Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-07-24 · 29 (24.7.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316326--50873-3378329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Schluß der Session Das Abgeordnetenhaus ging auf Ferien, nachdem es das Budget erledigt und die Erhöhung des Rekrutenkontingents bewilligt hat. Man zerbricht sich den Kopf über die geheimnisvollen Zaubermittel des-Tausendkünstlers Herrn v. Beck, der es zustandebringt, alle Krisen beizulegen,. alle slich kreuzenden Begierden zu befriedigen und die sich befehdenden Parteien trotz alledem in einer Wunderklammer festzuhalten. Die währe Liebe zum Volke kann es nicht sein,, die die Abgeordneten so zahm macht, denn das Volk von Österreich ist nicht zufrieden: Nur ein Häuflein von Parteien, die Vertreter der Arbeiterschaft, und der unterdrückten Nationen, unter diesen auch der Jüdis'che Klub, verharren in der Opposition. Das freundliche Lächeln aber verschwindet von den Lippen des Herrn jyKnisterpräsfdehte'n nicht. Er unterhandelt mit allen, auch mit dem Jüdischen Klub. Geben freilich kann er den Juden Österreichs nichts. Denn die Koalition, auf die. er sich stützt, ist antisemitisch. Von den Forderungen des Jüdischen Klubs wurde keine einzige erfüllt. So kann der Klub nur auf einen negativen Erfolg seiner Tätigkeit hinweisen, '■— auf die Ablehnung der Resolution Schmid. Es ist nur erreicht worden, daß das Parlament nicht für Maßnahmen zu haben ist, deren Zweck die Erdrosselung des jüdischen Volkes in Österreich ist Will man jedoch der österreichischen Judenheit mehr Ellbogenfreiheit erringen, so ist es bei den gegebenen parlamentarischen Verhältnissen ein Ding der Unmöglichkeit. Das Parlament fügt sich den Wünschen des Herrn v. Beck. Baron Beck muß erkenntlich sein. Wie leicht ist es auf Kosten der Juden! Die Judenschaft Österreichs besitzt in dem Herrn Ministerpräsidenten keinen Freund. Der Jüdische Klub steht" vor einer kunstvoll errichteten, unübersteigbaren parlamentarischen Pyramide, deren Basis die Christlichsozialen sind, und auf deren Spitze der unentwegt freundlich lächelnde Herr Ministerpräsident sitzt Es hat das Heilsame, daß die Illusionen, die an die Schlachten und Siege auf dem Parkettboden des Parlaments geknüpft werden, zerrinnen. Es ist aber keine besondere Einbuße, um eine Illusion ärmer zu werden. Man wird dafür um eine Erfahrung reicher. Die Chuzpe des Abg. Prof. Redlich Nun kann man jetzt nach Herzenslust schimpfen. Es ist nicht gefahrlos," eine Frechheit oder Arroganz, eine Anmaßung oder Büberei mit einer dem deutschen Sprachschatze entnommenen Bezeichnung bei Namen zu nennen. Dafür aber kann man um so mehr straflos einem zurufen, daß er eine „Chuzpe4* begeht. Das österreichische Abgeordnetenhaus, richtiger sein Immunitätsausschuß, hat nämlich nach eingehenden Studien des Hebräischen diesen befreienden Beschluß gefaßt. Geben wir aber lieber dem Berichterstatter des Ausschusses, der eines gesunden Mutterwitzes nicht entbehrt, das Wort. „Am 22. April 1908 hat in den Kasinolokalitäten in Ungarisch- Brod eine öffentliche Wählerversammlung stattgefunden, bei welcher Abgeordneter Professor Dr. Redlich ein Referat erstattete. Der bei dieser Versammlung anwesende Universitätshörer Herr Felix Winterstein, hinsichtlich dessen Person aktenmäßig nicht festgestellt ist ob er Wähler sei, hat nach der Rede des Abgeordneten Dr. Redlich das Wort ergriffen und die politische Tätigkeit des Abgeordneten Professors Dr. Redlich, speziell dessen Verhalten dem Minister Dr. Geßmann gegenüber, einer scharfen Kritik unterzogen. Als Herr Felix Winterstein im Laufe seiner Ausführungen die Bemerkung fallen ließ, man müsse einen Gegner von antisemitischer Gesinnung nicht gerade respektieren, man werde ihn vielmehr verachten, da entgegnete Professor Dr. Redlich, daß das Auftreten des Herrn Winterstein eine „Chuzpe", und zwar eine jüdische Chuzpe sei. Das Wort „Chuzpe" soll, zufolge Mitteilung von Personen, die des Hebräischen mächtig sind, gleichbedeutend sein mit Arroganz. Herr Felix Winterstein hat nun wegen dieses Vorwurfes die Strafklage wegen Ehrenbeleidigung gegen den Abgeordneten Professor Redlich am 25. Mai 1908 überreicht und auf Grund dessen stellt das k. k. Bezirksgericht Ungarisch-Brod das obenerwähnte Auslieferungsbegehren. Der Vorwurf einer Arroganz ist an und für .sich gewiß ehrverletzend. Anders ist es aber mit dem Worte „Chuzpe", welches in keiner in Österreich üblichen Sprache bekannt ist und zu dessen Verständnis erst das Vokabularium der hebräischen Sprache Anhaltspunkte bieten muß. Ein beleidigendes Wort muß mit Rücksicht und im Hinblick auf seinen beleidigenden Inhalt allgemeinverständlich sein, zum mindesten aber dem Auditorium, in welchem es gefallen ist, als ehrverletzend geläufig sein. Nach der Aktenlage läßt sich dies für den gegenwärtigen Fall nicht behaupten, und es ist sogar sehr zweifelhaft, ob unter den versammelten Wählern am 22. April 1908 irgendjemand die Bedeutung des Wortes „Chuzpe" gekannt habe, (sie!) Abgesehen davon darf nicht außer acht gelassen werden, daß die Wählerversammlung vom 22. April 1908 eine politische Versammlung war, bei welcher gegnerische Ansichten aneinander prallten. Herr Winterstein kritisierte die Antisemiten und den Herrn Dr. Geßmann, wobei er sich bis zur möglichen Verachtung des politischen Gegners verstieg. Dem entgegen durfte Professor Dr. Redlich auf die scharfen Worte des Herrn Winterstein zweifellos reagieren, und in seiner Kritik des Auftretens des Herrn Winterstein konnte er eine Art Überhebung, somit das, was gemeiniglich als Arroganz bezeichnet wird, subjektiv allerdings erblicken. So wenig nun die vom Herrn Winterstein ausgesprochene Verachtung der politischen Gegner als Ehrenbeleidigung aufgefaßt wird, so wenig kann auch die scharfe Kritik von Seiten des Professors Dr. Redlich gegenüber den Auslassungen des Herrn Winterstem als Ehrenbeleidigung bezeichnet werden. Es herrscht beiderseits nur der animus fortiter disputandi (die Absicht heftig zu disputieren), durchaus nicht aber der animus injuriandi (die Absicht, zu beleidigen)." Der Ausschuß beantragte die Ablehnung der Auslieferung. Also bei der Versammlung der jüdischen Wähler in Ungarisch-Brod, die ihren getauften Abgeordneten anhören wollten, verstand man das Wort „Chuzpe" nicht. Wie merkwürdig nur, daß Abgeordneter Prof. Redlich ohne Benützung eines Vokabulariums seine Reden mit hebräischen Ausdrücken würete. Es ist jedenfalls gut, daß man jetzt, ohne der Ehrenbeleidigung angeklagt zu werden, dem Abg. Redlich sagen kann, daß er ein Chuzpenik ohne Busche ist Jüdischer Sprachkongreß In Czernowitz soll ein Kongreß jüdischer Schriftsteller und Sprachgelehrten abgehalten werden. Es erschien ein diesbezüglicher Aufruf, unterzeichnet von mehreren jüdischen Schriftstellern, die in Amerika seßhaft sind, sowie von Dr. Chaim Schidlowsky und Dr. N. Birnbaum. Der Kongreß wird nicht nur über Maßnahmen zur Vereinheitlichung der jüdischen Schriftsprache beraten. Es soll auch die wirtschaftliche Lage der jüdischen Schriftsteller und Schauspieler besprochen werden. Es ist merkwürdig, daß kein einziger jüdischer Dichter oder Publizist aus Rußland und Österreich den Aufruf gezeichnet hat Sollte aber der Kongreß wirklich Zustandekommen, dann wird er gewiß ein eigenartiges und interessantes Bild bieten. Morris Rosenfeld ist derzeit in Karlsbad. Es verlautet daß er nach Wien kommen wird, um an einem literarischen Abend teilzunehmen. Russischer Brief (Von unserem Berichterstatter) Ein Rückblick auf die verflossene Dumasession mit Bezug auf die Judenfrage Der Schluß der Dumasession fand mit weniger Feierlichkeit statt, als es zu erwarten war. Das kann dahin gedeutet werden, daß das Verhältnis der höheren Kreise zum dritten russischen „Parlament" kein herzliches ist. In unseren früheren Korrespondenzen bemühten wir uns, die Leser über die Schicksale der Judenfrage in der Duma und über das Verhältnis verschiedener Gruppen und Parteien zu verschiedenen jüdischen Angelegenheiten zu informieren. Zu welchem Resultate würde man gelangen, wenn man alle philo- und antisemitischen Schritte der Duma summiert? Die ganze Schwierigkeit liegt darin, daß es in Rußland unmöglich ist, auf Grund einer Bilanz der Tatsachen die politische Zukunft vorauszusagen. Wie bekannt, ist Rußland ein Land der unbeschränkten Möglichkeiten, und in jedem Momente sind Dinge zu erwarten, von denen keine Philosophen geträumt haben. Wir waren einer vollständigen politischen Freiheit sehr nahe, hörten auf, über Gleichberechtigung, die ja ganz selbstverständlich war, zu sprechen; man führte heiße Debatten über jüdische nationale Rechte, und in diesem Geiste sprachen unsere Deputierten in der ersten Duma; man sprach über jüdische Minister und ... der plötzliche tragische Umschwung, die blitzartige Rückkehr zu den alten guten Zeiten der Politik' im Geiste Alexanders JH. So sehen wir, daß man bei der Berechnung der künftigen Konstellationen in Leben und Politik Rußlands die größte Aufmerksamkeit ganz zufälligen Momenten, Unberechenbarkeit und allerart „Imponderabilien", welche in normalen europäischen Staaten gar nicht stattfinden können, zuwenden muß. Deswegen ist es außerordentlich schwierig, sich einen Begriff zu bilden, was eigentlich im allgemeinen die dritte Duma ist, und wie sie im besonderen das zukünftige Schicksal der Juden lenken wird, soweit es selbstverständlich ihre so sehr reduzierten Kompetenzen erlauben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.