Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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<No.28 DIE 3 nach dem Projekte nur 3 bis 4 Arbeiter beansprucht. Lohnt es sich denn nun, deswegen eine große und riskante Wirtschaft zu gründen? Und womit werden diese Arbeiter später installiert werden? Denn außer dem Boden, den man ihnen geben wird, ist noch vieles andere nötig. Nach dem Projekte (durch den Anteil an den Einnahmen) werden die Arbeiter sich das Nötige für Aussaat und Vieh sparen. Wollen wir das zunächst als möglich annehmen. Nun, und Häuser? Inventar? Futter für das Vieh, Lebensunterhalt bis zur Ernte usw.? Und woher werden die Gelder genommen werden zum Ankauf der Ländereien, die man den Arbeitern geben wird? Das Geld, sagt man, wird da sein. Und für diese problematische Hoffnung werden einstweilen große Summen ausgegeben auf Gründung einer Vorbereitungs- und Prüfungsfarm für Arbeiter. Wenn es wirklich möglich ist, die Summen zu beschaffen zum Ankauf von Boden und dessen Verpachtung oder Verkauf an Arbeiter bei langfristiger Auszahlung, so wäre es am •allervernünftigsten, sofort direkt dazu zu schreiten. Wozu denn eine Farm? Die Farm wird uns eine Auswahl von 20 Arbeitern geben, die existierenden Kolonien und; sonstigen Wirtschaften liefern uns schon jetzt eine viel größere Auswahl. Ja, die Farm gibt uns die Möglichkeit, jeden Arbeiter genauer kennen zu lernen; doch lohnt es sich nicht, deswegen eine Farm zu bauen, denn es existiert die Möglichkeit, über jeden Koloniearbeiter die detailliertesten und genauesten Auskünfte zu bekommen. Der Palästinarat ist sich wohl bewußt, welch eine undankbare Arbeit er auf sich nimmt, indem er mit einer Kritik dessen hervortritt, was andere machen wollen. Aber er weiß, wieviel Schaden jeder Mißerfolg bringt, und er ist der Ansicht daß es besser ist, nichts zu tun, als etwas bestimmt Schlechtes. Es ist aber dringend nötig, daß die Tätigkeit des N. F. endlich aufhört, den Charakter des Zufalls zu tragen, daß der N. F. sich endlich klar macht, was er zu tun hat und wie? Zu diesem Zwecke hat der Palästinarat schon im vorigen Jahre dem A. C. vorgeschlagen, eine Kommission einzusetzen, zur Klärung der Aufgaben und des Arbeitsysstems des N. F. Wenn diese Kommission damals eingesetzt worden wäre, vermöchten wir wahrscheinlich schon jetzt mit Klarheit und Sicherheit zur Arbeit zu schreiten. Aber das A. C. hat es vorgezogen, in der Dunkelheit zu bleiben und» an dem bisherigen System der Zufallstätigkeit festzuhalten. Auf diesen Betrachtungen basierend, hat der Palästinarat die folgende Resolution angenommen: Der Palästinarat findet mit bezug auf das Projekt der L. D. C.: 1. Die Aktionäre sind mit zu geringen Summen beteiligt, als daß sie sich auf Grund ihrer Beteiligung ernstlich mit der Angelegenheit beschäftigen sollten; die Sache wird vielmehr dem meisten als eine neue Art von Spenden erscheinen. Aus diesem Grunde wird die Gesellschaft keinesfalls als eine rein wirtschaftliche angesehen werden, und der eventuelle Schaden wird sicherlich dem N. F. zur Last fallen müssen. 2. Die Gründung einer besondern Farm zum Zweck der Schaffung eines Arbeiterstandes, dem man später auf Pacht- oder Ratenzahlung Grund und Boden übergeben soll, ist überhaupt unnötig, denn man kann schon unter den vorhandenen Koloniearbeitern solche geeignete Elemente finden. Aus diesen Gründen findet der Palästinarat, daß die L. D. C. nach dem vorliegenden Projekt unpraktisch und nicht zweckentsprechend ist, und daß der N. F. sich an dieser Gründung mit seinen Mitteln nicht beteiligen soll. Bureau des Palästinarats Erklärung 1. Nach den jetzt aufgestellten Wirtschaftsplänen wird die P. L. D. C. aller Voraussicht nach imstande sein, alle ihre Aus- " gaben aus eignen Mitteln zu bestreiten, so daß anzunehmen' ist daß sie den Kredit des Nationalfonds nicht in Anspruch zu nehmen braucht. 2. Von „Administration", in dem in Palästina gebräuchlichen Sinne dieses Wortes, wird bei der von der P. L. D. C. in Angriff genommenen Bewirtschaftung von Dalaika und Umeldjune (Kinereth) keine Rede sein. Die bisherige landwirtschaftliche Administration in Palästina "bestand darin, daß Kolonisten unter der Fiktion einer selbständigen Bauernexistenz" in Wahrheit unselbständig und bevormundet waren. Hierdurch wurde sowohl das Eigeninteresse der Kolonisten lahmgelegt, als auch straffe Organisation durch die Administration unmöglich gemacht. In Kinereth dagegen handelt es sich lediglich darum, daß eine Anzahl von Arbeitern unter einheitlicher Leitung das Gut bewirtschaftet Dies ist die Form, unter der in Europa Tausende und aber Tausende von landwirtschaftlichen Gütern jgELT 11 bewirtschaftet werden, und es ist die einzige bisher erprobte Form, wie Kollektivpersonen oder Institute ihren Landbesitz mit größtmöglichem, Nutzen bewirtschaften können. 3. Die Palestine-Land-Development Co. hat in ihrem Prospekt den Gewinn aus der Bewirtschaftung des Gutes in Kinereth auf 5l.'j °/0 geschätzt. Diese und noch höhere Erträgnisse bringt' die Landwirtschaft in den meisten andern Staaten; umsomehr kann dieser Gewinn in Palästina nicht als übertrieben angesehen werden, wenn man die relativ niedrigen Bodenpreise, die außerordentliche Fruchtbarkeit des Bodens in Kinereth und die.in Aussicht genommene Einführung moderner landwirtschaftlicher Methoden in Berücksichtigung zieht. Jaffa den 21. Juni 1908. Dr. Arthur Ruppin Religiöse Motive Essay") Von Dr. Jakob Klatzkin Der Begriff der Religion ist ein Problem, welches, in Geschichte umgesetzt, eine Tragödie bildet. Das will sagen: Religion enthält in sich einen innern Konflikt, einen Konflikt, der in ihrem Wesen begründet ist; ohne den sie logisch und psychologisch nicht zu konstruieren ist. Zwei innerlich notwendige Postulate, die wie Thesis und Antithesis sich gegenüberstehen. Das eine Postulat besagt: Die Seele aller Religion Üst — Keuschheit Keuschheit des Denkens, des Fühlens. Keuschheit ist der psychologisch-poetische Ausdruck für die Grundqualität eines Seelenzustandes, der, ins Praktische, ins Reich des Handelns übertragen — Heiligkeit ergibt Schon das primitivste Ausdrucksmittel der religiösen Not, das Gebet, kann nur unter diesem Gesichtspunkte gewürdigt werden. Cyniker können nicht beten. Die Keuschheit verträgt keine fixierte Form, geschweige Uniform. Alles Konventionelle und Vorgeschriebene ist ihr abhold. Und es widerstrebt ihr, das Innere nach außen hervorzukehren Sie vermag es nicht, die Seele zur Schau zu tragen. Sie ist schamhaft, wie die Liebe; daher sucht sie auch die Einsamkeit. Schablone und Öffentlichkeit verletzen die religiöse Intimität, die keusche Seligkeit. Das erste Postulat vertritt somit in der Religion das Individuelle, Poetische, Mystische. Jeder betet sein, sein eigenes Gebet; in heiliger Stille, in sprachloser Sprache. Und alles reine Seelen verlangen ist Gebet. Dieses Motiv der Religion würde ihre Kraft in Poesie und Mystik aufgehen lassen, wenn nicht ein zweites ebenbürtiges Motiv ihr Wesen zu bestimmen hätte. Es ist das zweite Postulat: Das Substrat aller Religion ist sittliche Mission. Sittliche Mission hat zu ihrem Objekt: die Gesellschaft. Es ist ihr innerer Imperativ: mache auch deinen Nächsten selig. Gemäß diesem ihr innewohnenden Gebote wird die Religion zu einem sozialen Institut. Sie darf nicht in individueller Einsamkeit sich Genüge tun; vielmehr soll sie die soziale Öffentlichkeit beherrschen. Das fordert ihr immanentes Motiv der Mission, ohne welches keine Religion, wie keine Ethik, zu denken ist. Daher sucht sie, wie die Ethik, die Gemeinde. So wird die Religion zur Religionsgemeinschaft. Sie wird Kanon. Es kann nicht bei der poetischen Ungebundenheit innerer Religiosität sein Bewenden haben; als soziales Institut muß die Religion in Gesetzen fixiert werden. Der religiöse Geist muß Körpergestalt annehmen und freilich von seiner reinen Ursprünglichkeit einbüßen, wenn er nicht in individualistisch-romantischer Elastizität verflüchtigen soll; wenn er eine sozial-rationale Norm werden will. Mithin ist die Forderung der Kirche gegeben: Dogma, Ritus, Gebet Ordnung. Ein bestimmtes Gebet ein Gebet für alle. Und nur dieses ist Gebet Die Keuschheit die Scham vor der Öffentlichkeit verliert im Sozialen ihren Wert; es fordert Manifestation, äußere Gestaltung, Konvention, und gibt der formellen Allgemeinheit, der Uniform, der Schablone, eine gewisse Berechtigung. Daß von dieser Berechtigung ein allzu ausgiebiger Gebrauch gemacht wird, daß der Geist dem Körper geopfert, der Kern ob der Beschäftigung mit der Schale vergessen wird, — es beweist *) Aus einer demnächst erscheinenden Sammlung: Jüdische Essays