Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nichts ändern. Wir haben das Programm geschaffen und werden weder nach rechts noch nach links abweichen. Wenn wir auch nur einen Stein aus dem Programm entfernen, so droht das ganze Gebäude einzustürzen. Aber im Talmud heißt es auch: Kol hamossif gorea. Auch wenn wir etwas hinzufügen, leidet die Sicherheit des Baues. Wir dürfen daher weder etwas hinzufügen, noch etwas davon .wegnehmen. Aus diesem Grunde bin ich gegen diejenigen, die fremde Tendenzen in unsere Bewegung hineinbringen wollten. Nur aus Palästina kann unsere Erlösung kommen! (Lebhafter Beifall.) Wir sind weder ausschließlich praktische, noch ausschließlich politische Zionisten. Nein, wir sind praktische und politische Zionisten zugleich. Chibas Zion und politischer Zionismus unterscheiden-sich nicht wie etwas Wesentliches von etwas Nebensächlichem, sie gehören zusammen, wie Seele zu Körper. Es kann das eine nicht ohne das andere existieren. Die politische Arbeit können Sie überall sehen. Auch meine Reise nach Rußland hat einen politischen Zweck. Ich bin zu den russischen Regierungsbehörden gekommen, .um sie zu bitten, unsere Arbeit "für die Lösung der Judenfrage in Zukunft in Rußland nicht zu hindern. Ich gab den Herren, die an der Spitze der Regierung stehen, Auskünfte und Erklärungen über unsere Zwecke, ich erzähte ihnen, was der Zionismus sei, was wir erhoffen, was wir zu tun gedenken. Meine Worte landen Anklang. Von allen Seiten habe ich die Zusicherung erhalten, daß alle Sympathien auf unserer Seite sein werden und nichts gegen uns geschehen wird. Nun komme ich zu der Frage, die in der Luft liegt, einer Frage, die bereits in der Presse geäußert wurde: Mi somcho? Wer hat dich bevollmächtigt? Wer hat mich bevollmächtigt, mit der Regierung im Namen der russischen Juden zn sprechen? Ein solcher Vorwurf hätte vielleicht einen Grund, wenn hier eine andere Organisation von Juden bestände, die der zionistischen gleichkäme, was ihre Anhänger und Freunde in allen Schichten und allen Ländern betrifft. Aber die zionistische Organisation ist die einzig wahre jüdische Organisation, die Juden der ganzen Welt umfaßt, die den Anspruch erheben kann, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen. Und darum glaub» ich wohl, daß ich berechtigt gewesen wäre, im Namen eines großen Teiles des jüdisches Volkes aufzutreten. Aber das habe ich nicht einmal getan. Selbstverständlich, so oft wir in die Lage kommen, über die zionistische Bewegung zu berichten, können wir nicht umhin, auch die Judenfrage im allgemeinen zu berühren, denn Judentum und Zionismus gehören zusammen und sind unzertrennlich. Aber ich bin nur in zionistischer Angelegenheit gekommen und habe nur für den Zionismus gesprochen und kann mit Zuversicht sagen, daß meiner Bitte stattgegeben werden wird. Von nun ab können wir für unser zionistisches Programm hier arbeiten. Jetzt hängt es nur von Ihnen ab, besonders von den zionistischen Führern. Sie müssen von dem, was ich erreicht habe, ausgiebigen Gebrauch machen, um die zionistische Arbeit zu erweitern und auszugestalten, denn noch steht uns eine große und schwere Arbeit bevor. Meine Damen und Herren! Wir müssen an den Zionismus glauben, denn er ist das einzige Mittel, um die ewige Judenfrage zu lösen. Es gibt viele Palliativmittel, aber eine radikale Lösung der Judenfrage hat uns noch niemand gezeigt und ist uns Zionisten vorbehalten, wenn nur jeder von uns auf seinem Posten seinen Mann stellt Es ist nicht meine Absicht, Ihnen Schmeichelworte zu sagen, aber ich habe es immer gesagt und oft wiederholt, daß die .russischen Zionisten die besten Zionisten sind. Das habe ich auch unseren Gesinnungsgenossen in England, Deutschland und. Österreich zu sagen Gelegenheit gehabt. Allerdings auch dann waren viele Zuhörer---ebenfalls russische Juden (Heiterkeit). Ich wende mich an Sie mit der Bitte: Tretet von neuem an die Arbeit heran, seid eingedenk, daß wir dem zionistischen Programm weder etwas hinzufügen noch wegnehmen dürfen. Ich hoffe, daß die kleinen Resultate, die wir unterwegs erreichen, uns dazu führen werden, daß wir selbst noch die Gewinnung Palästinas für unser Volk erleben werden .(Stürmische Ovationen). Rede des Herrn Gemeinderabbiners Dr. Kantor: Meine Damen und Herren! Es fällt mir wahrlich nicht leicht, nach der Ansprache des begeisterten Juden, des Präsidenten der Zionisten, das Wort zu ergreifen. Der verehrte Gast ist den nationalen Juden wohl vertraut und auch den Nichtzionisten bekannt. Er sagte, wir sollen den Zionismus weder übernoch unterschätzen. Meines Erachtens hat er ihn unterschätzt. Was ist denn der Zionismus für uns, die wir keine Parteizionisten sind? Der Zionismus ist uns ein Stück Geschichte.. Außerhalb unserer Geschichte haben wir keine Existenzberechtigung. Wenn wir unsere Geschichte vergessen, wird unser ganzes nationales Gepräge verstümmelt. Palästina ist die Heimat des jüdischen Volkes, das jüdische Volk hängt mit Liebe an diesem Land. Chibas Zion, die sich in dem herrlichen Worte des Jehuda Halevy ausdrückt: „Ich im Westen, mein Herz im Osten", — es ist der Obergang von der Vergangenheit zur Zukunft. Sobald die Liebe zu Zion erwacht ist, ist auch die Vergangenheit erwacht. Der Zionismus ist für mich diejenige Kraft, die das nationale Bewußtsein erweckt und uns daran erinnert: : Im-Osten, der Wiege des jüdischen Volkes, lebt noch unser Land, unsere Geschichte und unsere Zukunft In dieser Hinsicht hat der Herr Präsident die zionistische Arbeit allzusehr unterschätzt. Wenn auch die zionistischen Bestrebungen sich nicht verwirklichen oder erst in späterer Zukunft ihr Ziel erreichen sollten, so hat die große Bewegung immer eine Existenzberechtigung. Ich möchte den Führern des Zionismus raten: Geben Sie uns keine Versprechungen für die nächste Zukunft, wir haben Geduld zu warten. Wir haben gewartet und können noch weiter warten. Und wenn es auch Jahrhunderte dauert es tut nichts, denn in der Arbeit selbst liegt die Lösung der ' Frage. Herr David Wolffsohn ist uns das Symbol für den Zusammenhang mit unserer Geschichte und Herr Sokolow, der seinesgleichen in der hebräischen Literatur nur wenige hat, einer der Träger, der hebräischen Sprache, — er ist uns auch ein Symbol für den Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit Ich begrüße diese, zwei würdigen Gäste von tiefsten Herzen im Namen aller nationalen Juden. (Beifall). Rede des Herrn Sokolow: Ich möchte den allgemeinen Eindruck wiedergeben, den auf mich" die Namen der Städte gemacht haben, die uns hier ihre Wünsche übermittelten: Smargon, Lida, Minsk u. a. Diese Namen haben in mir viele Gedanken über die Vergangenheit und Zukunft dieser Städte hervorgerufen. Die Geographie hat unsere Geschichte ganz verwirrt. Wir sind durch viele Städte und Länder gezogen, in vielen von ihnen haben wir manche Andenken hinterlassen, in vielen in ihnen haben wir gearbeitet und gewirkt und was haben wir dort erreicht? Ich habe viele Länder bereist ich war z. B. in Troyes. Was ist von diesem alten Zentrum der jüdischen Kultur, in jenem Lande zurückgeblieben? Als ich in Cordova spazierte, diesem Zentrum der jüdisch-spanischen Kultur, konnte ich mich nicht der betrübenden Frage erwehren: Was. war'doch diese Stadt für uns einst, und was ist sie für uns jetzt? Und Sie müssen sich nun, meine Herren, ebenfalls fragen, vielleicht werden all diese Städte, die Sie hier erwähnt haben, nur als Schatten in der jüdischen Geschichte zurückbleiben. Wir befinden uns jetzt in einem jüdischen Zentrum.im „littauischen Jerusalem", und ich erlaube mir nun zu fragen, ist diese Stadt noch dieses Namens würdig? In der Geschichte hat sie eine große Bedeutung. In vielen Ländern ist sie als die Residenz Littauens bekannt. Littauen schuf etwas Neues in der jüdischen Psyche. Es schuf die jüdische-Iittauische Legende, die Legende des Verstandes, der Intelligenz. Littauen gab uns den Gaon, den Heiligen, den großen Asketen. ' Der Scharfsinn der starren Logik, — das ist der Grundzug des littauischen Juden. Diesen Zug finden wir in vielen geistigen Schöpfungen, in der Gestalt unserer großen Talmudisten, in literarisch-nationalen Werken. Nun sind wir gekommen um die Juden von dieser Starrheit aufzurütteln und begegnen Hindernissen gerade in einem solchen jüdischen Zentrum wie Wilna, wo man uns. doch mit besonderer Freude entgegenkommen sollte. Aber der Golus hat eine Tradition, die oft der nationalen Renaissance im Wege steht, Daher ist leichter, in Afrika und in den neuentstandenen Gemeinden Propaganda für den Zionismus zu machen als in den alten jüdischen Zentren und Gemeinden. Diese sagen sich: Wir brauchen ja nicht den jüdischen Geist zu erfrischen und stärken, denn er ist von uns geschaffen und lebt noch in unserer Mitte. Dies ist aber ein Irrtum. Wie viele jüdische Zentren hatten wir bereits und sie sind nicht mehr da. Wo sind heute diese Zentren? Es ist mir sehr peinlich, dieser Stadt die uns so gastfreundlich empfangen hat solche unschmeichelhaften Worte sagen zu müssen, indessen darf mir diese Kritik nicht verargt werden. Wir müssen zugeben, daß nicht alles so schön und gut ist wie wir uns denken. Dasselbe muß ja betreffs Rußlands überhaupt gesagt werden. Wir pflegen uns gewöhnlich der russischen Juden zu rühmen. Rußland heißt es, sei die Quelle des Judentums, doch dem ist nicht mehr so. Selbst in Rußland beginnt der Boden unter unseren Füßen zu wanken. Je mehr Städte und Länder man bereist und ehemalige jüdische Zentren kennen lernt, desto stärker reift in uns die Erkenntnis, das nicht das littauische, sondern das palästinensische Jerusalem unser Verlangen ausfüllen muß. Wollen wir uns doch nicht täuschen. Man klagte über die ä uBern Hindernisse, die unserer Arbeit entgegengestellt werden; wir haben jetzt diese Hindernisse aus dem Wege geräumt, haben wir aber damit schon alles Notwendige erledigt? Nein, jetzt müssen wir aber auch die inneren Hindernisse, die.in uns selbst liegen, auf: heben. (Stürmischer Applaus).