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Die Welt · 1908-07-24 · 29 (24.7.1908) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 D1E3 Das Beweismaterial, das uns bis jetzt zur Verfügung steht und die Beschlüsse der Duma behandelt, ist folgendes: Vor allem widerstand die Duma dem gefährlichsten Angriff seitens der extremen Rechten, welche den Antrag über die Ausschließung der Juden aus der Armee gestellt hat. Nicht weniger charakteristisch ist die Ablehnung des weiteren Antrages der Rechten über die Nichtzulassung jüdischer Ingenieure zu den Arbeiten beim Bau der Amur-Eisenbahn. Das sind die positiven Punkte der .Tätigkeit der Duma in der Judenfrage. Zu den antisemitischen Beschlüssen gehören : die Annahme des Gesetzes über die Ausweisung der in kaukasischen Kurorten sich aufhaltenden jüdischen Kranken und außer diesem echt barbarischen Beschlüsse die Annahme eines Gesetzes über Beschränkung jüdischer Handwerker. Das Material ist tatsächlich kärglich, und es ist schwierig, auf Grund dieser sich widersprechenden Beschlüsse etwas Bestimmtes über die Zukunft der Judenfrage in der Duma zu sagen. Es muß nur hier bemerkt werden, daß in der letzten Zeit eine für Juden viel günstigere Stimmung geherrscht hat und daß dazu das zwischen Pergament und Markow stattgefundene Duell viel beigetragen hat. Nach vielen dramatischen Momenten und einem glücklichen Ausgang h ben sich Pergament, ein getaufter Jude, trotzdem er sich für keinen Juden hält, und Markow, der eingefleischte Antisemit, aufs herzlichste geküßt, und diese Küsse sind von fast symbolischer Bedeutung. Bei den politisch noch wenig entwickelten Russen sind persönliche Sympathien von größter Bedeutung für politische Überzeugungen, und wer weiß, ob die Anwesenheit einer .gewissen Gruppe jüdischer Deputierter in der Duma, welche sich großer Anerkennung seitens der Leader der Rechten erfreuen würden, nicht von großer Bedeutung für die Judenfrage in der Duma wäre. Aber von dem unglücklichen Duumvirate der Herren Nisselowitz und Friedmann können wir nicht viel erwarten. Bei der Analyse der Dumatätigkeit darf man nicht vergessen, daß die Einteilung der Duma in Parteien und Gruppen nur auf dem LT ' '' Nö. 29 Papier und in unserer Einbildung besteht; jedenfalls ist sie ganz anders als in den europäischen Parlamenten, welche eine, lange politische Vergangenheit hinter sich haben. Das politische Bewußtsein der Deputierten ist durchschnittlich sehr schwach, und wenn dieser oder jener Deputierter sich einer Partei anschließt, so ist es eine Sache des Zufalls, oder es geschieht aus Motiven, die mit Politik nichts Gemeinsames haben. Dasselbe läßt sich nicht von den Kadetten sagen, deren Partei aus Intelligenz besteht, und auch nicht von den Oktobristen, die ja politisch sehr gebildet sind, sondern Parteien, wie die „Trudowiki", die gemäßigte Rechte, die extreme Rechte, die Nationalisten, bestehen außer aus ihren Leaders. hauptsächlich aus Bauern, Geistlichen niedern Ranges und Kleinbürgern, also aus Leuten, die keine Bildung besitzen und sich nur von ihren Leaders leiten lassen. Wenn "wir uns mit einem solchen Deputieren privatim unterhalten, macht er den besten Eindruck und spricht in vielen Fragen die liberalsten Ansichten aus. Es gibt viele unter ihnen, die privatim für -die Gleichberechtigung der Juden sind, aber sobald sie auf ihren Deputiertenplätzen sitzen/ verlieren diese Bauern ihren ganzen Mut und ihre Geistesgegenwart und lassen sich auf die Worte ihrer Parteiführer fangen. Es gibt aber unter den Bauern auch solche, in deren Köpfen es plötzlich hell wird, und wir beobachten dann die für das russische Parlament so charakteristische Erscheinung einer Massen Wanderung der Deputierten aus einer Partei in eine andere, meistens aus der extremen Rechten in die extreme Linke. So sehen wir, wie unstät und ungleichmäßig die Kräfteverhältnisse in der dritten Duma sind. Es gibt kein Verhältnis zwischen ' dem heutigen und dem gestrigen Tage. Bis jetzt war die dritte Duma in ihrer Mehrheit antisemitisch, und wenn es keine Änderungen in ihrer Konstellation geben wird, so ist keine Besserung der Lage der Juden von ihr zu erwarten. Und was später sein wird, welche Meinung „ce grand inconnu" der russische Bauer — der Rechte im Parlament — von den Juden haben wird, dieses Rätsel kann nur ein — Astrolog lösen. O [(□□□□□□ FEUILLETON DAS UNSELIGE AMERIKA Von L. Kobrin Er konnte es gar nicht glauben, der alte Schuster Mosche Beer, daß seine Chawe ihm so etwas antun werde . . . Von ihm fortzugehen, ganz und gar ... Ihn zu verlassen und allein zu lassen auf die letzten Greisenjahre! . . . Und er wird ihr nicht mehr sagen können: „Chawe! mach' mir heut Klöße zu Mittag, du weißt doch, wie ich sie gern hab!" oder: „Chawe, mich sticht's jämmerlich im Rücken, reib' mir doch da ein wenig ein, da, da!" oder wenn die Gassenjungen die Türe zur Kellerstube stürmisch aufreißen und ihn mit einem „Schsch-schsch, Backenbart" aufschrecken, soll er nicht mehr schreien können: „Chawe, daß dich! Wo bist du denn mit dem Stecken? Borg sie dir doch aus, die Strolche!" . . . Wie ist das nur möglich? Wie kann das nur sein? Fünfzig Jahre haben sie miteinander gelebt wie die Täubchen, Kinder mit Mühe aufgezogen; auf der Kinder Hochzeiten hat er mit ihr getanzt, bei der Kinder Begräbnis zusammen mit ihr geweint . . . Und dann sind sie vor zwölf- Jahren .hierhergezogen nach New York zu ihrer Tochter. Und konnten beide gleicherweise nicht so recht, auskommen mit der Lebensart von Tochter und Schwiegersohn, — das führt schon gar kein frommes Haus! — und sehnten sich beide zurück nach ihrer Geburtsstadt Smargon, und kränkten sich beide darüber, daß dort Mosche Beer Mosche Beer war, ein ehrsamer Schuster, der für die feinsten Leute Stiefel und Stiefelchen fabriziert hat, direkte Schmuckstücke aus weichstem Leder, und daß er hier in diesem „New York" gezwungen war, abgetragenes Schuhwerk zu reparieren, — und»was für Schuhwerk dazu! Schäbiges amerikanisches Ein-Döllar- Schuhwerk, — „verbrannt soll es werden wie das Gesäuerte vor Pessach!" — so fluchte Mosche Beer grollend, „verbrannt mitsamt diesem ganzen Amerika und seinem fetzigen Handwerk! ..." Mit einem Worte, wie ist es nur möglich, daß diese selbe Chawe, mit der er fünfzig Jahre gelebt hat, wie der Körper mit seiner Seele, ohne daß er je an so was nur gedacht hat, plötzlich, mit einem Male_. . . Wie, was, wann? Wieso denn eigentlich? Über Magenschmerzen hat sie geklagt ... Unseliges Amerika! In Smargon isfs doch auch nichts Seltenes, Magenschmerzen. Nun, mantrinkt dies, man trinkt jenes, Mittel genug, und -es hilft auch . . . Einen Doktor kennt man höchstens von der Straße. Und hier . . . alle fragen sie jetzt, warum er. nicht gleich nach dem Doktor geschickt hat. Ein Doktor bei Magenschmerzen, ist es nicht ein verrücktes Land, dieses Amerika? Und doch, es ist eine bittere Wahrheit . . . Chawe "verläßt ihn wirklich . . . Und vielleicht, wenn er wirklich gleich nach dem Doktor geschickt hätte, vielleicht wäre sie doch nicht ...

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