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Die Welt · 1908-07-24 · 29 (24.7.1908) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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- Im Namen der hebräischen Schriftstellerin Wilna spricht Herr Czernowitz und begrüßt Herrn Sokolow als den größten hebräischen Schriftsteller, der sein ganzes Leben der hebräischen Literatur widmete. Unsere Sprache, und unser Land, führte Redner aus, sind, sehr verwandte Gebiete und bilden die historische Grundlage für unsere zukünftige Entwickelung. Es ist daher nicht von ungefähr, wenn an der Spitze des Zionistischen Zentralbureaus unser bedeutendster Schriftsteller steht Es sprachen dann noch Herr Berlin und Herr Kleinstein, der in begeisterten Worten die Bedeutung des Präsidenten Wolffsohn für diezionistische Bewegung schilderte. Ferner übermittelten Grüße und Wünsche Herr Springzag und Herr Kahn. Eine sehr gelungene von jüdischem Humor und Witz strotzende Ansprache des bekannten Schriftstellers Scholem.-Aleichem wirkte sehr erheiternd auf alle Anwesenden. Er begrüßte Herrn Wolffsohn als den Präsidenten der „Unvereiriigten-Vereinigten Staaten" und Herrn Sokolow als einen Repräsentanten der hebräischen Literatur: Nach Schluß der „Rednerliste" wurden viele Zionslieder vorgetragen und gemeinsam gesungen. Erst um drei Uhr morgens fand die erhebende Feier ihren Abschluß. Kowno: Auf der Rückreise des Präsidenten. Wolffsohn von Petersburg wurde er hier von einer Deputation der hiesigen Zionisten auf dem Bahnhofe begrüßt. In verschiedenen Ansprachen wurde besonders hervorgehoben, daß dank den eifrigen Bemühungen des Präsidenten Wolffsohn die praktische Arbeit in Palästina eingeleitet wurde. Von Nichtzionisten sprach der durch seine Wohltätigkeit bekannte Herr G. Wolf und begrüßte Herrn Wolffsohn als einen unermüdlichen tatkräftigen Arbeiter für das jüdische Volk, der des Vertrauens auch der Nichtzionisten würdig ist DieZionisten in Kowno haben beschlossen, die denkwürdige Reise des Präsidenten ins Goldene Buch eintragen zu lassen. Auf der Weiterreise waren an allen Stationen, wo der Zug Aufenthalt hatte, Zionisten zur Begrüßung des Präsidenten erschienen. In Wirballen und besonders in Eydtkuhnen gestaltete sich. die Begrüßung besonders eindrucksvoll. In Eydtkuhnen waren mehrere hundert Zionisten am Bahnhof, die teilweise aus weiter Ferne herbeigeeilt waren. Es wurden mehrere Ansprachen gehalten, junge Mädchen überreichten dem Präsidenten herrliche Blumengebinde. Die Reise des Präsidenten und die russische Presse Die russische.Reise des Präsidenten der zionistischen Organisation steht im Vordergrunde des öffentlichen Interesses und wurde vor allem in der allgemeinen und jüdischen Presse Rußlands eingehend und ausführlich besprochen. Sämtliche Zeitungen der russischen Residenz brachten Mitteilungen über den Aufenthalt des Herrn Wolffsohn und wetteiferten in der Veröffentlichung verschiedener Nachrichten über die Konferenzen, die den Zweck dieses Aufenthaltes bildeten. Kaum wurden die ersten Nachrichten bekannt als sofort eine Irr solchen Fällen unvermeidliche Interview- Campagne begann. Wegen Zeitmangels und weil man unserseits überhaupt bemüht war, jede Sensation zu vermeiden, wurden nur den allerwenigsten Journalisten Interviews gewährt Außer den Vertretern russischer Blätter zeigten auch die ausländischen Korrespondenten ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die Mission des Präsidenten, und wie gewöhnlich waren es die Agenten der englischen Telegraphenagentur und der englischen Presse, die es sich nicht nehmen ließen, den anderen in der Raschheit der - Information zuvorzukommen. Ober die Konferenzen mit dem Premierminister und mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten schickten die englischen Korrespondenten Nachrichten in die Welt hinaus, die gleichzeitig mit den Nachrichten der russischen Presse veröffentlicht worden sind. Längere Interviews, die ausnahmsweise den berufensten Vertretern der englischen und amerikanischen Journalistik gewährt worden sind, galten nicht nur der Reise des Präsidenten, sondern dem Zionismus überhaupt. Die russische Presse, ohne.Unterschied der Partei, widmete dem Aufenthalte des Präsidenten in Petersburg ihre volle Aufmerksamkeit Ober die Empfänge bei Herrn v. Stolypin und bei Herrn v. Iswolski verbreitete die russische Telegraphenagentur kurze telegraphische Berichte. Das vielgelesene Moskauer Blatt „Russkoie Slowo" druckte ein Interview, das in gedrängter Kürze die .Bedeutung und den Zweck der Reise ohne jede Übertreibung und ohne polemische Randglossen' wiedergibt. Freiere Versionen brachten das Petersburger „Slowo", die „St Petersb. Wiedomosti", die „Wietzernija Izwiestija", die „Petersburger Zeitung u. v. a. Das verbreitete Blatt „Birschewija Wiedomosti" brachte mehrere Mitteilungen und Interviews. Die offizielle Version über die Empfänge wurde in sämtlichen Zeitungen gebracht, und auch die „Nowoje Wremja" konnte nicht umhin, diese Version ohne Zutaten zu veröffentlichen. Trotzdem wir vom kleinlichen Bestreben, politische Arbeiten an - die große Glocke zu hängen, weit entfernt sind, und trotzdem wir alles aufgeboten haben, um jede Sensation zu vermeiden, können wir es aber nicht verkennen, daß das Bekanntwerden der günstigeren Phase, in die das Verhältnis der Regierungsspitzen in Rußland zum Zionismus getreten ist, eine praktische Bedeutung für die Ermöglichung der Arbeit im russischen Reiche hat. Die Arbeit der Ortsgruppen geriet in zu arge Konflikte und Verlegenheiten den lokalen Behörden gegenüber, als daß man es nicht für einen realen Wert betrachten müßte, daß es durch die maßgebende Presse kundgegeben werde, daß man auf dem besten Wege ist die Mißverständnisse zu zerstreuen und die Arbeit auf normalen Bahnen zu erneuern. Die Provinzialpresse hat, sofern unsere Nachrichten reichen, über die russische Reise des Präsidenten genügende Informationen gebracht. Natürlicherweise hat die jüdische Presse Rußlands nicht nur über die Reise, sondern auch über all die Begleiterscheinungen dieses Ereignisses, über die Empfänge, die Reden, die Versammlungen u. dgl. telegraphische Nachrichten und Korrespondenzen in großer Ausführlichkeit veröffentlicht Bemerkenswert ist ein langes Interview, das der emsige Petersburger Korrespondent des Wilnaer „Heed Hazman" gebracht hat. Verschiedene Mitteilungen und Fragmente von Interviews brachten auch der Petersburger „Fraind""" und die jüdische Tagespresse Warschaus. Daß manche Blätter, die dem Zionismus überhaupt etwas am Zeuge flicken wollen, sich die Genugtuung nicht versagen konnten, gegen manche mißverstandene, aus dem Zusammenhange herausgerissene Sätze der Interviews zu polemisieren, muß als etwas ganz Natürliches mit in den Kauf genommen werden. Manche Publizisten stecken zu tief in ihrem russischen Parteikatechismus, um etwas Reinzionistisches und Jüdischesmit der notwendigen Unbefangenheit beurteilen zu können. Es wäre müßig, darüber zu viele Worte zu verlieren. Die Polemiker ä tout prix bilden nur wenige Ausnahmen; die öffentliche Meinung im großen und ganzen hat es begriffen, daß der Zionismus im Rahmen seines Programms handelt, wenn er bemüht ist, die Beziehungen zu den maßgebenden Faktoren zu erhalten und zu pflegen, und wenn er darum besorgt, ist, die Hindernisse auf seinem Arbeitsgebiet im russischen Reiche in würdiger, mannhafter und ehrlicher Weise aus dem Wege zu räumen. — „Tatsächlich", — bemerkt der Interviewer der obenerwähnten „Morning Post", — „bemühen sich alle Parteien in Rußland um die Legalisation: die Kadetten wie die Polen (für die „Macierz Szkolna"), — auch die S. D., die sich doch an den Arbeiten einer konservativen Duma, wie es die dritte Duma ist, beteiligen. Das, was sie selbst tun, tadeln sie nur bei den andern." Im Grunde braucht man auch nicht einmal dieses logische Argument geltend zu machen. Ob und wie eine zionistische Ver- . einstätigkeit im russischen Reiche formell legalisiert werden kann, — das wird Sache der lokalen Ziouisten sein, und es wäre verfrüht dieser Entscheidung vorzugreifen. Vor allem handelte es sich um die Beseitigung der störenden Mißverständnisse und um die Klärung der Situation. Um das Gesamtbild der Stellung der russischen Presse zur. Reise des Herrn Wolffsohn zu vervollständigen, müssen wir noch das Hetzblatt „Russkoie Znamia" erwähnen, das diese Reise eines Angriffes auf .... Herrn v. Stolypin würdigte, der „Zeit genug fand, um sich mit dem Sendboten deutscher Juden (!?) zu unterhalten, während er manchen echtrussischen Polizeimeister, der mit heiler Haut einem Bombenanschlag entronnen ist zu empfangen keine Zeit hat" Über diese Ungerechtigkeit ist Herr Bulatzel sehr aufgeregt. Die „Neue Jüdische Korrespondenz" berichtet über die Reise des Herrn Wolffsohn noch folgendes: Die allgemeine Lage der Juden Herr Wolffsohn hat in seiner Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Stolypin auch die allgemeine Lage der Juden in Rußland berührt und dabei feststellen können, daß die Regierung selbst sehr wohl weiß, daß die Juden heute in Rußland schlechter daran sind als je zuvor, namentlich auch, als vor dem Ausbruch der revolutionären Bewegung. Und zwar aus zwei Gründen: einmal, weil die Juden von dieser revolutionären Bewegung keinerlei Vorteile, sondern nur den Schaden gehabt haben, daß ihre Lage in einen immer schärferen Gegensatz zu derjenigen der übrigen Bevölkerung kam, der mancherlei Zugeständnisse gemacht wurden, während die Juden sogar viele Erleichterungen, die sie bis dahin genossen, verloren haben, sodann aber sind jetzt nach Ansicht der Regierung 2*

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