Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE3&ELT No. 29 gegen die die assimilatorische, sonderbarerweise „Volksgruppe" sich nennende Vereinigung eine gleichgültige, wenn nicht gar feindliche Stellung einnimmt, wir fragen ausschließlich nach den goluth-rechtlichen Leistungen, um deretwillen die Gruppe geschaffen wurde. Alles, ausnahmslos alles, was wirklich im Interesse des Schulwesens, der industriellen Hebung, der Hilfstätigkeit für Auswanderer getan und geleistet wurde, ist das Werk jenes Restes des alten, nationalen Aliiancegedankens, der geräuschlos und mit Bedacht für die im Goluth einzig möglichen Palliativmittel arbeitete, der als Einmischung von Fremden halb in die lokalpatriotische Acht erklärt wird. Dieser Rest des alljüdischen Gedankens hat den argentinischen Versuch in Szene gesetzt; er hat die Regelung der Auswanderung erdacht und auszuführen gesucht; er fast allein, und nur wenig unterstützt von, den einheimischen Führern, vertrat diese Unternehmungen* mit großem Eifer, und ihm allein ist es zu danken, wenn die Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden vom Zustande des Siechtums . gerettet wurde. Weil ein Jude — er hieß Baron Hirsch — in einer Aufwallung des unbewußten natio- . nalen Gedankens sein riesiges Vermögen dem bedrängten jüdischen Volke vermachte, weil er die In- und Ausländertheorie der Assimilation über den Haufen geworfen, weil er etwas Großes, vielleicht um mit der heutigen Sprache der Parteibenennungen zu sprechen: Territorialistisches, aber für alle Fälle: Allgemein- Nationales, schaffen wollte, ist die Jüdische Volksgruppe imstande, von den Brocken der Legate und der Schenkungen zu leben und das große Wort gegen den Grundgedanken der ursprünglichen Bestrebungen zu führen. Was hat die r Jüdische Volksgruppe" dem entgegenzustellen, was hat ihre scharfe Tonart geleistet, welcher Feind des jüdischen Rechts ist ihr gewichen, wen hat sie auch nur eingeschüchtert? Anstatt uns zusammen in nationaler Eintracht zu verteidigen, haben wir uns in Rußland in hundert Parteien zersplittert, von denen die meisten es vorzogen, den Fremden nachzulaufen. Nun ist fast alles zu Ende, und es wäre hart, darüber zu spotten. Aber anderseits wäre es eine falsche und übel angebrachte Empfindsamkeit, an dem Tage, da die Schöpfer der meisten Parteien vor den Trümmern ihrer Werke stehen, nicht an diese Tatsachen zu erinnern, welche deren Unfruchtbarkeit bezeugt. An dem Bewußtsein und an der Erkenntnis dieser Unfruchtbarkeit gingen all die ephemeren Parteien zugrunde. Diejenigen, die, getäuscht durch den Zauberklang der heroisch-assimilatorischen Parolen, an den Erfolg jeder neuen Parteibildung geglaubt hatten, mußten nach solcher Erfahrung als ehrliche und der jüdischen Sache aufrichtig ergebene Männer die Brücken wieder aufsuchen, die zu der langweiligen, aber notwendigen Kleinarbeit zurückführen.# Sie wollten früher nicht begreifen, daß man in def Goluth-Strategie nicht die große Taktik eines selbständigen Draufgängertums befolgen kann; jetzt müssen sie es einsehen. Die Drohnen aber, welche die emsige, geräuschlose Tätigkeit scheuen, ergreifen das Bequemere, die abgenützte Parole durch ein noch geräuschvolleres und noch hohleres Wort zu ersetzen. Sie finden in einem Augenblicke, wo das jüdische Volk in sich gehen muß, plötzlich ihre Aufgabe in einem sinnlosen Polemisieren gegen den Zionismus. In dem Bewußtsein des nicht zu verhüllenden Mißerfolges, in dem Unvermögen, dereinst die Versprechungen einzulösen, die bei der Entstehung der Partei gemacht wurden, in der gerechten Besorgnis, daß die Geduld der öffentlichen Meinung zu Ende sein könnte, ruht die Wurzel des polemischen Verlangens. Der Appell an die Freiheitsbewegung ist nur Beiwerk und wäre wohl auch nicht herangezogen worden, wenn nicht die Männer der scharfen Tonart sonst mit ihrem Latein zu Ende wären. Ja, die Heroen der großzügigen, nichtjüdischen Politik sind mit ihrem Latein zu Ende... So rächt sich nun, wie jede Schuld auf Erden, auch diese. Zug um Zug erfüllt sich an ihnen das "Schicksal, das sie dem Zionismus dereinst bereiten wollten. Sie haben uns Zionisten 'als Ausländer bezeichnet — und müssen selbst an dem Gnadenbrot zehren, das das nationaljüdische Solidaritätsgefühl aufgebracht hatte. Die taub waren gegen die Mahnung,, an der Einheit des jüdischen Volkes nicht zu rütteln, klagen nun selbst, daß ihre Einheit zerstört wird. Es ist ein bitterer Trank, den die Assimilanten und die sich befehdenden jüdischen Organisationen da zu kosten bekommen. Ob er aber auch heilsam sein wird? Ob die noch bestehenden Organisationen die Konsequenzen dieser Erfahrungen ziehen und zur Einsicht gelangen werden, daß Juden nur im Zusammenschluß und auf dem Boden der eigenen Geschichte etwas zustande zu bringen vermögen? Ob sie nun ihre Sonderambitionen überwinden und von der jüdischen Einheit retten werden was noch zu retten ist? Wir wagen nicht es zu sagen. Aber die Masseh des jüdischen Volkes mögen zusehen, welche Kraft es ist; die in der traurigen Zeit der Verzagtheit und der Mißstimmung neues Leben schafft. Sie. mögen sich jetzt aus eigener Anschauung überzeugen, wie Stück für Stück sich erfüllt hat, was sie nicht hören wollten, was ihnen unzähligemal und in den. eindringlichsten Worten vorausgesagt wurde und was nun viel früher eingetreten ist, als wir selber geglaubt haben. Sie mögen sehen, prüfen und urteilen. Sie mögen das Bewußtsein gewinnen, daß das, was uns vor allem nottut, die jüdische nationale Einheit ist, und daß der Zionismus der einzige Boden ist, auf dem alle Parteien sich zusammenschließen müssen. N. S. Präsident Wolffsohn in Rußland Präsident Wolffsohn in der „Zedakah Gedaulah* in Wilna Mittwoch den 15. d. Mts. in der Mittagszeit versammelten sich Zionisten und Nichtzionisten im Hause der Zedakah Gedaulah in Wilna, um Herrn Wolffsohn offiziell zu empfangen. Dieser Empfang wurde wie seinerzeit für Dr. Herzl von der Gemeinde veranstaltet. Herr Gemeinderabbiner Dr. Kantor begrüßte Herrn Wolffsohn im Namen der jüdischen Gemeinde und deren nationalen Mitglieder irisbesondere. . Als wir, sagte Herr Dr. Kantor u. a., unseren großen Führer Herzl verloren, bemächtigte sich aller Gemüter eine Verzweiflung. Wir befürchteten die Erschütterung der zionistischen Bewegung, da ihr Schöpfer plötzlich genommen war. Es gereicht uns daher_zur besonderen Freude, konstatieren zu dürfen, daß der zionistische Gedanke immer tiefer in die Volksschichten eindringt, und sich den ihm gebührenden Platz im Volke allmählich erobert. . Herr" Wolffsohn erwiderte auf die Begrüßung wie folgt: Die Begrüßung der jüdischen Gemeinde im Namen der Nationair juden freut mich noch mehr als der Empfang, der mir seitens der Zionisten bereitet wurde. Auch unser verewigter Führer, unser lieber Dr. Herzl, dessen Andenken uns allen heilig ist, erzählte mir