Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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" . Die wichtigsten Probleme der realen Arbeit in Palästina, wie die Frage des, Arbeitssystems des Nationalfonds, Heranziehung von Privatkapitalien, Gründung eines Agrarkredits, Schaffung einer -Möglichkeit für unbemittelte Personen, sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen usw., — Probleme, die in der letzten Zeit so hartnäckig die ernsten Zionisten beschäftigten, führten zum Projekt der Land Development Co., das in seinen fiauptzügen in fofgendem besteht. Es wird eine Aktiengesellschaft gegründet, die in Palästina eine Farm anlegen soll, wo eine allseitige Landwirtschaft getrieben und die Arbeit möglichst durch jüdische Arbeiter ausgeführt werden soll. Je nach der Vergrößerung des Grundkapitals soll die Gesellschaft neue Ländereien ankaufen, sie in wirtschaftsfähigen Zustand bringen, dann sie verpachten und nachher auch auf langfristige Ratenzahlungen denjenigen von ihren Arbeitern und auch an Arbeiter derKolonien geben, die sich zur Landwirtschaftgeeignet zeigen werden. Die Gesellschaft gibt 50000 Aktien heraus ä 1 £. Um die Sache nicht in die Länge zu ziehen, soll sie ihre Operationen nach dem Verkauf der ersten 2500 Aktien eröffnen dürfen. Und da es unmöglich ist, für 2500 £ eine Farm auf eignem Grund und Boden zu gründen, so gibt der N. F. der Gesellschaft seine Ländereien in Dalaika und Umm-Djuni auf 99 Jahre in Pacht und außerdem noch eine Baranleihe von 3000 £. Die Arbeiter der Farm werden außer ihrem regulärem Gehalt noch einen Anteil an dem Gewinn der Farm haben, sie werden infolgedessen an ihrem Gedeihen interessiert sein und, was noch wichtiger ist, sie werden die Möglichkeit bekommen genug zu verdienen, um selbst Aussat und Vieh zu stellen, sobald sie Boden in Pacht bekommen werden. Dieses Projekt wurde vom A. C. begutachtet, von der .Generalversammlung des N. F. bestätigt, und es erfreute sich eines einstimmigen enthusiastischen Empfanges in der zionistischen Presse. Man erblickte in ihm die Lösung vieler schwierigen Kolonisationsprobleme, ja sogar ein ganzes Kolonisationssystem. Angesichts der großen Hoffnungen, die von zionistischer Seite an diese künftige Gesellschaft gestellt werden, und da der N. F. die Absicht hat, an ihr einen bedeutenden finanziellen Anteil zu nehmen, hielt es der Palästinarat, für seine Pflicht das Projekt einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und seine Meinung darüber zu sagen. Zu der dazu einberufenen Sitzung wurden außer den Mitgliedern des P. R. auch einige alte, erfahrene Kolonisten eingeladen und einige weitere Vertreter der Arbeiterorganisationen, wie auch andere kompetente Personen und der Sekretär des Palästinaamtes, Herr. Dr. Thon. Alle fühlten sich sehr geniert dadurch, daß sie das Projekt besprechen mußten nicht im Stadium seines Werdens, sondern nachdem es schon angenommen wurde, so daß zu befürchten war, daß dies von manchen als unfreundliche Aktion gegen das A. C. betrachtet werden kann. Außerdem war allen klar, daß durch die Kritik des ersten offiziellen Schrittes der zionistischen Organisation auf dem Wege zur realen Arbeit in Palästina dieser noch zarten Strömung ein großer Schaden zugefügt werden kann. Die Wichtigkeit der Frage hat aber alle gezwungen, sich durch diese Bedenken nicht abhalten zu lassen und zu der Besprechung des Projekts überzugehe Aus der eingehenden Diskussion wurde klar, daß alle, mit Ausnahme des Herrn Dr. Thon, sich negativ zu dem Projekt der L. D. C. verhielten, auf Grund von verschiedenen Ursachen, die sich in folgendem zusammenfassen lassen. Der Kostenanschlag enthält viele Irrtümer, die dazu führen, daß die Einnahmen übertrieben, die Ausgaben zu gering angegeben sind. So ist der Totalgewinn von einem Hektar Ackerboden nach Abzug des Oschers mit 150 Frcs. angenommen. Als mittlere Ziffer ist sie zu groß, besonders auf einem ungedüngten Boden, wie der von Dalaika und Umm-Djuni. — Der Gewinn von Stroh wird mit 2000 Frcs. berechnet; aber in Galiläa ist es schwierig Stroh zu verkaufen. Auch ist es schwierig, in einer so wenig bevölkerten Gegend Milch zu guten Preisen zu verkaufen usw. Anderseits sind die Ausgaben zu gering angegeben. Zu zwölf Paar Pferden werden nur acht Wagen gekauft; man muß aber für jedes Paar Pferde einen Wagen haben, um, wenn die Pferde nicht ackern, sie nicht ohne Arbeit stehen, sondern Mist fahren zu lassen, usw. Für Stallungen für Pferde, Speicher und Schuppen ist zu wenig angesetzt (6000 Frs.). Das Futter für die Pferde ist nur für neun Monate berechnet. Warum nicht für zwölf? Als Lohn für Arbeiter ist eine Ausgabe von 4500 Frs. angenommen. Aber für die zwölf Paar Pferde allein werden zwölf ständige Arbeiter nötig sein; und wenn "jeder auch nur 40 Frs. monatlich erhalten wird, wird es für das Jahr 5760 Frs. ausmachen Aber außerdem werden doch noch Arbeiter nötig sein zum Säen, Schneiden und Dreschen. Für die Kühe ist überhaupt keiri}Futter gerechnet Mari gfätibt' offenbar, daß die Kühe sich mit der Weide-begtjügen::werden. Man muß sie aber dabei unbedingt noch außerdemi futterj^. bje^Miders . wenn man will, daß sie Milch geben.; .< ..• - - .^Vl - Es sind aüch gänzlich andere Ausgäben ^ers^eo;^wieJ^^c^ef, medizinische Hilfe u. a. ■ :\- r .i.^'^'^S::"/: Alle diese ■Unexaktheiten des Kostenanschlags spielen aber eine sekundäre Rolle man kann die Ziffern korrigieren und sie durch andere ersetzen,, die der Wahrheit näher kommen;',..'tnan{ -kann die Wirtschaftsführung, die Kulturen ändern usw. ' Unä.-wenn der im Projekt angenommene Gewinn sich anch; verklercfiarn solltet wird dochwohl ein Gewinn sich ergeben; denn man karm--gew.iß>in Palästina ein Kapital in einer rationell organisierten Landwirtschaft so investieren, daß es unzweifelhaft rentabel sein wird.' . '. Aber die Praxis der Kolonisation Palästinas hat' "erwiesen, daß alle hier sogenannten „administrativen" Wirtschaften, das heißt-, alle jenen gesellschaftlichen und privaten Unternehmungen, derenjBigentümer nicht nach materiellem Gewinn strebten, sondern hauptsächlich philantropische oder andere ideele. Zwecke verfolgten, von Mißerfolg begleitet waren. Weder die Eigentümer dieser Unternehmungen, noch die unmittelbaren Verwalter und die kleinsteh Beamten streben so energisch zu der Vergrößerung des Nutzens und zur Verkleinerung der Ausgaben, wie das in gewöhnlichen privaten Wirtschaften stattfindet. Und wenn der eine oder andere. Verwalter .auch mitunter eine strenge Ökonomie einfuhren möchte, so stößt er gewöhnlich auf die entgegengesetzten Interessen anderer Beamten, die aüch ihre Verbindungen und Einflüsse haben; und er hat auch Rechenschaft zu geben vor der öffentlichen Meinung, die nichtimmer auf. seiner Seite stehen wird. Jeder öffentlichen Unternehmung kostet ein und dasselbe Quantum Arbeit viel mehr' als . einem' Privatunternehmen . sie ist gezwungen, höhere Löhne zu zahlen, die Arbeitszeit zu verringern; es werden an sie größere Forderungen gestellt betreffend der Hygiene der Wohnungen, der medizinischen Hilfe, Vergütung der Arbeiter bei Entlassung, bei Unfällen usw. Es ist hier nicht der Platz, alle bösen Seiten der in Palästina sogenannten „administrativen" Wirtschaften zu erörtern. Diese Sache verdient eine spezielle Untersuchung. Die Praxis hat kategorisch gezeigt, daß die erste Bedingung einer jeden Unternehmung in Palästina ist, daß sie einen streng geschäftlichen Charakter trägt, und daß der Eigentümer materiell und ernst an der Sache interessiert sein soll. Hier bei der L. D. C. kann davon keine Rede sein. Alle die sogenannten Kapitalisten, die ein Pfund für eine Aktie ausgeben werden, und die Reichen, die 10' bis 20 £ geben werden, denken am wenigsten an materiellen Gewinn, sie betrachten sicherlich ihre Ausgabe auf Aktien als eine neue Spende für einen ideellen Zweck. Von solchen Institutionen aber, wie dem A. C., Odessaer Komitee und andern, die Aktien subskribieren werden, braucht gar nicht gesprochen zu werden, diese sind gewohntan-Geldgewinn nicht einmal zu denken. Die L. D. C. stellt keine positive Seiten einer Privatinitiative dar, dagegen besitzt sie alle negativen Eigenschaften öffentlicher Unternehmungen, alles das, woran alle, administrativen Wirtschaften, von Rothschild, vom Odessaer "Komitee, der Ica usw., krank waren und untergingen. Die L. D.-C, gibt 50 000 Aktien heraus, schreitet aber schon zur Arbeit nach dem Verkauf der ersten 2500 Aktien. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der weitere Verkauf von Aktien dann aufhören wird. Denn warum soll in dieser Richtung die L. D. C. glücklicher sein als der J. C. T.? Und wenn man auch annehmen sollte, daß das Geschäft die Ausgaben , decken wird, so wird es doch sicherlich nicht imstande sein,, dem N. F. die Anleihe zurückzuzahlen. Nun muß man in jeder Unternehmung auch auf verschiedene unvorhergesehene Zufälle gefaßt sein, da man gezwungen ist, gelegentlich Extrasummen auszugeben (Seuchen, Mißernte, Prozesse). Wer wird dann diese Gelder geben? Es ist klar, daß dann von der L. D. C. nichts zu nehmen sein wird, und daß der N. F. neue Summen wird hergeben müssen, um die alten zu retten. Die L. D. C. mit einem Kapital von 2500 £, ohne das geringste Geldinteresse der Aktionäre, ohne Aussichten auf'weitern Verkauf von Aktien, erscheint nicht als kreditfähiges, solides Institut und liefert dem N. F. seine ernsten Garantien für die großen Summen, die sie jetzt von ihm bekommen und zweifellos auch in der Zukunft verlangen wird. Worin bestehen die anlockenden Seiten der L. D. C, die ihr die Sympathien der Direktoren des N. F. und Mitglieder des A. C. gewonnen haben? Die L. D. C. wird Arbeiter vorbereiten,, die. zur selbständigen Wirtschaft tauglich sind. Aber nach dem Umfang der Wirtschaft wird es dort nicht mehr als 20 Arbeiter geben, umsomehr, als fast die Hälfte der Wirtschaft in Viehzucht bestehen wird, die