Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIE 2 KIELT -- No. 28 wohl die Gefahr einer sozialen Oberherrschaft der Religion, vermag aber nicht das soziale Motiv der Religion zu verdächtigen. Also zwei ebenbürtige und entgegengesetzte. Motive, das individuelle und soziale, bestimmen die Natur der Religion: Keuschheit und Mission, Romantisches und Rationales, Mystik und Dogma, Kunst und Ethik. Logisch ein Problem, historisch eine Tragödie. Diese zwei Motive regulieren auch das Verhältnis der Religion zur Politik. Das eine Motiv vollzieht die Sonderung zwischen den zwei Reichen: Keuschheit und Öffentlichkeit gehen schwer eine Verbindung ein. Das zweite Motiv bahnt die Verbindung an: Mission muß mit Machtmitteln operieren. Das zweite Motiv fand seinen vollen Ausdruck, freilich auf Kosten des ersten Motivs, in der altjüdischen Religion. In ihr ist verkörpert das Postulat des Sozialen, Rationalen, der Ethik, des Dogmas (= Lehrbegriff). Sie hatte den weiten Horizont einer Staatsverfassung, wie hätte sie das erste Postulat respektieren sollen. Eine Staatsverfassung kann nicht auf Kunst, auf Mystik beruhen. Das war ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche; ihre Stärke: das rational-ethische, sozial-politische Element; der Begriff, das Gesetz, der Kanon. Ihre Schwäche: der Mangel an mystischkünstlerischem, individual-romantischem Element. Und fast hatte sich dieser Mangel gerächt: in der Kollission des Judentums mit dem Hellenentum. Da stehen vor uns die legitimen Vertreter der zwei Elemente des innern Konfliktes in der Religion; aer zwei entgegengesetzten Postulate ihrer problematisch-tragischen Natur; der Thesis und Antithesis. Das Christentum wollte die Synthesis bilden, ging aber an diesem Wollen zugrunde. Seine Synthesis ist nicht organisch, sie hat nur den Nachteil eines gekünstelten juste milieu, den Nachteil einer Konzession. Es gibt daher kein Christentum; es sei denn eine Verzerrung des Judentums oder des Griechentums. Und noch harrt die Religion der geschichtlichen Synthese. Mit dem Verlust ihrer sozial-politischen Basis, des Staates, wird die jüdische Religion empfänglich für das andere religiöse Moment, welches so sehr verdrängt worden ist Wir sehen dann den Versuch der Romantik, sich zu ihrem verletzten Rechte durchzuringen. Es entsteht jüdische Poesie. Die Distanz der Religion an Politik wird immer größer. Das sozial-ethische Element vermag nicht mehr das, individual-künstlerische Motiv des religiösen Wesens zu unterdrücken. Es entsteht jüdische Mystik, Kabbalistik, Chassidismus. Und wir begegnen bald der vorgezeichneten Konsequenz: das Rationale, Dogmatische fällt in Ungunst; das Fixierte, das Gesetz, die Schablone des Allgemeinen wird abgewehrt. Es bildet sich eine gewisse Abneigung des religiösen Empfindens gegen die theologische Erkenntnis, gegen das Lehrhaus und seine unzähligen Bücher. Es wird die Parole ausgegeben: Nicht Formel, sondern Andacht (Khawanah). Die Andacht, sie vermag auch die Sünde zu heiligen, göttlich zu machen. Wir sehen, es ist die Elastizität der religiösen Romantik, die Reaktion des Individualistisch-Aristokratischen gegen das Sozial- Politische, der religiösen Keuschheit gegen kirchliche Uniform. So wirken im Judentum der Diaspora zwei Richtungen, gemäß der beiden religiösen Postulate. Und bilden seinen ihriern Konflikt. Nun kommt die neue Zeit. Der Glaube schwankt. Das Rationale der jüdischen Religion verliert seine Autorität, — die Renaissance der Moderne klammert sich an die jüdische Romantik. FEUILLETON Hrmenlieder*) wmi"H. Reisen (Bus dem Zyklus: >t!ie graue not») Buforisierte Überfettung — Hochdruck perboten €in Grab Keinen wird fein Sterben rühren, Seinen Cod wird keiner spüren. Still wird man hinaus ihn führen Huf das Cotenfeld. Still zu Grab wird man ihn tragen, nicht uiel Worte wird man sagen, Keiner wird die not beklagen, Die den armen fällt. Und auf keinem Steine leien Wird man, dafj ein Ulenfch gewefen. Hoch und bleich, ein armes Weien, Einfam in der Welt____ Und hat doch io lang gelitten, Und hat doch io heifj geitritten, Und ift doch gestürzt inmitten Wie der gröhte Held!.... Kalte nacht Kalte nacht. Das kleine Stäbchen Wie ein Srab, io lieht es aus, Und das arme Volk da drinnen Ras dem Srab kann's nicht hinaus. Und die grauen renfferfcheiben Starren in das Dunkel blind Wie die Hugen uon Geitorb'nen-- Draufcen ipielt fein Iiied der Wind. Eine Codesweife ipielt er. Und fie klingt durchs Gähdien weit, Und die Coten in der Stube Horchen ohne Zorn und Leid.... Runzeln Seine hohe, breite Sfirne 3ft durchfurcht uon tiefen Runzeln, Eingepreßt hat hier das Schickial Die Beschreibung seines Lebens. *s ift ein langes Buch, ein langes, 3edes Fältchen ein Kapitel — Wollt ihr, kann ich euch bezeichnen 3edes einzelne mit Hamen: Ein Kapitel „Ohne hiebe" Und das zweite „Eitles Sehnen"v „Cage — gafienlang ^erwandert", „Sdilummerlos oerbrachte nächfe". Und das fünfte und das ledtffe — Stets dielelben kalten Cifel, Und das Schickial Ichreibt noch immer Ein Kapitel hinterm andern. Bis dann kommt noch eine Rune, Der Kapitel Schlufjkapitel. Cod. — Die Fabel ift zu Ende____ Schade! — Keiner wird fie lelen____ 3di warte 3ch wart' auf den Cag, den goldig»heIlen, Voll Sonnenglänzen und Blütenfchwellen. 3-ch wart* auf den Cag, wo laut erklingt Das fröhliche hied des Volks, das Fingt, Das fröhliche Lied, das nicht mehr umtönen Stöhnen und Seufzer und Kettendröhnen---- V,^on dem )unaen lödtHien Dichter Hbraham Reifen ImcT jefct im Verlag ..Progreh", Warfcncm, zwei Harke Bande erlchienen, der erfte ein Sedlchfband: „©esammelte Weder*, der zweite Erzählungen unb Skizzen enthaltend. Wir bringen nädtftens eine tarifliche Würdigung der Reisenrehen Bächer und fuhren heute als Probe einige Gedichte aus den „Sefammelfen biedern" por.