Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^^a^^^wssr* DIE KÖLN AM RHEIN, KAROUNGERRING 6 \g/ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. Köln, 24. Juli 1908 p-nnk tAnn1« tron n":j DER ZUSAMMENSCHLUSS DER ORGANISATIONEN „ . . . O Israel! Uns fehlt ein gemeinsamer Goluth und eine gemeinsame Peitsche," sang Jehuda Leib Gordon dereinst im Unmute über das Elend des jüdischen Lokalpatriotismus und der Zerklüftung. Uns Juden jetziger Zeit fehlt es nicht an der gemeinsamen Peitsche; aber sie hat auch nichts gefruchtet. Nein, ganz und gar nicht. Unser Stolz ist, daß jeder seine Hiebe auf eigene Rechnung und nach seinem eigenen Fasson erhält. Je schlimmer es uns allen geht, desto weiter gehen wir auseinander. Über die altvaterische Parabel von den Pfeilen, die zusammengebunden widerstanden, aber einzeln mit Leichtigkeit durchbrochen wurden, sind wir lange hinaus. Dafür hat jede Partei, ja, jede kleinste Gruppe ihr eigenes Programm, ihre eigene Politik, dafür reitet jeder nach Gefallen sein Lieblingssteckenpferd, und je mehr die Nation in ihre Atome sich auflöst, desto mehr bilden wir uns ein, Organisationen geschaffen zu haben, und desto lauter rufen wir's in die Welt, wie herrlich groß die Hilfstätigkeit bei uns emporgewachsen ist. Oder ist das vielleicht Übertreibung? Wir besaßen ein Bollwerk in der Diaspora: die Einheit der Gemeinde, und verloren sie, weil wir nicht so viel Zusammenhalt unter uns aufbringen konnten, um die Bürde einer einheitlichen Genieinde zu tragen. Dann kam die härte Zeit der Prüfung,, der assimilatorischen Flut, und in verschiedene Lager gespalten, traten wir den geschlossenen Reihen der Gegner, die durch viele "von uns, die ihr Volk verließen, die Macht erlangt hatten, gegenüber. Viele bittere Leidensjahre gingen an uns vorbei, bis der Gedanke gemeinsamen Widerstandes sich Bahn brach und neue jüdische Organisationen entstanden; aber sie waren kaum geboren, so arbeitete der Sondergeist-unter uns mit aller Kraft an ihrer Vernichtung. Die Alliance Israelite Universelle, die in der ersten Zeit ihres Bestehens zweifellos national angehaucht war, hatte eben ihre ersten organisatorischen-Erfolge - errungen, da brauste auch schon durch die Judenzeritren anderer Länder der Ruf: Los von ihr! Wir müssen eine eigene Organisation haben! Und wer nicht auf das dezentralisierende Prinzip schwur, derwär ein Schwärmer, wenn nicht ein Verräter an der lokalen Sache. Die lokalen Organisationen sind entstanden, und nun? Sie sind noch kaum Jahrzehnte alt, und da bekämpfen sie ~^sj&^^.gfa£^^ sich schon gegenseitig, sofern sie nicht schon in Trümmern . liegen. Auf den Schultern der einen Partei, der einen Organisation steigt die andere. empor, um. bald wieder durch eine ganz neue übertrumpft zu werden. -Ach, es ist nichts leichter als das. Die Fraktionsbildung auf dem Boden der Volkshilfe gedeiht noch üppiger, als die Sektenbildung auf dem religiösen. Wenn die Programm¬ und Aufrufgewässer nur weiter so reichlich fließen wie bisher, so können wir die Wiese dreimal im Jahre mähen, und die Namen der Organisationen, die einander den Besitz der Berechtigung zur Vertretung der Volksinteressen streitig machen, werden bald eine längere Liste bilden als ihre Taten. Die Parteibildung unter den russischen Juden bietet in dieser Beziehung Stoff genug.. Die Geschichte des . Verbandes der Gleichberechtigung, wie er auf den bloßen Schall eines Namens hin entstand, wie die ältesten, besten, vielerprobten Führer weichen mußten, um den Vertretern der neuen Richtung Platz zu machen, wie dann dieser Verband wirklich gediegene und produktive Kräfte zu gewinnen begann, wie er in rühmenswerter Weise bestrebt war, die Fahnenträger verschiedener Ideen unter dem Banner der gemeinsamen Sache zusammenzuhalten, wie dann die eitle Selbstsucht einige Ehrgeizlinge das selbstgeschaffene Heiligtum eines alle . Parteien einigenden Verbandes, da es kaum aufgerichtet war, schon wieder zu benagen anfing, wie die Scham ob des eigenen Unvermögens zuerst vergeblich versuchte, den Zwiespalt zu verhüllen, bis der Stamm von selber barst und zu Tage brachte, daß er hohl gewesen, — das alles wird ein unvergängliches Denkmal des Mißbrauches bleiben, der in unseren Tagen mit den edelsten Empfindungen des jüdischen Volkes getrieben wurde. Eine „jüdische Volksgruppe" ist entstanden.*— und wir fragen: was hat diese Vereinigung, die sich vermaß, altein die Interessen des jüdischen Volkes zu vertreten, während der ganzen Zeit ihres Bestandes für die Volksinteressen geleistet? Wo ist auch nur die winzigste Tat, von der man sagen kann, sie habe wirklichen und bleibenden Nutzen für das jüdische Volk gebracht, sie habe einen Angriff wirksam abgewehrt, ein bedrohtes Volksgut erhalten? Wir sprechen mit Absicht nicht von den nationalen Ansprüchen und Erfordernissen,