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Die Welt · 1908-07-24 · 29 (24.7.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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nichts Mystisches an sich. Die Motive sind mannigfaltig, lassen sich jedoch ergründen. Es kommen Momente wirtschaftlicher, psychologischer Natur in Betracht. Es ist ja allgemein bekannt und aus der Statistik' ohne weiteres ersichtlich, daß 75% aller Getauften ledige junge Leute sind. ' Durchblickt man die Gliederung der Ausgetretenen nach Berufen, wie sie für die Jahre- 1903 und 1904 auf Seite 75*) angeführt ist* so überzeugt man sich, daß es hauptsächlich höhere und niedere Angestellte beiderlei Geschlechts, Beamte, Lehrer, : Angehörige der freien Berufe, Studenten, Schüler, Mädchen unter 30 Jahren und berufslose junge Damen sind, die zur Taufe greifen. Nicht ausschließlich „die Finanz weit, der größere Kaufmannsstand", wie uns Herr Samuel erzählt. Nun ist es evident, daß ein Teil der Taufen aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt; Beamte, Angestellte und Lehrer taufen sich, um vorzurücken, Angehörige freier Berufe und Studierende zum größten Teile, um einen Staatsposten zu erlangen, oder um im allgemeinen dem ökonomischen Boykott zu entgehen. Die berufslosen Mädchen und die unter .30 Jahren, ein Teil der niederen Angestellten und der „freien Berufe" lassen sich einer Heirat wegen taufen. Die selbständigen Kaufleute schließlich sowie die höheren Angestellten im Gewerbe, Handel und Verkehr, Haus- und Rentenbesitzer und die gut situierten Angehörigen „freier Berufe" schreiten aus gesellschaftlichen, sagen wir, aus Gründen der reinen Assimilation zum Taufbecken. Was die * Konfessionslosen" betrifft, die 20% aller Ausgetretenen aus, dem Judentum bilden und die mit den Täuflingen doch nicht in einen Topf zu werfen sind, so verzeichnet die Statistik die Konfessionslosigkeit als Mittel zum Eingehen einer Mischehe. Es wäre noch hinzuzufügen, daß viele Wiener Juden konfessionslos werden, nur um der Kultussteuer zu entgehen. Gruppieren wir nun die Täuflinge im Jahre 1903 und 1904 nach den angeführten Gesichtspunkten, so erhalten wir folgende beiläufige Tabelle. Es traten aus dem Judentum aus: auswirtschaftlichen Gründen etwa30—35°/o, behufs Heirat ca. 30—33 %, aus gesellschaftlich-assimilatorischen etwa 20—25 °/o. der Rest aus verschiedenen Motiven. Nicht weniger interessant als die berufliche Schichtung der Getauftenist ihre Herkunft. Ordnet man nämlich die Apostaten nach ihren Heimatländern, so gelangt man zum merkwürdigen Resultat, daß im Durchschnitt nur 55% aller Wiener Überläufer in Wien gebürtig oder zuständig sind. Herr 'Samuel will uns auf Grund vollständiger Unkenntnis der einschlägigen Verhältnisse glauben machen, daß sich vornehmlich Wiener Juden taufen lassen, daß das Wiener Judentum so tief gesunken ist, die Taufe als Farce zu betrachten. _ In der Wirklichkeit waren z. B. im Jahre 1907 unter 603 Ausgetretenen nur 51°/o (wir vernachlässigen die Dezimalstellen) aller Getauften nach Wien zuständig. 144 oder rund 24% waren Ostjuden aus Galizien, Ungarn sowie aus Rußland und Rumänien. Der Rest ist aus den südlichen und anderen Ländern. Im laufenden Jähre fast dasselbe Bild. Bis zum 20 Juli ds. Js. sind 336 Austritte angemeldet. Davon sind 58% aus Wien, fast. 25% aus dem Osten. Mau sieht, die große Zahl von Taufen ist doch nicht den Wiener Juden allein zur *) Die Juden in Österreich. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Last zu legen. Anderseits sind die Wirkungen der Scheu vor dem Volksschulbesuch, die Herr Samuel den Ostjuden so hoch anrechnet und als Weisheit preist, doch nicht so erfreulich, wie der freundliche Herr es glaubt. Es wäre möglich und notwendig, die „ziffernmäßig festgestellten Tatsachen" zu erläutern und mit der gesamten Entwicklung in Zusammenhang zu bringen, was Herr Samuel angeblich wünscht. Seit dem Jahre 1895/96 steigen die Taufen unaufhörlich. Ebenso wie mit 10 Jahren früher. Was ereignete sich nun in Österreich, was geschah auf Wiener Boden, das uns die Tatsache erklären könnte? -Einem seriösen Sozialstatistiker würden die Ursachen nicht unerklärlich bleiben. Zunächst die wirtschaftlich-politischer Natur. In diesen Jahren vollzieht sich der Zusammenbruch des Liberalismus, der den Juden den Zutritt zu Stellen in Staat und Gemeinde sicherte, der Siegeszug der Christlichsozialen in Niederösterreich geht vor sich. Der Taufschein wird immer häufiger eine Voraussetzung des Fortkommens. Der Boykott der jüdischen Gewerbetreibenden macht sich fühlbar. Der Wohlstand geht zurück. Man merkt es an dem schwächeren Zudrang zu den Hochschulen. Vom Jahre 1851 bis 1895 stieg die Zahl der Juden an den österreichischen Hochschulen von 7,9% auf 20,6%. Nun wird der „freie Beruf" nicht mehr so lohnend.- Einerseits setzen die Taufen ein, anderseits geht die Zahl der jüdischen Hochschüler ab 1896 auf 18,1% zurück. In den Universitäten ist es noch schlimmer. ,Von 19,5% im Jahre 1892/93 sinkt stetig die Zahl der Juden auf 15,6% im Studienjahre 1903/04. An der Wiener Universität sinkt die Zahl der jüdischen Hörer auch absolut. In den Jahren 1886—1891 waren im Durchschnitt in einem Wintersemester 1905, in den Jahren 1896 — 1901 nur 1527 jüdische Studenten. Der wirtschaftliche Rückgang ist auch an der Zahl der Eheschließungen zu konstatieren. Obgleich die Juden sich im Jahrzehnt 1890—1900 bedeutend stärker vermehrten, als die nichtjüdischen Einwohner Wiens (ihre Zahl stieg von 3,69% auf 8,77%), wuchs die Zahl der jüdischen Ehen nur um 43%, . während die Zahl der christlichen Ehen um 50% gestiegen ist. Die Jahre 1896/97 bedeuten jedoch einen kritischen Moment nicht nur auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete, wo die Juden Wiens schwere Niederlagen erlitten. Auch psychologisch ist das Anwachsen der Taufen, das übrigens nicht unvermittelt kam, wohl erklärlich. Mit den Jahren 1895/96 war ein Menschenalter zu Ende, seitdem die Juden Österreichs, insbesondere Wiens, unablässig bemüht waren, Anschluß an die umgebenden Wirtsvölker zu suchen. Nach mehr als 25 Jahren mußten die Ergebnisse der Erziehung einer ganzen Generation im Geiste der Assimilation sichtbar werden. Der Auflösungsgedanke faßte Wurzeln. Die Resultate liegen klar zutage. Wie gesagt, jeder seriöse Sozialstatistiker hätte seine Pflicht begriffen, in der wirtschaftlichen, geistigen, politischen Situation des Wiener Judentums eine Erklärung für das Anschwellen der Taufen zu suchen. Herr Samuel denkt gar nicht daran. Er greift das " Jahr 1896 heraus: die Taufen sind gestiegen. Was ist denn in diesem Jahre geschehen? Der „Judenstaat", war erschienen. 1897 — der erste Baseler Kongreß. Famos!, Vorzüglich! Der Zweck des Artikels, dem

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