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Die Welt · 1908-07-31 · 30 (31.7.1908) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
30 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Zionismus in Rußland zu geben. Zu diesem Zwecke sollen verschiedene Fragen beantwortet werden, die die Größe und Tätigkeit der einzelnen Vereine, die Stellung, die die Intelligenz und die Jugend in den verschiedenen Städten den zionistischen Bestrebungen gegenüber einnehmen, und die Möglichkeit und Beschaffenheit einer speziellen Agitation betreffen. Des weitern fordert das Zirkular zu einer energischen Sammlung für Schekel und Parteifonds auf. Die bisherigen Ergebnisse der Sammlungen sind noch sehr gering, die Vereine werden daher ersucht, alle Kräfte aufzuwenden, um noch vor der Jahreskonferenz günstigere Resultate zu erzielen. Zum Schlüsse behandelt das Zirkular die Agitation für die Palestine Land Development Company, für die bisher an 65 Punkten 732 Aktien ä i £ gezeichnet wurden. In dem Zirkular wird eine interessante Agitationsmethode erwähnt, die die Charkower Gesinnungsgenossen jüngst angewendet haben. Sie sandten an alle jüdischen Familien der Stadt Fragebogen mit folgenden drei Fragen: Sind Sie Zionist? Wenn nicht, sympathisieren Sie mit der Bewegung? Wünschen Sie die Zusendung gedruckten Materials über den Zionismus? In der Zionistischen Kopekenbibliothek erscheint demnächst eine neue Jargonbroschüre über den „Bezalel" aus der Feder des Dr. Joseph Lurie. Der Zionismus in Rußland (Originalbericht) Die zionistische Bewegung, die durch die Revolution, den Terrorismus, die Enttäuschung, die Verarmung und die Zerfahrenheit unserer jüdischen Masse so schwer gelitten hat, beginnt jetzt neue Lebenszeichen von sich zu geben. Es unterliegt kaum noch einem Zweifel, daß die vorherrschende Stimmung in der jüdischen Gesamtheit Rußlands und Polens, wenn nicht ausgesprochen zionistisch, so doch wenigstens jüdisch-national und zionsfreundlich ist. Um diese Stimmung in etwas Konkretes umzuwandeln, ist eine große, organisatorische Arbeit notwendig, und diese Arbeit war und ist bis jetzt unter den obwaltenden Umständen so lange undenkbar, bis die Repressalien gegen die zionistische Organisation seitens der Lokalbehörden aufhören werden. Letzteres wird als Resultat der Reise des Präsidenten nach Rußland allgemein erwartet. Wir wollen nicht zu optimistisch sein und möchten lieber die weitere Entwicklung abwarten, als Horoskope stellen. Aber eine gewisse Milderung in der Behandlung zionistischer Parteiarbeit seitens mancher Behörden läßt sich hie und da schon jetzt wahrnehmen. Die Veranstaltung von Trauerfeiern zum Andenken Herzls stieß diesmal auf keine so schwierigen Hindernisse wie im vorigen Jahre. Wir haben vor uns eine lange Reihe von Berichten aus-verschiedenen Orten, wo diese Feier in würdiger, zuweilen auch in demonstrativer Weise veranstaltet worden ist Die Art war je nach den Kreisen der Veranstalter verschieden, bald waren es Träuergottesdienste in den Synagogen, bald Versammlungen und Vorträge in Privatsälen. Überall war der Zuspruch seitens des Publikums ungeheuer groß. Wenn der Zionismus überhaupt dazu bestimmt ist, den Parteirahmen durchzubrechen und eine Volksbewegung zu werden, sö darf man von dem Herzlkultus schon jetzt behaupten, daß er weit über die Grenzen der zionistischen Partei sich erstreckt. Natürlich müssen wir dafür sorgen, daß diese an sich so sympathische Pietät für die herrliche Gestalt Herzls nicht in einen Personenkultus ausarte, sondern sich zu einer zionistischen Gesinnung verdichte. Das ist jetzt die Aufgabe der zionistischen Organisation in Rußland. Alles wurde vernachlässigt: Presse, Redetribüne, die Kanzel, — mit einem Worte alle Faktoren einer volkstümlichen Propaganda —, infolge der Unmöglichkeit und der Nervosität, wie auch infolge der Zersplitterung, die die Parteibildungen hervorgerufen haben. Das Tohuwabohu ist vorüber; von sämtlichen Organisationen, die auf jüdischem Boden stehen, ist nur die zionistische Organisation geblieben. Jetzt ist es an der Zeit, sich auzuraffen, alle Hebel in Bewegung zu setzen und das Zerstörte wieder aufzubauen. Es läßt sich nicht leicht voraussehen, welche Gestalt die zionistische Organisation in Rußland annehmen wird. Von einem allgemeinen Verein in einer Zentrale mit Filialen in verschiedenen Städten Rußlands bis zu der Form verschieden gearteter und im Grunde parallel laufender Vereine existiert eine lange Reihe von Formen, die die zionistische Organisation annehmen könnte. Das Einfachste wäre folgendes: eine Anzahl Zionisten in der gegebenen Stadt bildet einen Verein, ä. h. formuliert seine Statuten und reicht an die Lokalbehörde eine Bitte wegen deren Bewilligung ein. Eine solche Behörde existiert in jeder Gouvernementsstadt. Es ist dies die sogenannte Gouvernementskommission für das Vereinswesen. Nach den neuen Vorschriften entscheidet die Kommission über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit jedes neuen Vereines, die Kommission läßt auch die Petenten einladen, um über die Zwecke des Vereins Aufklärungen zu erteilen. Wirddas Gesuch, von der Kommission abgelehnt, so_ steht den Petenten das Recht zu, gegen die Entscheidung in "einem Gesuche an den Senat Berufung einzulegen. Der Senat entscheidet dann über den gegebenen Fall endgültig. Sofern ist das Gesetz liberal; in der Praxis aber kommt es nur selten vor, daß die Petenten eingeladen werdenr und noch seltener, daß der Senat einer Berufung das nötige Maß von Aufmerksamkeit widme. ,Das war der Fall mit dem berüchtigten Minsker Gesuch. Die Minsker Gouvernementskommission hatte ein solches Gesuch abgelehnt und der Senat hat in ganz oberflächlicher Weise die ablehnende Dezision bestätigt. Um diesem Zustand Abhilfe zu schaffen, muß fortan seitens der zionistischen führenden Kreise in Rußland tüchtig gearbeitet werden. Man muß in den Kommissionen aufpassen, daß die nötigen Aufklärungen aufgenommen werden und wenn man nach Petersburg rekurriert, so muß man das , nötige Material dorthin liefern. Noch wichtiger ist die Belehrung der öffentlichen Meinung durch die Presse und Literatur. Letzteres ist nur durch eine große, von intellektuellen Kräften geleitete Propaganda möglich. Aufruf! An die jüdischen Hochschüler und Abiturienten aus den südslavischen Ländern! Der gefertigte Verein beruft für den 16. und 17. August 1. J. nach Zemun (Slavonien) einen Kongreß ein; wozu alle jüdischen Hochschüler und Abiturienten der genannten Länder höflichst eingeladen werden. Anmeldungen, Informationen, Begrüßungsschreiben (Telegrammblankette) usw. sind an den Obmann des Exekutivkomitees, stud. phil. Alfred Singer, Zemun, Laudongasse 21, zu richten. Akademischer Verein „Bar-Giora", Wien. Die von der jüdisch - akademischen Verbindung „Judea" in Lemberg angekündigte Pälästinareise wurde infolge der in Palästina gegenwärtig herrschenden Hitze auf Verlangen vieler Teilnehmer für den Herbst verschoben. Österreich (Von unserm Korrespondenten) Von der Jüdischen Nationalpartei Die Ferienzeit soll keine Unterbrechung in der Tätigkeit der Jüdischen Nationalpartei herbeiführen. Der Klub gönnt sich nach der aufreibenden Parlamentsarbeit eine Ruhepause. In den leitenden Kreisen der Partei jedoch erwägt man, ob die Sommerzeit dazu ausgenutzt werden soll, um einen Parteitag der Jüdischen Nationalpärtei zu organisieren. Eine ähnliche Tagung fand nämlich seit dem außerordentlichen Zionistentag in Krakau, dem eine vertrauliche politische Konferenz folgte, nicht statt. Inzwischen hat sich die Situation ^kompliziert Während in Galizien zionistische Organisation und politische Partei identische Begriffe sind, führte Westösterreich eine Trennung beider Organisationen durch. Soll aber der Jüdische Klub eine Vertretung des, gesamtösterreichischen jüdischen Bürgertums sein, muß er sich auf eine gesamtösterreichische Organisation stützen. Indes besteht zwischen den politischen Vereinen „Techiath Zion", die das Lemberger Zentralkomitee in Galizien gründete, und dem Jüdischen Nationalverein, der eine parallele Aktion in Westösterreich leitet oder auch der politischen -jüdischen Organisation in derBükowinakeinZusammenhang. Diese politischen Organisationen mit gleichen Tendenzen marschieren getrennt Das Einende bleibt der Jüdische Klub. Gerade für die parlamentarische Vertretung muß es eine Unbehagen hervorrufende-Situation sein, an der Spitze einer Personalunion zu stehen. So tauchte der Gedanke auf, die vereinzelten politischen Gründungen der Jüdischnationalen zu einer allösterreichischen Parteiorganisotion zu verschmelzen. Der Vereinigung, die von der Krakauer Konferenz als eine Selbstverständlichkeit betrachtet wurde, muß ein Parteitag der Jüdischen Nationalpartei vorangehen. _ Solange eine solche Institution nicht vorhanden ist, gibt es ' eigentlich kein Parteigebilde, ja kein Forum, vor dem der Jüdische Klub von seiner parlamentarischen Wirksamkeit Rechenschaft ablegen könnte. Der Zusammentritt des Parteitages würde "daher schon ohne "wertere Folgen eine Kräftigung des Jüdischen Klubs .bedeuten.

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