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Die Welt · 1908-07-31 · 30 (31.7.1908) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
30 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 30 DIE^ELT ist weder, bewußt noch berechnet; sie entstammt dem Lebensbedürfnis; sie ist instinktiv und rein mechanisch, wie beim Vieh, das' von einem abgegrasten nach einem frischen Weideplatz zieht. Weder wollen Schmul-Aron und Chaim'l noch weigern sie sich zu arbeiten. Nie tauchte in ihnen diese Frage überhaupt auf. Solche Fragen schafft nur die Literatur. Das Leben kennt den Zwang, die Notwendigkeit — und nicht mehr. Ich kannte Schmul-Aron schon sehr lange. Ich erinnere mich der Zeit, als es ihm glänzend ging. Ein angesehener Kehillamann, ein Platz in der Synagoge an der Ostwand, immer ein „Orach" (Gast) zu Schabbes und zwei „Orchim" zu einem Jomtow (Feiertag), — ein Wohltäter! Er pflegte Bekannten viele zinslose Darlehen zu erteilen. Er war lange Waldhändler. Da geschah es einmal, daß er einen Wald, wie er allgemein behauptete, „gut gekauft hatte"; aber es stellte sich in der Folge heraus, daß die Sache nicht klappte: man durfte den Wald gar nicht anrühren. Er ging infolgedessen seines ganzen Vermögens verlustig. In der ersten Zeit blieb ihm noch der Schein eines reichen Mannes, — der goldige Sonnenuntergang. Er quälte sich, die Täuschung aufrechtzuerhalten. Als dies nicht länger möglich war, nahm er die Stelle eines „Waldschreibers" in einem fremden Walde an. Dort passierte ihm ein ganz merkwürdiges Malheur. Schmul-Äron wohnte ganz isoliert in einem Holzgebäude im Walde und hatte zuweilen größere Summen, die für den Betrieb bestimmt waren. Dieser Umstand erregte die Raubsucht der Bauern, die ihn in der Nacht überfielen, folterten und ausplünderten. Wunderbarerweise blieb er am Leben, — aber -nur mit einem Auge, das andere ward ausgestochen. — Dieser Fehler muß verheimlicht werden, — sagte „der lange Groinem." Sie reisten zusammen nach Warschau und kauften ein gläsernes Auge. Größerer .Sicherheit halbertrug Schmul-Aron eine schwarze Brille. Chaim'l Kaplan war ein pfiffiger Kauz. Seine Vermittlerbeschäftigung hatte ihn sehr gewitzigt. Er hatte auch sehr enge Beziehungen zu Amerika. Sein einziger Sohn war vor einigen Jahren nach Amerika entflohen. Alle glaubten, er wäre als einziger Sohn militärfrei; nun brach der Krieg aus, und da mußte ja auch der einzige Sohn Chaim'l Kaplans beim angekündigten Kuropatkinschen Spaziergang nach Tokio mithelfen. Als man Miene machte, ihn einzuziehen, riß er aus und ließ seitdem nichts mehr von sich hören. Chaim'l mußte nach dem russischen Gesetz für seinen entflohenen Sohn dreihundert Rubel Strafe bezahlen. Woher er das schwere Geld genommen hat, weiß er selbst nicht, — bezahlt hat er doch. Man hatte schon nach New York und nach Philadephia an Rabbiner und an Landsieute geschrieben, in jüdischen Zeitungen annonciert u. dgl. Wer weiß, ob der junge Mann nicht in Amerika gestorben ist. Also hat Amerika Chaim'l seinen einzigen Sohn und — dreihundert Rubel genommen. Gerechtigkeitshalber dürfte Chaim'l für all das von Amerika wenigstens einen Einlaß beanspruchen. Aber „der lange Groinem" war nicht ganz sicher, daß man Chaim'l den Einlaß gewähren wird. Chaim'l reiste also auf eigenes Risiko. Einen traurigen Eindruck machte Binjomin-Zew. Er war schwach und gebückt- Die Spuren von zwanzig ^Zmanim" (Semester) lassen sich erkennen. Er war auch , außerordentlich furchtsam. Aber er hatte eine starke Seite: er war mit Groinem verwandt. Das wollte was heißen, Groinem hatte ja . „breite Schultern"; Die Witwe Dwoire wurde Groinem durch die Kehilla aufgedrängt. Hier lebte sie in großer Armut und dort war die Tochter, die eine Schiffskarte schicken konnte! Zwar hatte die Tochter die Schiffskarte dort auf Abzahlung gekauft, aber gekauft hatte sie sie doch! Und dasaß diese ehrbare Witwe und darbte! Nein, die mußte dorthin befördert werden! In dieser Krösussengemeinde war Hersch-Leib der elendste Jammergeselle. Groinem verlangte, man solle Hersch-Leib wenigstens einen Überzieher verschaffen, Die Unterkleider mögen noch so_ zerrissen sein, sie werden nicht untersucht, aber der Überzieher muß ganz sein! Amerika! Man darf dort nicht so abgerissen ankommen. Das wirkte. Die Verwandten hatten Hersch- Leib „fein ausgeputzt". Er sah aus, wie ein richtiger „Mechuten". Welwel und Pinie, — für die war es einfach eine große „Mizwah" (Gebot), — starben sie doch hier förmlich vor Hunger. Für einen Rubel, ja, für einen halben Rubel per Woche würden sie arbeiten, wo ihr wollt, sogar unter der Erde. Und die Schneider? Da ist ja überhaupt keine Sorge! Immerhin Handwerker! Und die alten Jungfern? Im schlimmsten Falle werden sie dort in den Dienst gehen. Hier ziemte es sich nicht. Anständige jüdische Töchter aus guten Familien! Schmul-Aron, der Einäugige, verbarg sorgfältig sein ausgestochenes Auge Den übrigen schärfte Groinem ein, sie möchten ihre Armut verschleiern. Ein Mensch müsse — wiederholte er — als Mensch erscheinen. Amerika! Vielleicht — sagte er — werde man von ihnen verlangen, sie sollen ihre Barmittel vorzeigen. Nun verhielt sich die Sache folgendermaßen: Jeder einzelne besaß nicht genug für sich, aber alle zusammen hatten doch genug. Die Schneider z. B. hatten etwas Geld, aber von ihnen würde man kaum verlangen, daß sie Geld vorzeigen, sie sahen ja so gesund aus. Sie mögen also das bißchen Geld Hersch-Leib leihen, der nichts hat. Die Wittwe Dwoire hatte auch etwas Geld, das sie sich durch freiwillige Fasttage gespart hatte und sie hatte ja keins nötig, da sie von ihrer Tochter erwartet werden sollte und auch imstande war, die zugesandte Schiffskarte zu zeigen, was auch seine Wichtigkeit hat. Es wurde also beschlossen, daß sie ihr Geld Binjomin-Zew fürs Vorzeigen leihen soll. Man ging noch weiter: man schaffte ihm auch einen fremden „Tilep" (Pelzrock). Schmul-Aron gab seinen „Tilep" her. Er hatte einen aus den guten Tagen des Waldtiandels. Der Melamed sah im Pelzrock ganz grandios aus.- Wie ein richtiger Waldhändler! Wird man doch nicht so frech sein, einem Mann mit einem Pelzrock die Einwanderung nach Amerika zu verbieten. In diesem „Trustbildete Chaim'l Kaplan - die geringste Last. Es war mit ihm etwas ganz Ungewöhnliches, er hatte, keine Kinder! Einen einzigen Sohn hatte er, und der war verschollen. Wohl behaupteten die andern, Kinder wären für Amerika überhaupt kein Hindernis, im Gegenteil, sie brächten nur Segen, denn in Amerika „verdient.alles", aber- Binjomin-Zews ältere Kinder waren bleich, und. die jüngern hatten O-Beinchen. „Die englische Krankheit!" Der Arzt behauptete zwar, es sei keine Gefahr vorhanden. Jedoch für alle Fälle,

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