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Die Welt · 1908-07-10 · 27 (10.7.1908) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
27 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 27 DIElj <ter zionistischen Idee. Darum möchte ich als ersten Punkt der wirtschaftlichen Gegenwartsarbeit die Schaffung von Volksvorschußkassen aufstellen. Habe ich auf der einen Seite die Sorge für die Gegenwart als wichtigstes Erfordernis aufgestellt,'so gibt es auf der andern ein wichtiges Element, das mehr als im ersten Fall nur des guten Willens bedarf, um günstige "Erfolge zu zeitigen, das ist die Fürsorge für die Zukunft der Familie bei den Juden. Unter den Hunderttausenden von Juden sind nur wenige, welche der letzten Stunde ruhig ins Auge sehen können. Die Mehrzahl der Juden wagt es nicht, an ihr Ende zu denken. Da ist es unsere Pflicht, einzugreifen. Bei uns Juden kommen nicht jene Volkskrankheiten vor, welche das durchschnittliche Lebensalter des Menschen herabsetzen. Was resultiert nun daraus? Wenn der Jude für die Zukunft seiner Familie sorgen will, geht er in eine Versicherung und kauft sich ein. Die Tabellen dieser Versicherungen sind nun nicht nach den Sterblichkeitsverhältnissen der Juden berechnet, sondern nach den Sterblichkeitstabellen der Gesamtbevölkerung. Da nun wir Juden bloß 4,7 °/o der gesamten Bevölkerung bilden, zahlen wir bei jeder Versicherung um einige Prozente zu viel. Das bedeutet einen Verlust an Nationalvermögen, der in die Millionen geht Hätten wir eine eigene jüdische Volksversicherung, so könnten deren Spesen und Ausgaben leicht aus diesem Betrage gedeckt werden. Jüdische Versicherungen auf breitester Basis unter Heranziehung tüchtigster Fachleute bilden die wichtigste Förderung der jüdisch-materiellen Gegenwartsarbeit Und wenn dieser Plan zu weitgehend erscheint möchte ich darauf hinweisen, daß es eine Unterkategorie gibt, welche die Möglichkeit eines Wirkens nach dieser Richtung hin bietet ich;meine die Sterbekassen. Diese Institute haben sich in der Hetzten Zeit in Österreich sehr stark entwickelt und. sind größtenteils jüdisch, ohne sich so zu nennen. Ihre Führung ist verhältnismäßig keine schwere, und die Jüdischnationalen und Zionisten müßten sich dieses Gedankens bemächtigen, um wirtschaftliche Pfeiler aufzurichten, die ein festes Fundament für die Bewegung bilden. Bekannt und vielfach verlästert ist auch der Bildungsdrang der jüdischen Jugend, und das ist der Punkt, wo die Prager Gründung des Internates einsetzt. In Prag hat man sich nicht gesagt die Besuchszahl der jüdischen Kinder an den Mittelschulen ist zu stringieren, sondern man ging von der richtigen Ansichtaus, daß die zurzeit studierenden Kinder eine menschenwürdige und moralisch sichere Versorgung in der Großstadt finden müssen. Und wenn man das Internat gegründet hat und den jüdischen Studenten ein Heim bietet, so war man dabei von dem Gedanken beseelt, wir sind es müde, für Fremde zu schaffen und zu sorgen. Durch Schaffung solcher Internate, wie es das Prager ist wollen wir unsere Jugend im jüdischen Geiste erziehen und dem jüdischen Volke erhalten. Dies erscheint mir eine Reihe jener Wege zu sein, die angetan sind, dem Zionismus neue Kräfte zu geben und das Judentum zu fördern. Beides ist, wie ich glaube, identisch. Wer den Zionismus fördert fördert auch das Judentum und umgekehrt Darum bekennen wir uns zur Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes!" — (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Anschließend an das Referat des Abgeordneten Dozenten Mahler las der Schriftführer ein-Korreferat des Herrn Karl Resek (Prag) vor. Ausgehend vom Beschlüsse des IV. Kongresses führte Herr Reset die Notwendigkeit aus,, der jüdischen Masse neben den Idealen ein Gegenwartsprogramm zu geben, welches imstande ist auch fernerstehende, nüchtern denkende Juden mit dem Zionismus zu befreunden. „Welchen Wert Kleinbanken und Vorschußkassen haben, brauche ich nicht erst auseinanderzusetzen. "Ich möchte heute mehr auf Ein-und Verkaufsgenossenschaften aufmerksam, machen, und diesfalls habe ich Wien, Prag, Brünn usw. im Auge, wo diverse gleichartige Handwerker durch gemeinsamen Einkauf per Kassa die Erstehungskosten sehr reduzieren könnten und im Verkauf, durch gemeinsames Vorgehen die Regie verkleinern könnten. Ferner wurde schon auf. dem ersten Parteitage in Olmütz die Anlage .eines , Adreßbuches der Zionisten in Österreich angeregt Ich halte dessen- Durchführung für sehr leicht möglich und für einzelne Zionisten sogar von enormen wirtschaftlichem Werte. Der geschäftliche Verkehr zwischen den einzelnen" Städten ist sehr groß," und sehr häufig braucht man in der öder jenen Stadt Verkaufs- und Einkaufsagenten, Lieferanten oder Abnehmer; Advokaten, Spediteure, usw. Da würde ein solches. gELT 9 Adreßbuch sicherlich seinen Zweck erfüllen. Eine Institution habe ich auch im Auge, welche dem Nationalfonds große Einnahmen verschaffen könnte. Viele Tausende werden täglich für gegenseitige kaufmännische Informationen ausgegeben. Man könnte Blankette anfertigen lassen, ähnlich den Telegrammblanketten, welche an Kommissäre, Vereine und Einzelpersonen verteilt werden sollen. Die Vertrauensmänner müßten im Adreßbuch verzeichnet werden. Auf diesen Blanketten wären dann gegen Erlag von 60 h bis 1 K Auskünfte zu erteilen." Beide Referate fanden freundliche Aufnahme. Die Nachmittagssitzung wurde der „Palästina"-Debatte gewidmet. Referent Herr Ad. Böhm will fünf Punkte aus dem großen Umfang des Themas herausgreifen: die Kämpfe um die Palästinapolitik, die Prinzipien der Palästinaarbeit, die Organisation dieser Arbeit, die einzelnen Aktionen in Palästina und schließlich die Propaganda für Palästina. Als erstes konstatiert Redner, daß der VIII. Kongreß die Entscheidung gebracht habe. Der Zionismus müsse neben der politischen Tätigkeit praktische Arbeit für und in Palästina entfalten, als Voraussetzung für politische Erfolge, zur Hebung und Stärkung von Wirtschaft und Kultur der Juden in Palästina und zur Vorbereitung einer jüdischen Massensiedlung daselbst. Referent spricht über die Nachteile, die der Charterismus für unsere Bewegung gebracht habe, und betont besonders, daß dieser verhindert habe, daß das Interesse für Palästina in der Organisation ein genügend starkes wurde. Demgegenüber müsse jetzt mit allen Mitteln der „Palästinismus" in unsern Reihen befestigt werden. Redner rühmt die Verdienste, die sich Warburg in dieser Richtung erworben hat. Unzutreffend sei der Vorwurf, welcher am letzten Parteitag von den Poale-Zion gegen Herzl erhoben wurde, daß eine unrichtige Auffassung über das Wesen des Staates (als einer Rechtsgemeinschaft) ihn zum Charterismus gebracht habe. Die Erlangung eines Charters wäre eines der wichtigsten Momente dafür gewesen, Palästina zu einem Land niedern sozialen Druckes für die Juden zu machen. Referent betont daß die politische Arbeit auch heute sehr wichtig sei, was er näher begründet. Es ist daher sehr zu begrüßen, wenn die Forderung, die er schon am Wiener Distriktstag 1906 erhoben habe, eine Filiale der Bank in Konstantinopel zu begründen, jetzt verwirklicht werde. Dadurch wird eine ständige Vertretung unserer Interessen in der Hauptstadt der Türkei geschaffen. Ad 2 bezüglich der Prinzipien .unserer Palästinaarbeit betont Referent, daß zwei Dinge notwendig sind: die Förderung der heute schon vorhandenen jüdischen Siedlung in Palästina und die Vorbereitung für eine ins Werk zu setzende Massenkolonisation. Was die Hebung von Wirtschaft und Kultur der Juden in Palästina betrifft, so sei es Aufgabe der zionistischen Arbeit, Maßnahmen zu treffen, welche der Allgemeinheit und nicht nur dem einzelnen zugute kommen. Der wichtigste und ausschlaggebende Teil dieser Arbeit muß der Erziehung der Jugend gewidmet sein. Dehn wenn die jüdische Jugend in Palästina in nationalem Sinne erzogen wird, dann wird sie den wichtigsten Faktor zur Regenerierung Palästinas bilden; anderseits wird durch nationale Kulturarbeit in Palästina sehr bald ein kulturelles Zentrum für die Juden der ganzen Welt geschaffen und damit wenigstens eine der Aufgaben des Zionismus in absehbarer Zeit gelöst werden. Referent anerkennt die großartige Arbeit, welche der Hilfsverein der Deutschen Juden in bezug auf die nationale Erziehung der Juden in Palästina leistet, und verurteilt in scharfen Worten die Schulpolitik, welche die assimilatorischen Organisationen in Palästina führen. So erziehe die Alliance in Mikweh Israel jüdische Ackerbauer, um sie nach Kanada, Ägypten usw. zu exportieren. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß die jüdische Siedlung in Palästina heute noch viel zu klein ist um selbst bei nachhaltigster Förderung in jeder Richtung in absehbarer Zeit eine nennenswerte Bedeutung zu erlangen. Es ist daher notwendig, die Methode zu erproben, wie eine rasche Vermehrung der jüdischen Landwirte in Palästina als Grundlage für ein künftiges größeres Gemeinwesen erzielt werden könne. Dies habe schon Herzl erkannt, den man fälschlich einen Gegner der Palästinaarbeit nennt, und deshalb war er für die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft. Prof. Warburg, den man wirklich als den providentieüen Mann für unsere Palästinaarbeit ansehen könne, habe aus denselben Motiven die Palestine Land Development Co. gegründet Es ist klar, daß wir keine Wohltätigkeit treiben können, sondern eine Methode finden müssen, nach welcher die jüdischen Proletarier aus eigner Kraft zu Landbauern aufsteigen können. Redner bespricht ausführlich die Prinzipien der Development Co., welche, wie er glaubt mit jenen übereinstimmen, welche Oppenheimer aufgestellt habe. Er empfiehlt, unablässig für die P. L. D. C. zu werben. -

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