Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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^^^^^^^^^^^^^^^^^^^p DIE^ELT deutschen Juden und die deutsch-jüdischen Organisationen in dieser Hinsicht mehrzu bedeuten haben, als die englischen, amerikanischen, russischen. Wir hoffen und sind überzeugt, daß die deutschen Juden nicht beiseite stehen werden, wenn einmal die zionistische Frage zur Lösung reif sein wird. Sie werden dann einer von vielen Faktoren sein, — für die Begriffsbestimmung des Zionismus rechnen wir bekanntlich überhaupt nicht mit deutschen oder russischen oder galizischen Juden. Die Frage, ob wirklich binnen fünf Jahren die Sache des Zionismus entschieden sein wird oder muß, braucht hier nicht untersucht zu werden. Wir glauben auch nicht, daß diese Meinung unter den deutschen Zionisten viele Anhänger hat. Es mag sein, daß im Laufe der nächsten fünf Jahre Ereignisse eintreten, die auch den Zionismus nahe berühren. Seine Existenzfrage wird dadurch nicht tangiert werden. Diese ist überhaupt von äußeren politischen oder ökonomischen Fragen absolut unabhängig. Entweder ist der Zionismus eine historische Notwendigkeit, — das haben wir bisher geglaubt und glauben es noch, — dann sind äußere Geschehnisse vielleicht von Einfluß auf seine Entwicklung, der Idee und ihren Aussichten vermögen sie nichts anzuhaben, — oder aber er ist ein Experiment, eine interessante Erfindung, deren Bedeutung davon abhängt, ob sich Geldgeber für ihre Verwertung finden, — dann haben wir uns und andere getäuscht und sollten schnellstens aufhören. Es tut einem weh, das heute noch feststellen zu müssen. Es erübrigt vielleicht, auf die Frage selbst einzugehen, die zur Debatte steht. Immerhin dürfte auch dieses interessant sein, weil damit die furchtbare Übertreibung erst recht offenkundig wird, in die man verfallen ist Worum handelt es sich? Üm ein engeres Zusammengehen mit den Logen und dem Zentralverein. In bezug auf die Logen kann man die Frage ja vielleicht diskutieren. Die Logen pflegen statutengemäß philanthropische Zwecke und widmen sich . mit Eifer der Linderung der Not unserer Brüder im Osten. Sie haben bisher dem Zionismus gegenüber eine kühle, teilweise eine ablehnende Stellung eingenommen und scheinen vorderhand auch nicht geneigt zu sein, ihren Standpunkt zu revidieren. Immerhin sind Anzeichen vorhanden, die darauf schließen lassen, daß ihre Mitglieder sich den zionistischen Anschauungen und Forderungen teilweise nicht mehr gar so ablehnend gegenüberstellen wie früher. Das ist übrigens nicht nur bei den Mitgliedern der Logen, sondern in Deutschland und auch anderswo allgemein zu verspüren. Unsere Arbeit hat eben auch in dieser Hinsicht Erfolge gezeitigt. Übertriebene Hoffnungen braucht man natürlich daran noch nicht zu knüpfen, und jedenfalls stärkt man die Position der zidnistenfreundlichen Logen oder Logenmitglieder nicht dadurch, daß wir sie jetzt gleich für uns in Anspruch nehmen. Es ist aber auch gar nicht abzusehen, worin eigentlich die Versöhnungspolitik den Logen gegenüber bestehen soll. Deren Arbeit spielt sich naturgemäß unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab, sie unterliegen nicht der öffentlichen Kontrolle. Angriffe gegen sie sind seitens der Zionisten daher kaum möglich gewesen, und wenn schon, waren sie wahrscheinlich berechtigt. Man hat bisher nie behauptet, daß die Zionisten oder auch der Zionismus mit den Logen nicht zusammengehen sollen; im Gegenteil, zur Brüsseler Konferenz erhielten die Logen ebenso eine Einladung — und erschienen ebensowenig wie die Ica und die Alliance. Man wird auch weiterhin den Logen [mit der Achtung begegnen, die eine so bedeutsame und wirksame jüdische Organisation verlangen darf, und jeder Zionist wird sich freuen, wenn die Logen einmal praktische Beweise dafür geben; daß sie Forderungen des modernen Judentums verstanden haben. Zu einer Versöhnungspolitik aberfehlt offenbar auf beiden Seiten die Feindschaft, die doch vorhergegangen sein müßte. Es ist also nicht ganz klar, wieso die Logen in das Bukett der Organisationen hineingeraten sind, mit denen man eine Versöhn'ungspolitik treiben soll. Vielleicht ist die Meinung nicht ganz unbe- NÖ..28 rechtigt, die dahin geht, daß man die Logen mit dazu genommen habe, um von ihrer Harmlosigkeit das zweite der Objekte profitieren ' zu lassen. Denn mit dem Zentralverein ist es ein ganz anderes Ding. Zunächst begreift man überhaupt nicht worin seine Eignung für ein Zusammenwirken mit der zionistischen Organisation begründet sein soll. Der Verein begrenzt seine Arbeit ausschließlich auf Deutschland, er darf sich satzungsgemäß nicht um Dinge kümmern, die nicht die staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Juden direkt angehen. Darum liegt z. B. jede Philanthropie außerhalb des Rahmens des Vereins, die Einladung zur Brüsseler Konferenz wurde folgerichtig aus diesem Grunde abgelehnt Wir verstehen daher nicht wie ein Zusammenarbeiten mit diesem Verein mit der Begründung verfochten wird, daß wir sonst Palästina nicht bekommen werden. Der Zentralverein hat mit Palästina nicht das Geringste zu tun, die ganze Auswandererfrage ist überhaupt außerhalb seiner Kompetenz und wird von ihm auch in keinem Punkte bearbeitet. Es handelt sich eben nicht um unser Endziel — hier wird so recht die Übertreibung klar — es ist eine rein deutsch-jüdische Frage, eine Frage, die lediglich die deutschen Zionisten interessiert Es handelt sich um den Kampf für die tatsächliche Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung in Deutschland, eine Frage, an der natürlich die Zionisten starken Anteil nehmen. In diesem Kampf hat der Zentralverein die Führung. Und an und für sich wäre natürlich gegen ein Zusammengehen der deutschen Zionisten mit dem Zentralverein, eine Frage, die wie gesagt die deutschen Zionisten selbst entscheiden müssen, nichts einzuwenden. Nur ist der eine Umstand hinderlich, daß der Zentralverein statutengemäß einen deutsch-nationalen Standpunkt einnimmt. Er ist eben ein Assimilantenbund, ein Assimilationsverein par excellence. Und wenn jetzt behauptet wird, daß die Differenz nicht im Wesen der Sache liege, so kann man dem nur entgegenhalten, daß der Zentralverein den Begriff eines jüdischen Volkes, dessen Angehörige durch politische Grenzen nicht voneinander unterschieden sind, nicht kennt Er perhorresziert die Rassenunterschiede, die nach unserm Dafürhalten das Wesen der Judenfrage ausmachen, und die doch auch die Grundlage des Zionismus bilden, er kennt nur Angehörige des deutschen Volkes, der deutschen Nation, die durch die verschiedene Bezeichnung ihres Glaubens auf dem Standesamt in gewisser Hinsicht differenziert sind. Demgemäß sind auch die Methoden seiner Arbeit unsern Anschauungen entgegengesetzt Er kämpft den Kampf gegen den Antisemitismus in der Form der Aufklärung von antisemitischen Verleumdungen und Schlechtigkeiten und vor allem dadurch, daß er sich bemüht, die Juden zu ermahnen, doch ja die bemerkbaren Unterschiede abzulegen. Widerwillig und sehr gezwungen sieht sich der Verein in der allerletzten Zeit genötigt, hin und wieder eine andere Taktik einzuschlagen, die unserer Auffassung von der Würde der Juden mehr entspricht Er folgt eben auch hier der allgemeinen Entwicklung. Den Zentralverein haben die deutschen Zionisten allerdings oft und oft scharf bekämpft und haben damit eben die kleinen Konzessionen erreicht, die wir oben erwähnt haben und von denen in diesen Blättern mehrfach bei anderer Gelegenheit die Rede war. Aber im großen ganzen ist es doch der Zentralverein, der die Zionisten bekämpft und bekämpfen muß, wenn er seiner Anschauung treu bleiben will. Es ist ohne weiteres anzunehmen, daß die Zionisten die ersten sein werden, ein etwaiges Entgegenkommen des Zentralvereins anzuerkennen. Vorläufig indessen zeigt dieser wenig Neigung zu einer noch so .. geringfügigen Revision seiner Politik in unserm Sinne, und daran werden auch noch so viele Beschlüsse der deutschen Zionisten, die ein Zusammengehen mit dem Zentralverein fordern, nichts ändern können. Zu einem Zusammengehen gehören bekanntlich zwei. Allerdings, wenn sich die deutschen Zionisten dazu verstehen sollten, „Wasser in ihren Wein zu tun," wie -es verlangt wurde, wird sich dieses Zusammengehen vielleicht eher ermöglichen lassen. In diesem Falle, von dem wir nicht hoffen, daß er eintreten wird, &ää£afc&^ '