Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Zionismus Missionszwecke unterzuschieben, ist erreicht. Wer sieht denn nicht den Zusammenhang zwischen Taufen und Zionismus? ruft Herr Samuel aus. Wir sind eigentlich erstaunt, daß der alles „beweisende" Herr Samuel nicht einmal den Versuch unternimmt, zu beweisen, daß die Taufen im Wesen der von Herzl proklamierten Rückkehr zum Judentum begründet sind. So ein statistischer Giftmischer könnte das auch zustandebringen. Allein er wählt einen bequemern, seinem Geiste entsprechenderen Weg. Er bewirft mit Kot, er überhäuft mit Schmährufen die verklärte Gestalt Theodor Herzls. Er „beleuchtet" diese Tatsache — d. h. den „Zusammenhang" zwischen Taufen und Zionismus, — indem er „einzelne Fälle in Betracht" zieht. Da ist Herr Samuel in seinem wahren Element. Er verdächtigt, zwinkert mit -den Augen wie ein echter Ehrabschneider, sammelt geschäftig jeden Tratsch und macht für alle von ihm sorgfältig gesammelten Tauffälle den „Propheten" — so nennt er höhnisch Herzl — und die zionistischen „Koryphäen" verantwortlich. Auf diese Niederträchtigkeiten zu erwidern, hieße das Andenken Theodor Herzls herabwürdigen. Die Art und Weise, wie Herr Samuel dem toten Herzl Injurien ins Grab schleudert, erinnert lebhaft an die. bekannte Geschichte vom toten Löwen und vom Fußtritt, in der Herr Samuel getrost als dritter mitwirken könnte. Die statistische Methode, die der treffliche Herr anwendet, um zu seinen, dem Herzen der Assimilanten so wohltuenden Schlüssen zu gelangen, ist freilich zu köstlich, um nicht weiter ausgebaut zu werden. Wir wollen einige Anwendungen dieser Methode hier vorführen. Im Jahre 1896 resp. 1897 trat der Zionismus auf. Seine Wirkungen waren erschreckend. Die Emigration schwoll bedenklich an. Während in den früheren Jahren kaum zehntausend Juden die Gestade Amerikas aufsuchten, peitschte es seit dem Auftreten des Zionismus 14, 15, ja 18 Tausend Juden jährlich aus Österreich- Ungarn. Einen unglaublichen Einfluß übte der Zionismus auf die Kriminalität aus.. Es ist zum Verzweifeln! Trotz der Vermehrung der Bevölkerung sank die Zahl der wegen Verbrechen verurteilten Juden von 1249 im Jahre 1885 auf 1107 im Jahre 1895 (im Jahre 1890 betrug sie sogar bloß 1069). Aber siehe da! Im Jahre 1897 (nach 2 Kongressen!) gibt es schon 1307 Verbrecher. Der dritte Baseler Kongreß verschuldete eine weitere Steigerung auf 1440 jüdische Verbrecher. Die Nachwirkungen des Londoner Kongresses im Jahre 1900 waren infolge der Entfernung etwas schwächer — bloß 1313 verbrecherische Individuen in ganz Österreich. Jedoch in Wien blieb der Einfluß des Zionismus ungeschwächt. Im Jahre 1897 — 193, 1900 — 222, 1901 —254 jüdische Verbrecher. Eine ebenso unheimliche Steigerung erfuhren die Vergehen. Wer sieht da den Einfluß des Zionismus nicht? Damit nicht genug! Die Methode des Herrn Samuel ist unerschöpflich. Schlagen Sie ein anderes Kapitel der Statistik auf. Die Geisteskrankheiten unter den Juden. In den Jahren 1894—1897 suchten jährlich 510 Kranke ärztliche Hilfe auf. In den Jahren 1899—1902 waren es bereits 600 Geisteskranke. Es läßt sich also nach dem statistischen Verfahren des Herrn Samuel folgende Kette von Folgeerscheinungen des Zionismus aufstellen. Im Jahre 1896 trat diese Bewegung auf. Ihre sichtbaren Wirkungen in Wien und Österreich sind: Steigerung der Auswanderung, der Kriminalität, der Taufen, der Zahl der Geisteskranken, Rückgang der Ehen und der Zahl der Hochschüler. Und wenn man sich's recht gründlich überlegt, so ist auch die Wiener Lebensmittelteurung eine Folgeerscheinung des Zionismus. Dem Erfinder dieser fruchtbaren Methode der Sozialstatistik sind wir selbstredend zu Dank verpflichtet. Es soll aber auch der schöngeistigen Zeitschrift gebührend gedacht werden, die dieses von Ehrabschneidereien strotzende Gefasel eines tobsüchtigen Schwachkopfes an leitender Stelle veröffentlicht. So würdigten die geschmackvollen Herausgeber von „Ost und West" die Persönlichkeit Theodor Herzls anläßlich der vierten Wiederkehr seines Todestages! Daß sich die Leitung der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle, deren offizielles Organ „Ost und West" ist, mit der Aufnahme des schmachvollen, dummdreisten Elaborats des Herrn Samuel einverstanden erklärt hat, vermögen wir uns vorläufig nicht vorzustellen. Ehe wir in dieser Hinsicht Schlüsse ziehen, möchten wir noch abwarten, wie sich die leitenden Stellen der Alliance zu dieser ebenso unwürdigen wie blamablen Unverfrorenheit ihres Organs äußern. Austriacus Wiener Brief (Von unserm Korrespondenten) Der vierte Todestag Herzls Anläßlich der vierten Wiederkehr des 20. Tammus erließen sowohl die zionistischen wie die poalezionistischen Organisationen Wiens Aufrufe an ihre Mitglieder, die zur Teilnahme an der Trauerfeier einluden. In diesem Jahre traf auch eine fünfzehngliedrige Deputation der zionistischen Landesorganisation Ungarns ein, um an der Feierlichkeit teilzunehmen. Im Tempel in der Seittenstättengasse wurde um 9 Uhr früh ein Trauergottesdienst abgehalten. Herr Rabb. Dr. Bach" hielt eine tief empfundene Ansprache an die Hunderte von Erschienenen, die den Tempel füllten. Ebenso war die Beteiligung am Zuge zum Döblinger Friedhof eine überaus starke. Trotz des strömenden Regens lauschten etwa 30D Anwesende andächtig den Rednern. Es sprachen die Herren Dr. Margulies, Ing. Strasser (ungarisch) und Dr. S. Bettelheim (Preßburg). Reise des Ministers Dr. Geßmann nach der Bukowina. Wir haben bereits mehrmals auf die häufigen Reisen des christlich-sozialen Generalstabchefs hingewiesen. Dr. Geßmann rechnet auf die Bukowinaer Rumänen, deren ehemaliger Führer Abg. Dr. Onciul den Christlichsozialen im Parlament und anderswo Gefolgschaft leistet. Seine parteiorganisatorische Wühlarbeit unterläßt Dr. Geßmann auch als Minister nicht. Er begibt sich in den nächsten Tagen auf eine „Inspektionsreise" nach dem Buchenlande, diesmal in Begleitung christlichsozialer Abgeordneter, wie Schoixwohl u.a. Welche Ziele diese Ministerreise verfolgt, kann man aus der Interpellation des Abg: Dr. Straucher an den Ministerpräsidenten ersehen: In der Interpellation wird ausgeführt, daß, seitdem Dr. Geßmann Mitglied des Kabinetts geworden ist, in der Bukowina organisierte, judenfeindliche Parteien entstanden seien. Die Organe der antisemitischen Parteien im Lande erklären ausdrücklich, daß sie unter der Patronanz und werktätigen Förderung des Ministers Dr. Geßmann stehen. Sie gerieren sich als Organe eines Ministers und wirken auf gewisse offizielle Kreise dadurch geradezu einschüchternd. Die genannten Blätter enthalten in jeder Nummer die wütendsten und unerhörtesten Beschuldigungen der Juden, predigen den wirtschaftlichen und sozialen Boykott und fordern zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung auf. Eine solche gewissenlose Agitation könne nur die bösesten Früchte-zeitigen. Es sei unerhört, daß in einem modernen Rechtsstaate ein Mitglied der Regierung Parteien offenkundig favorisiert, die derartige Tendenzen verfolgen. Der Ministerpräsident wird aufgefordert, zu veranlassen, daß der Minister Dr. Geßmann seine Tätigkeit in der bisher ruhigen Bukowina einstelle.