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Die Welt · 1908-07-17 · 28 (17.7.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
28 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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■ DIE^ELT No. 28r THEODOR HERZLS SOZIALE IDEEN Von Salomon Kaplansky-Kaplan Theodor Herzl, als der Schöpfer der modernen jüdischen Politik, ist vom Dichter Herzl, seinen Empfindungen und Ansichten über Leben und Menschen nicht zu trennen. Er hatte, bevor ihn die Tragik der Judenfrage [in all ihrer Majestät zum Umlernen und Umdenken liebgewordener Begriffe zwang, ein tiefblickendes Auge für alle kleinen und großen Komödien des Lebens. Mit einem leisen, verzeihenden Lächeln sah er dem wichtigtuerischen menschlichen Treiben zu und fand überall Stoff für heitere Lustspiele. Aber schon frühzeitig durchzittert stille Wehmut seine duftenden, graziös tändelnden Feuilletons. Sein Blick wendet sich mit wachsender Vorliebe den Tragödien des Lebens zu, den mühseligen Unscheinbarkeiten, des Daseinskampfes, die das Leben der stummen, weil nicht erhörten, Menge ausfüllen. Er gerät aus dem geistreichen Plaudern in den Ernst der Wirklichkeit. Tiefe Melancholie, voll Mitgefühl und Mitleid, klingt in seinen nachdenklichen Stimmungsbildern. Immer häufiger fesselt die soziale Frage seine Aufmerksamkeit. „Wenn wir näher zusehen, entdecken wir, daß die komischen Züge zusammengesetzt sind aus lauter Traurigkeit." „Traum" und „Traurigkeit", diese Lieblingsworte Herzls, kehren immer häufiger wieder und verdrängen allmählich das „scharmante" und „unendlich lustige", aus der frühern Zeit ungetrübter Sorglosigkeit, „Die Kontur der Menschen und Dinge ist komisch . . Doch, . . wenn man alles versteht, so hat man das Lachen verlernt." Die Erscheinungen der Not und des Elends rücken in den Vordergrund seiner Betrachtungen. Mit Liebe und Verständnis, mit Milde und Zärtlichkeit spricht er von den Sorgen des kleinen Mannes. Die wankenden Gestalten am Rande des Lebensweges haben für ihn etwas Ergreifendes. Immer wieder kehren in seinen Schilderungen Londons die Sandwichmen, die, zerlumpt und herabgekommen, papierne Schilder mit Reklamen von Lustbarkeiten auf ihren Rücken tragen, Spielzeughändler und Zündhölzchenverkäuferinnen. Das Heer der Arbeitslosen zieht wie eine stumme Drohung an Prachtpalästen und fashionablen Dining-Saloons vorbei und erinnert gebieterisch daran, daß inmitten aller Kultur in jammervollen Kellerlöchern nackte Verzweiflung haust. Diese nachdenkliche Stimmung verläßt ihn nicht, auch wenn er im Geplauder mit Freunden den anmutigen Anblick einer Landschaft genießt. „Die jenseitigen Hügel verwischen sich schon in der Dämmerung. Im Tale ruht die Stadt mit den vielen Schloten, eingehüllt in einen leichten Dampf, und bei diesem Anblick wird man plötzlich traurig. Die Arbeiter gehen jetzt erschöpft nach Hause. Die Abende der Fabrikstädte sind eigentümlich umflort." So kommt Herzl auf den höchst polizeiwidrigen Gedanken, daß wTir, „trotz Fortschritt und herrlichen Erfindungen, doch nicht in der besten der denkbaren Welten leben". Er betrachtet die Karren der Übersiedelnden mit ihrer armseligen Habe und ihrem, auf der Gasse zur Schau liegenden Hausrat, in denen so viel Traurigkeit und unsagbarer Kummer stecken. „Güter werden mit Dampf in unendlichen Massen erzeugt, jetzt und jetzt erschüttert eine Überproduktion die allgemeine Wirtschaft, es gibt plötzlich zu viele Sessel oder Tischdecken oder Kochtöpfe, — und dann belehrt uns der Blick auf einen solchen Umzugskarren, daß es Dumme oder Elende gibt, die zu wenig von dem haben, was in unverwendbaren Mengen vorhanden ist". Es ist so gut wie eine populäre Darstellung der sozialistischen Krisenteorie. Doch nicht die Enterbten des „vierten Standes" erregen das größte Mitgefühl Herzls. Sein Herz bewegt die Not der entwurzelten, schwebenden Existenzen. Die soziale Frage des versinkenden Mittelstandes, in seinem letzten Kampfe ums Dasein, das Problem des „herumgeschleuderten, vernachlässigten Kleinbürgertums", fesselt ihn am meisten. Vielleicht deshalb, weil sie ihm am wehrlosesten erscheinen, weil ihnen die „organisierbare Macht" der Arbeiterschaft fehlt. Herzl ist kein Lobredner des Besitzes, er spricht in einer seiner Kongreßreden mit unverholener Verachtung von „arbeitsscheuen Reichen". Aber er ist auch kein Stürmer und Dränger, der den Besitz aus der Welt schaffen möchte. Seine Anschauungen lassen sich nicht in ein gangbares soziales System einfügen. Er war kein Kollektivist. Er betrachtete es als einen schwärmerischen Denkfehler der Sozialisten, daß sie die Freude am Besitz, die verlockende Macht der Freiheit und Gewalt, die ihm innewohnt, unterschätzen. Aber er war weit davon entfernt, in der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung das vollendete Ziel sozialer Umgestaltung, in der Überwindung des Kapitalismus — „Umsturz" zu erblicken. „Muß das sein?" fragt Herzl beim Anblick der Londoner Massennot. „Hat dieses Elend eine soziale Funktion, wenn wir es aus der mitleidslosen Höhe betrachten?" .Dieser Jammer ist sinnlos, antwortet Herzl. „Es gibt Grade des Elends, die nicht mehr produktiv sind. Aus der leichten Entbehrung, aus unbefriedigten Wünschen, aus tausendfältiger Sehnsucht nach schöneren Formen des Lebens, kann noch eine Leistung hervorgehen. . . Weiter unten jedoch ist es fürchterlich. Da sind die Leute obdachlos, brotlos, bildungslos, hilflos, hoffnungslos". . . Für diese Zustände gibt es keine Entschuldigung, aber auch kein Gesetz sozialer Umbildung. Notstands- oder soziale Aktion? Herzl war grundsätzlich für die letztere. Ihre positiven Grundlagen festzusetzen oder nur zu entwerfen, war nicht seine Absicht. Er wollte nur ein Windstoß sein, der über eine klagende Harfe strich. Er wollte das gesellschaftliche Gewissen aus seiner Trägheit aufrütteln, für die Sache der Schwachen und Armen werben. Die Menschen kamen ihm zu schwächlich und albern vor, als daß er zum unerbittlichen Kampfe gegen die Stärkeren und Gewissenlosen rufen könnte. Er spricht von ihnen stets mit halbverächtlicher Ironie. „Die Hütten sind offenbar dazu da, daß sie weggeschwemmt werden ... Aber es ist doch wunderbar, wie objektiv man die Überschwemmungen betrachtet, wenn man über dem höchsten Wasserstande wohnt" . . . Nur selten, erschöpft von den vergeblichen Bemühungen, die Menschen von der Häßlichkeit ihrer unsinnigen, qualvollen Einrichtungen zu überzeugen, greift er zu zornigen Worten. „Um das Herz der Menschen zu erweichen, brauchte man wohl einen großen Hammer, tausend Zentner schwer, und

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