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Die Welt · 1908-07-17 · 28 (17.7.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
28 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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THEODOR HER Ein Rauschen hörte er über seinem Haupte, da er die in der Glut seiner Seele geformten Worte mit zitternd-ungeduldiger Hand aneinanderreihte zu einem großen Gedicht, ein Rauschen, da er, ein jugendschöner Fackelträger auf stolzer Höhe, umspielt von allen Winden, gleich einem Flammenbündel die. Niederschrift seiner Seele weit hinaushielt: „Ihr Juden, ich gebe sie Euch, diese meine Seele, — denn es ist Eure Seele" .... Und von Flügelschlägen umrauscht, stieg er hinab zu den Brüdern mit weitausgebreiteten Armen ... Reglos-schwere Sommerschwüle . . . Und über Büchern und Schriften, die die wachgewordene Sehnsucht eines großen Menschen in sich bargen, lag ein kleines Blatt, reglos-schwer wie die Sommermüdigkeit, und darauf stand geschrieben, von des Dichters Hand geschrieben: „Mitten im Leben kommt der Tod" . . . Er war gekommen. Mitten im Leben hatte er den, der ihn mit wissenden, ernsten, gütigen Augen erwartete, bei der Hand genommen. Und der einst das Strahlenbündel geschwungen, beugte sich wie ein Vollendeter der gesenkten Fackel, und Iächelnd-still, wie das Gleiten eines schönen Traumes ins Nichts, war seih Gehen ins Schattenreich. Ein Meteor hatte aufgeleuchtet am nachtschwarzen Himmel. Und mit goldenen Funken die Nacht übersprühend, war es strahlend und schön, wie es gekommen, im Dunkeln verschwunden, nachdem es im stolzgeschwungenem Fluge die halbe Bahn durchmessen ... Stumm ist das Grab. Ein starrer Denkstein irgendwo in der Welt. Döblinger Friedhof heißt der Platz. Kein Rauschen, kein Klingen und kein Leuchten. Nur Blumen der Erinnerung, die blühen und verwelken. Und das Flattern eines Falters oder das verlorene Singen eines einsamen Friedhofvogels . . . Und doch weht und tönt unsichtbar und unhörbar um all die Stummheit das Geheimnis. Von diesem Grabe geht es aus, und es kehrt zu ihm zurück in seltsamem Singen und Sagen, und verstummt nicht wie der Vogelsang, und zerstäubt nicht wie die welken Kränze, sondern weht und tönt und schwillt an: Erinnerung und Legende. So ist dieses Grab lebendig und wächst in die Zeit. Und dieses Leben heißt: Unsterblichkeit. Erinnerung und Legende. Kaum mehr sehen wir den Menschen Theodor Herzl, den wir doch erst vor einem Jahrviert zu Grabe trugen. Ein großes Bild ist das Festeste, was uns geblieben, das Kostbarste, ein großer Mythos. Entwand sich doch schon zu Lebzeiten sein Menschliches den Menschen. Die ihn nie von Angesicht gesehen haben, die Hunderttausende sehnsüchtiger Träumer in armen Stuben, in weltfernen Ghettis, sie haben schon damals seine Gestalt, wie sie historisch werden sollte, instinktiv richtig erfaßt. Ob sie ihn nun mit messianisch-mystischen Attributen versahen, ob sie sich ihn dachten als den großen, schönen Juden, der den Schofar zur Sammlung der Verstreuten bläst, oder als den großen Unbekannten, der plötzlich zu seinen Brüdern niedersteigt sie nach dem Heiligen Lande zu führen; welch unerhörte oder seltsame Vorstellungen sie mit dem neuen Namen und dem neuen Menschen verbanden, von dem bestimmte und doch so merkwürdig- 5LS TODESTAG unbestimmte Kunde zu ihnen kam: Er war für sie der große Erwecker, der mit wunderbaren Kräften begabt, zu Königen und Fürsten zu reden vermochte; und vor dessen Willen die Hindernisse zurückwichen, zurückweichen mußten .... - Und auf das Maß des Wirklichen zurückgeführt, ist es auch das, was die Erinnerung der Zeitgenossen und der Späteren als Bild von Herzl bewahren wird. Nicht seine große staatsmännische, nicht seine große organisatorische Leistung, überhaupt nicht seine sichtbare Aktivität mit ihrem seltenen Rüstzeug an Begabung, auch nicht die menschlichen Schwächen seines Denkens und Tuns formen sein Bild, — es sei denn für den chronologischen Schilderer des Wirkens geschichtlicher Persönlichkeiten. Sein Bild ist: ein heroischer Wille, in dem das tiefste jüdische Sehnen und Bedürfen seiner Zeit, der Heimatdrang, sich mit elementarer Macht verdichtete, um sich mit elementarer Wucht zu entladen. Und eine Persönlichkeit, die mit faszinierendem Stolz und edler Schönheit diesen Willen nach außen trug, so daß sie, wie von selbst, über die andern zu stehen kam. Und das eben war das Neue und Blendende, dem die Legende auf dem Fuße folgte, jenes ihrem Träger selbstverständliche Freiheits- (ja beinähe Adels-) Gefühl, das mit einem festen Fußtritt tausend Vorurteile eines Helotengeschlechts und einer Barbarenzivilisation zertrat und darüber hinwegschritt — vornehm-bescheiden, selbstbewußt-schlicht. Und diese Ungewöhnlichkeit des Elementar-Einfachen war es, die eine auf das Verschrobene und Verwirrte eingerichtete Zeit mit Staunen, mit Bewunderung oder jähem Erschrecken erfüllte, und die sozusagen magisch wirkte, wenn sie als Einzelkraft und Einzelerscheinung vor der Masse auftrat oder als Beschreibung und Erzählung weit hinauszog in die jüdischen Hütten. Und das Große und Erstaunliche daran wurde zum Wunderbaren, und wurde zum Mythos, als die hohe Gestalt so schnell und so schön entschwand, wie sie gekommen war. ... * * Nur um wenige Menschen in der Geschichte, die derart mitten im Leben und unter den Leuten standen, hat sich die Legende so gerankt wie um Theodor Herzl. Auch er gehört zu den wenigen, den Barbarossas und Napoleons, die das Volk nicht gestorben sein lassen will. Aber bei ihm, wenn bei irgendeinem, ist auch das, wie man sagen möchte, Symbolische, das reichste Erbe, das er den Zukünftigen hinterlassen. Vereinte Tüchtigkeit und Einsicht können, ohne Schwachmütigkeit, im Vertrauen auf die eigene Kraft, den Bau fortsetzen, den er begonnen, — die Seelen aber,_ die nach dem großen Mute dürsten, brauchen das Ober- Alltägliche, die Extase dieses wirklichen jüdischen Künstlers, sagen wir es ruhig, das Wunderbare, das um Herzls Bild webt, um sich aus den Ghetto-Niederungen in die Freiheit und Weite zu erheben. Es muß rauschen über uns wie über dem Haupte des Meisters. Wer aber hört nicht, wie über allen die Fittiche seines Geistes rauschend schwirren, des uralten-ewigjungen jüdischen Freiheitsgeistes, dessen unsterblicher Träger Theodor Herzl war. ...

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