe. Darauf antwortete einige Tage später ebenfalls in der „Times" der Herausgeber des „Jewish Year Book", Rev. Isidore Harris, und führte viele Beispiele von Juden an, die im politischen und akademischen Leben eine große Rolle gespielt haben und sich doch sehr eifrig mit jüdischen Interessen befassen und auch in jüdischen Institutionen wichtige Stellungen einnehmen. Während der drei Wochen zwischen 17. Tammus und 9- Ab werden keinerlei Festlichkeiten zu Ehren des Jubiläums veranstaltet werden. Diese sollen vielmehr erst im Herbst stattfinden. Unterdessen hat die Jüdische Historische Gesellschaft von England unter ihren Mitgliedern Freiexemplare des neuen Werkes von H. S- Q. Henriques „Die Juden und das englische Gesetz" verteilen lassen. Dieses Buch enthält auch die einschlägigen Bestimmungen über die Erwerbung der politischen Rechte. Von der Judenjagd Eine bezeichnende Nachricht kommt aus Offenbach. Hier haben sich seit einigen Jahren ausländische Juden in größerer Anzahl niedergelassen. Fast ausschließlich handelt es sich um die Ärmsten der Armen, die vor den Maßnahmen der preußischen Polizei auf hessisches Gebiet geflüchtet waren. Tagsüber gingen sie in Frankfurt, das nur wenig entfernt liegt, ihrem Berufe nach. Wohnen mußten sie im hessischen Offenbach,. der preußische Staat duldet keine „Schnorrer und Verschwörer". Nun hat sich auch diehessische Verwaltungsbehörde dem glorreichen Vorbild ihrer preußischen Kollegin nicht länger entziehen zu können geglaubt und hat, wie verlautet, Maßnahmen getroffen, um den Zuzug ausländischer Juden nach Offenbach zu unterbinden. Es hatte sich irgendwo -wieder einmal eine winzige Tür aufgetan, und schon wird sie zugeschlagen. Die deutschen Juden aber behaupten, daß sie unter einem liberalen Regime leben, das zu unterstützen im Interesse jedes Juden Kege. ->■.'' Eine Unterredung mit Chomjakow Der Korrespondent des Heed Hasrnan hatte eine interessante Unterredung mit dem Dumapräsidenten Chomjakow, die die Reihe der vielen Interviews mit russischen Parlamentariern über die Lösung der Judenfrage in einer bemerkenswerten Weise ergänzt. Chomjakow äußerte sich sehr zurückhaltend, betonte indessen mit Nachdruck, eine Judenfrage existiere für ihn überhaupt nicht. Er kenne nur verschiedene Fragen der sozialen und administrativen Gesetzgebung, die unter anderm auch die Juden beträfen, und die nach. Gesichtspunkten allgemeinpolitischer Natur, nicht aber unter denen der Lösung einer angeblichen Judenfrage betrachtet werden müssen. So könne er z. B. "für die Aufhebung des Ansiedelungsrayons, aber gegen die Aufhebung der prozentualen Beschränkung bei der Aufnahme von Juden in den höheren Schulen sein. Aus diesem Grunde seien auch die Oktobristen für die Aufhebung des Ansiedelungsrayons, obwohl sie gegen die Gewährung irgend welcher Konzession an die Juden waren. Was die Kadetten anbetreffe, so könnten sich die Juden auf diese nicht verlassen. In ihrem Programm trete diese Partei zwar für die Juden ein, aber die Ansicht der einzelnen decke sich durchaus nicht mit den Forderungen des Programms. Brandkatastrophe Das Städtchen Telschi (Gouv. Kowno) ist von einer furchtbaren Brandkatastrophe betroffen worden, unter der besonders die Juden gelitten haben. Mehr als 150 jüdische Familien sind obdachlos, drei Synagogen und' die altberühmte große Jeschiwah wurden ein Raub der Flammen. Arthur Schnitzler ins Hebräische übersetzt Der neue Wiener Judenroman Arthur Schnitzlers „Der Weg ins Freie" erscheint zurzeit in der hebräischen Tageszeitung „Heed Hasrnan". Rabbinerwahl in Alexandrien Über die durch den Tod des Rabbi Hazzan in Alexandrien geschaffene Lage lesen wir im „Jewish Chronicle" folgende in mehrfacher Hinsicht interessante Korrespondenz: Vergangene Woche fand hier eine Versammlung statt in Sachen der Neuwahl eines Chachatn Baschi für Alexandrien, indessen wurde ein definitiver Beschluß nicht gefaßt. Rabbi Abraham Abikzar, der Sekretär des Großrabbinats, wurde einstimmig mit der provisorischen Führung der Geschäfte des Rabbinats betraut. Im Herbst soll dann die Frage der Neuwahl endgültig entschieden werden. Inzwischen werden bereits einzelne Kandidaten genannt, so der junge Rabbi Haim Nahoum, bekanntlich der Leiter der von der Alliance Israelite entsandten Falaschah-Expedition, die zurzeit in Abessinien weilt. Andere treten sehr eifrig für den obengenannten Rabbi Abikzar ein, der vor 15 Jahren von Jerusalem hierher kam und sich sehr beliebt gemacht hat. Er selbst hat indessen kategorisch erklärt, daß er unter keinen Umständen kandidieren wolle. Unglücklicherweise gibt es kaum einen Rabbiner im Osten, der für den Posten geeignet wäre. Der einzige passende wäre Rabbi Jakob Meir, der indessen kaum geneigt sein dürfte, das Großrabbinat von Saloniki gegen das von Alexandrien zu vertauschen. Die Bemühungen, die seit einiger Zeit von dem Direktor des Jüdischen Seminars in Konstantinopel, Rabbi Danon, gemacht wurden, Rabbiner zu erziehen, die modernen Ideen (!) zugänglich sind, haben bisher nicht den gewünschten Erfolg gehabt, und die Avance Israelite, die diesem Zwecke Tausende von Franken geopfert hat (ü), ist darüber sehr entmutigt. Mit Rücksicht hierauf glaubt der Berichterstatter, . daß manche Rabbiner aus dem Westen in Betracht kommen, besonders spricht man von einem ausgezeichneten italienischen Rabbiner. Anderseits soll man sich auch nach Wien gewandt haben, um von dort den neuen Chacham zu beziehen. Antisemitismus in Alexandrien Derselbe Korrespondent des „Jewish Chronicle" berichtet auch von einem bemerkenswerten Fall von Antisemitismus, der sich jüngst in Alexandrien ereignet hat, und mehrere Mitglieder der italienischen Kolonie betraf. Mehrere Italiener hatten eine Beschwerde gegen ihren Konsul, den Marquis von Soragna, an das italienische Auswärtige Amt gerichtet, weil er ihnen zu klerikal und liberalen Anschauungen zu abhold schien. Die italienische Behörde entsandte zur Untersuchung einen jüdischen Vertrauensmann, Signor Anselmo Morpurgo. Zwei Monate später war der Konsul versetet, und seine Freunde schworen, ihn zu rächen. Kurz darauf fanden die Wahlen von vier Mitgliedern des Schulrates der italienischen -1 Kolonie statt. Beide Parteien, die Liberalen und die Klerikalen, stellten ihre Kandidaten auf, und der Wahlkampf wurde so heftig,