Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 30 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Einstimmig wurde sodann eine Resolution angenommen, die Regierung möge ersucht werden, solche palästinensische Produkte, die nicht in Amerika selbst erzeugt werden können, zollfrei einzulassen. Nachmittags fanden die Wahlen statt. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Harry Friedenwald, Baltimore, einstimmig wiedergewählt. Vizepräsident wurde Dr. Magnes, New York, Schatzmeister Henry Jackson, Pittsburg, Sekretär Dr. Jacob Jasin, Texas. Als Ehrenvizepräsidenten wurden noch gewählt: Professor Salomon Schechter, New York, Dr. Max Heller, New Orleans, Miß Henrtetta Szold, Reverend H. Maßliansky, Dr. Max L. Margulies, Mr. 'Satnuel Strauß, Dr. H. Malter, Dr. H. Schlesinger, sämtlich in New York, Mrs. Jacob de Haas, Boston, Dr. L. Burg, San Antonio,. Rabbi B. L. Levinthal, Philadelphia, Dr. S. Schaffer, Baltimore. Unter dem Absingen nationaler Lieder wurde die Versammlung Die amerikanischen Zeitungen äußern sich sehr beifällig über den Verlauf der Konferenz. Interessant ist, was der Jewish Comment über die Rede des Mr. Samuel Strauß schreibt. Er sagt, daß aus dieser Rede hervorgegangen sei, daß Mr. Strauß aus einer innerreligiösen-Notwendigkeit zum Zionismus gekommen ist. Obwohl der Zionismus keine offiziellen Beziehungen zur Religion hat, sähen Männer wie Mr. Strauß in der gemeinsamen Arbeit der Juden zum Zwecke der Erhaltung ihrer nationalen Hoffnung eine mächtige religiöse Kraft. So bewahrheite sich das prophetische Wort Herzls, daß der Weg zum Zionismus durch das Judentum gehe. Mr. Strauß' Rede habe einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer gemacht, weil daraus hervorgegangen sei, daß er selbst aus solchen Gründen zum Zionismus gekommen sei. Hier. sei_ ein kultivierter amerikanischer Bürger, der mit allen religiösen Oberlieferungen gebrochen hatte, kein sogenannter Träumer, sondern, ein Mann der Geschäfte, der Eigentümer einer großen hauptstädtischen Zeitung, der angesichts der verschiedenen Lesarten des Judentums sich, nicht mit dem begnügte, was wir bisher in dem Enthusiasmus und der Unabhängigkeit des Zionismus erblickt haben, sondern darin eine Möglichkeit sieht, die Juden wieder zu einem religiösen Volke zu gestalten. FEUILLETON DIE LETZTE SEEREISE Von N. Sokolow Auch wir haben Seekriege, auch wir steuern heldenmütig einem Hafen zu. Und wenn wir keine Flotte mit Kanonen und Torpedobooten besitzen, so haben wir doch Admirale. Der Admiral den ich hier schildern will, heißt Groinem. Er wurde gewöhnlich „der lange Groinem" genannt. „Der lange Groinem" gehörte zu der Sorte, die man die fröhlichen armen Leute nennt. Er war schon fünfmal in England und dreimal in Amerika gewesen. Er hatte von dort zwar kein Geld mitgebracht, aber auf dem Gebiete der Orts- und Gesetzeskunde, der Fahrpläne und der Vorschriften für Einwanderer konnte sich niemand mit ihm messen. Er war biegsam wie ein Rohr und hüpfte umher wie ein „Trendele". Er freute sich, wenn es ihm gelang, einzuwandern; er war gut gelaunt, wenn er zurückgewiesen wurde. Stets war er lustig, — auch wenn er hungerte. Wie viele. Strapazen und Wanderungen hatte „der lange Groinem" zu ertragen! Er wußte, wo es leichter war „hereinzukommen": via Dover oder via Harwich. Er wußte auch, welche Kategorie von Auswanderern mehr Aussicht hatte, im „Shelter" gut aufgenommen zu werden. Er verfügte über eine Reihe praktischer Ratschläge, wie man sich der mühseligen Desinfektion jenseit .der Grenze entziehen könne. Er wußte, wie man sich in Hamburg zu verhalten habe und wie es in Rotterdam ausschaut. Auch über Südafrika besaß er genaue Nachrichten. Ein verkörpertes Informationsbureau. Man wird nicht so leicht Admiral. Togo mußte sich im chinesischen Feldzug auszeichnen, bevor man ihm die Leitung der Eskadre im japanisch-russischen Seekrieg anvertraut hatte. „Der lange Groinem" hatte sich in vielen Kämpfen mit den Beamten und Polizisten die Sporen errungen. Natürlich waren es unblutige Kämpfe. Vor kurzem kommandierte Groinem eine Kompagnie nach New York. Schmul-Aron, gewesener Waldhändler, dann „Waldschreiber" und, nachdem das Waldgeschäft auf den Hund gekommen war, mit Frau und Kindern total verarmt; Chaim'l Kaplan, gewesener Getreidevermittler, der seit einigen Jahren müßig herumging und „nicht einmal auf Zigaretten verdiente" nebst Frau; Binjomin-Zew, der ehemals eine „Knellung" (ein Gheder) hatte und, seitdem das Cheder„geschäft" durch die Polizei furchtbar erschwert worden, ganz brotlos geworden ist; die Witwe Dwoire, die sich mit „Federschleißen" armselig ernährt hatte und deren sich ihre in Amerika verheiratete Tochter erbarmt und eine Schiffskarte zugesandt hatte, damit sie „zu den Kindern herüberkomme"; Hersch-Leib, gewesener halber Kellner, halber Marschallik, der, seitdem die Zeiten schlecht geworden sind und das Marschallik„geschäft" verkümmert ward, ohne Existenzmittel geblieben ist, — samt Familie; Michel Kohn, der ehemals ein „Lodzer Schnittwarengeschäft" hatte, das „pleite" geworden und ihm viele Schulden hinterlassen hat; Welwel und Pinie, die mit Lotteriezetteln handelten, aber seitdem die Lotterien sich ungeheuer vermehrt hatten, die Zettel nicht mehr an den Mann bringen konnten. Das war die Front der Division; die Hintermasse bildeten arbeitslose Schneider, ein „junger Mann", der die Schechitakunst erlernt hatte, aber keine Stelle finden konnte, ältere Jungfern, die keinen Pfennig Mitgift hatten und in Amerika heiraten wollten" u. dgl. Eine typische Gemeinde, aus verschiedenen Gemeinden zusammengewürfelt, die alles von einer Judengasse besaß, die ganze Buntheit und das ganze Flickwerk, das ganze Elend und den ganzen Schmerz, jenen stillen Schmerz, der nicht laut aufschreit, der nicht in zappelnder, blutiger Verzweiflung die Frage: „sein oder nicht" stellt, der langsam dahinsiecht und sich von Land zu Land umherschleppt, .mit dem Wehen des Windes dahinzieht und mit den Meereswellen dahinschwimmt, von hier entwurzelt sich anderwärts einpflanzt, um dann wieder herausgerissen zu werden, — ganz planlos. Denn Schmul-Aron und Chaim'l und Binjomin-Zew und Hersch-Leib und Michel Kohn wußten beileibe nicht, ob sie Peddlar (Hausierer) oder Knopflochmacher, oder Dachklempner, oder einfach Straßenarbeiter in Amerika werden müssten. Diese ganze Auswanderungsbeweguhg