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Die Welt · 1908-07-24 · 29 (24.7.1908) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Vor dem Tore hält holpernd ein schwarzer Wagen mit einem Sarg darauf. Und gleich darauf hört man das Klappern der Almosenbüchsen. Der alte Mosche Beer fährt erschrocken auf. Wie? Schon? Eben erst ist sie gestorben, und schon sind die Weiber da und tun ihr das Sterbegewand an . . . Und schon ist auch der Leichenwagen da! Was soll das heißen, um Gottes Willen? Man hat sie doch noch nicht einmal betrauert, wie's sich gehört. Noch mit keiner richtigen jüdischen Wehklage, nicht mit dem rechten Weinen von ihr Abschied genommen . . . Was ist das? Sin Leichnam oder ein toter Mensch? Wo sind die Tränen, die richtigen, bittern, jüdischen Tränen? Und wieso schweigt denn seine Tochter Slate? Wo ist sie nur? . . . . - Er sieht sich um und erblickt sie inmitten einer Anzahl Frauen, mit einem Federhut auf dem Kopf,, ein weißes Taschentuch an die Augen drückend. . Er wird verzweifelt bei diesem Anblick. So beweint sie ihre alte Mutter, — denkt er mit bitterem Wehgefühl, — angetan wie eine Fürstin, mit dem weißen Taschentuch vor dem Gesicht? . . . Er beißt die Zähne zusammen vor Aufregung und Schmerz. . . Drüben in Smargon, — denkt er, — hätt' ' ich sie dafür gezüchtigt wie ein Vater, doch da, in Amerika. Er tritt an sie heran. „Meine Tochter," sagt er mit heiserer, aufgeregter Stimme, und seine Lippen zittern und die Augen sind heiß, „meine Tochter, weißt du auch, wer gestorben ist?" . . . Und er zeigt auf die ruhende Tote/ Und heiße Tränen stürzen ihm aus den Augen und rieseln über den langen, weißen Bart. Seine Tochter senkt den Kopf, beißt sich auf die Lippen und drückt stärker das Taschentuch an die Augen. Plötzlich schreit er sie wild an mit einem jähen Ausbruch des Schmerzes: „Slate, so klagst du um deine Mutter? Daß deinen Vater die Verdammnis treffe! . . . Sie geizt mit ihren Tränen und ihrer Stimme, wenn sie ihre Mutter beweinen soll, — daß Gott erbarm"! . . Und er bricht in ein leidenschaftliches Weinen aus. Ein paar Männer stürzen mit dem Sarg in die Kellerstube, als wäre ein Brand ausgebrochen, gehn eilig auf das Totenlager zu und werfen die Tote in den Sarg, so daß man das dumpfe Geräusch des Auffallens des Körpers aufs Holz hört. Wie der alte Mosche es hört, befällt ein Zittern seinen ganzen Körper. Eine Weile blickt er die Männer, die uni den Sarg stehen, mit großen, erschrockenen, wie verglasten Augen an, dann stürzt er auf sie zu, bleich wie Leinwand, und spricht mit stiller, erbarmungsvoller Stimme, so als hätt' er Angst, seine Chawe aufzuwecken. „Banditen, wie könnt ihr sie so hineinwerfen? Sie ist doch ein jüdisches Weib, um Gottes willen! Eine ehrliche, eine sehr ehrliche Jüdin . . ., so eine, wie ihrer nicht viel mehr verblieben sind in Amerika. In diesem wüsten, unseligen Amerika!" — schreit er plötzlich jammernd auf, schlägt in. die Hände und wirft sich über den Sarg: „O Chawe, was soll man tun! Wahrscheinlich ist's so von Gott, bestimmt. Eine gute Fürbitterin sollst du uns sein! Drüben hättest du gewiß ein schöneres Begräbnis gehabt! . . . Weil man. dort gewußt hat, was für ein gerechtes Weib du gewesen. Darum hätt' man dich auch in allen Ehren zu Grabe getragen! Aber hier, alles Firlefanz, guter Gott im Himmel! . . . Eine Mutter ist keine Mutter, ein Jude kein Jude. . . Eine Träne ist teuer wie Gold. . . So will ich dich denn wenigstens beweinen, wie's sich gehört! Chawe, fünfzig Jahre warst du mein Weib, mehr als einmal bin ich hart gegen dich gewesen, — verzeih es mir! — und warum hast du nicht noch ein Jährchen gewartet, ich war';'dann vielleicht mit dir gegangen!" Bei diesen Worten begannen die Frauen plötzlich laut zu jammern, und auch Slate schluchzte bitterlich. Das Jammern der Frauen erregte Mosche noch mehr, und leidenschaftlich schrie er: „Chawe, hörst du? Jetzt weinen sie, wo man dich schon hinaustragen will. Und vorher, wie du dagelegen hast, wartend auf eine Träne, da haben sie die weißen Tücher an die Augen gedrückt! ..." „Genug, Freund," unterbrach ihn einer der Männer, „haltet uns nicht unnütz auf, — wir haben keine Zeit". „Wartet, wartet doch noch ein wenig!" schrie der alte Mosche. „Ihr seht. doch, jüdische Brüder, jetzt kommt doch erst die richtige Trauer, jetzt erst fängt man an, sie wirklich zu beweinen „Schiebt ihn doch fort vom Sarg", sagte einer der Männer energisch. Einer von ihnen schob ihn vom Sarg zurück, aber. Mosche schrie: „Banditen! Habt doch Mitleid, sie war eine ehrliche Jüdin, laßt uns um sie beklagen! ... Sie ist mein Weib . . . Wo ist der Hammer?" Und er stürzte nach einem Winkel, den Hammer zu suchen ... Aber er fand ihn nicht, und indessen hatten die Männer den Sarg zur Stube hinausgetragen ... Da begann er mit dürrem, kindlichem Weinen zu jammern: „Huhu, so eine Schmach, so eine Schande; wie' ein totes Tier hat man dich davongeschleppt!" Und er lief weinend auf die Straße und humpelte mit schlotternden Knien dem Sargwagen nach. An einem schönen Abend, im Monat Tammus, saß der alte Mosche Beer auf seinem Arbeitsstuhl in der Kellerstube und betrachtete mit inniger Aufmerksamkeit ein altes Paar Schuhe, das ihm ein Kind vor kurzem zum Reparieren gebracht hatte. Den ganzen Tag über hatte die Sonne heiß gebrannt, die Luft war stickig-schwül und stach in der Kehle wie scharfer Tabak . . . Die Türe der Kellerstube des alten Mosche war nach der Straße zu geöffnet, und der wilde Lärm spielender Kinder drang zu ihm hinein. Der alte Schuster hielt das- Paar Schuhe in den Händen und betrachtete es von allen Seiten. Und je länger er die Schuhe betrachtete, um s*o milder und weicher wurden seine Blicke unter der Hornbrille, um so fröhlicher und lebhafter der Ausdruck seines Gesichtes mit dem langen, weißen Bart: ^0,o, o, einmal keine amerikanischen Schuhe," sagte er mit glücklichem Lächeln, „Arbeit noch von drüben, von einem richtigen, jüdischen Schuster, möcht' ich schwören" — und er nickte dazu mit dem alten

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