Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 27 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 DIE3§KELT No. 2r7propagiert — gewinnt in Galizien jeden Tag an Verbreitung. Es ist dies auch, eine eigenartige galizische Theorie, nach welcher die Juden unter den süßesten Sympathiekundgebungen der Polen materiell direkt ruiniert werden. Der Vizepräsident des Polenklubs und Führer der mächtigen Volkspartei der polnischen Bauern, Abg. Stapinski, hat erst neulich den Beweis geliefert, wie man reinen und wirksamen Asemitismus treiben kann. Er hielt im Polenklub eine flammende Rede gegen die Juden, in welcher er der Schlachta den Vorwurf machte, daß sie den Juden Vieh verkaufe, ihnen ihren Landbesitz pachte und Brennereien vermiete, und zum Schluß verlangte er noch, daß der Polenklub in keiner Weise die Bestrebungen der Schankwirte, die ja in ihrer überwiegenden Majorität Juden sind, unterstütze. „Ich nehme", — sagte er, „gar keine Rücksichten auf die Schankwirte, und ich werde selbst trachten, daß man ihnen bei der bevorstehenden Erteilung von Konzessionen Schwierigkeiten machen und sie chikanieren wird." So spricht der Vizepräsident des Polenklubs, und kein jüdischer Abgeordneter (es sitzen ihrer vier im Polenklub) hat den Mut gefunden, gegen die Ausführungen Stapinskis zu protestieren. Noch mehr! Der Polenklub hat die Resolution Stapinskis angenommen, welche den Klubmitglifcdern verbietet, in der Frage der galizischen Schankwirte, die jetzt sehr aktuell ist, überhaupt zu intervenieren. Und das, obgleich die jüdischen Schänker bis' nun die sichersten Stützen der polnischen Gewaltherrschaft waren und nicht wenige Mitglieder des Polenklubs ihnen ihre Abgeordnetenmandate verdanken! Dieser Stapinski gehört zum fortschrittlichen Flügel im Polenklub und hat nicht selten, letztens noch vor drei Monaten während der Landtagswahlen, den Juden versichert, daß er und seine ganze Partei immer für die Rechte der Juden eintreten werde. Zugleich aber verlangt der Polenklub, daß ihn die Juden unbedingt unterstützen sollen, und will sich den Zionisten gegenüber als Beschützer der materiellen Interessen der jüdischen Bevölkerung in Galizien betrachten. Die Misrachi-Organisation in Galizien Vor einigen Tagen fand in Kolomea eine Sitzung des Misrachibureaus für Galizien und Bukowina statt. Den Vorsitz führte Dr. Sin reich. Er referierte auch über das Programm der Misrachi-Organisation und forderte die Anwesenden zur eifrigen Unterstützung der Ziele der Misrachizionisten auf. Die Rede Dr. Sinreichs wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Sodann stattete Gg. Fadenhecht einen Bericht über die bisherige Tätigkeit des Bureaus ab. Er bemerkte, es sei interessant, daß der erste Misrachiverein, welcher sich auf Grund des Aufrufes des Bureaus gegründet hatte, sich in Haskoro (Bulgarien) befindet und daß er sich dem galizischen Bureau angeschlossen hat. In Galizien selbst befinden sich Misrachivereine in Tarnöw, Drohobycz, Koszöw, Zabrzce, Komarno und Tarnopol (2 Vereine). In mehreren Städten hat das Bureau seine Vertrauensmänner, und einige Vereine hatten der Sitzung Vertrauenskundgebungen eingesendet. Eine mündliche und schriftliche Agitation soll jetzt entwickelt werden. Der Ausschuß nahm diesen Bericht mit Zufriedenheit zur Kenntnis und beschloß auf Antrag Gg. Brandis dem Gg. Fadenhecht für seine Arbeit Dank auszusprechen. Zugleich wurde auch beschlossen, eine Konferenz der Misrachi-Vereine in Galizien und Bukowina nach Stryj einzuberufen. Der Tag dieser Konferenz wird später bestimmt werden. Auf Antrag Gg. Landaus ist die offizielle Sprache der Misrachi-Organisation die hebräische. Das Bureau fordert nun alle Misrachi-Vereine zur regen Agitationsarbeit auf. Insbesondere entwickelt Gg. Dr. Sinreich eine eifrige Propaganda für die Misrachi-Organisation. Wieder ein Kinderraub in Galizien Einige Blätter melden: „Das Verbrechen des Kinderraubes, begangen gegen jüdische Eltern, grassiert in Galizien in erschreckender Weise. Die öffentlichen Blätter melden einen traurigen Fall, der sich vor einigen Tagen in der Nacht vom 12. auf den 13. v. M. in dem Dorfe Czarna ereignet hat. Da ist plötzlich die 15 jährige Tochter des Schänkers Hirsch Gerstner verschwunden. Allgemein bezeichnete man den Gendarmerie-Postenführer Michael Sabol als denjenigen, der "das Mädchen in ein Kloster entführt hat. Und tatsächlich wurde auch festgestellt, daß sich das Mädchen im Kloster von Mogilany bei Krakau aufhalte. Von hier wurde es wieder in das Krakauer Kloster der Felicianerinnen überführt. Dort befindet es sich noch, obgleich bereits die Eltern die Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet haben." Es ist charakteristisch, daß gerade das Krakauer Kloster der Felicianerinnen fast immer die Zufluchtsstätte aller entführten jüdischen Kinder ist und die Regierung sich niemals entschließen kann, diesem schreienden Unrechte ein Ende zu bereiten. Spezialbericht über den Ersten Westösterreichischen Zionistentag in Brünn . . (Schluß) Zum Punkt „Wirtschaftliche Gegenwartsarbeit" referierte am Vormittag des zweiten Tages Herr Abg. Dr. Mahler. Rednör führte aus: Die große Masse der Juden lebt in so mißlichen Verhältnissen, daß sie nur dann am_Zionismus festzuhalten vermag, wenn er ihr ein auch nur kleines Äquivalent bietet oder, um deutlicher zu sein, der Zionismus wird erst dann auf einer gesunden, unverrückbaren Basis stehen, wenn er neben seinem idealen auch einen materiellen Halt zu schaffen vermag. Und wer dies bloß für theoretische Doktrin halten würde, wer die ideale Kraft unseres Volkes so hoch einschätzt, daß er glaubt, der Jude bedürfe dessen nicht, den verweise ich auf die Sozialdemokraten, welche nur durch* die Schaffung von Gewerk- und Genossenschaften groß geworden sind. Es liegt mir fern zu denken, daßwir innerhalb unseres Volkes eine derartige Genossenschaftsbewegung inszenieren können. Dazu sind die wirtschaftlichen Verhältnisse sowohl in ihrer Klassenschichtung als auch in ihrer Beziehung auf Lebensumstände und Lebensordnung viel zu differenziert. Theoretisch ist sie allerdings denkbar, und es ist nicht ungewiß, ob man nicht auf einzelnen Gebieten Schritte nach vorwärts machen könnte. Denken Sie nur an das Elend der jüdischen Ärzte. Durch administrative Maßnahmen ist der Jude von allen öffentlichen ärztlichen Stellen so ziemlich ganz ausgeschlossen. Wennes nun möglich wäre, eine Organisation jüdischer Ärzte auf jüdischnationaler Basis unter Patronanz des Zionismus zur Wahrung der Standesinteressen durchzuführen, wenn die Ärzte sehen würden, daß sie durch Anschluß an die Organisation wirklich einen Rückhalt finden, so würde auch durch ihren Beitritt der Zionismus gewaltig gefördert werden. ,Doch wenn das in das Gebiet der Experimente gehört, so haben wir auf der andern Seite eine ganze Reihe von Erscheinungen, die der Zionismus gezeitigt hat und die beweisen, daß in unserer Bewegung Keime gelegen sind, die fruchtbar und triebfähig erscheinen. Ich meine damit jene Versuche, die zum Teile in Böhmen ihren Ausgang genommen haben. Eines der schwierigsten und traurigsten Probleme der jüdischen Masse besteht im Kreditmangel. Durch die barbarische Legislatur ist der größte Teil des jüdischen Volkes auf den kaufmännischen Beruf gedrängt worden. Diese große Masse führt einen geradezu nervenzerstörenden Kampf um das Dasein; und diesen Kampf vermag der Jude nur dann erfolgreich zu führen, wenn man ihm die Möglichkeit gibt, ein Äquivalent in die Wagschale zu legen, und das ist die Kreditmöglichkeit. Bei uns in Österreich liegt das Kreditgeschäft in der Hand der iGr'oß- und Mittelbahk. Für diese rentiert sich das kleine Geschäft nicht. Die Konsequenz davon ist in vielen Fällen der materielle Ruin des kleinen Mannes, denn der große Lieferant befolgt dasselbe Prinzip wie die große Bank, da er mit derselben liiert ist. Im Osten kommt noch der Wucher dazu. Für den nichtjüdischen Kaufmann hat das keine Geltung, weil die Nichtjuden, sowohl Deutsche als auch Tschechen, die Gefahren und Schwierigkeiten des Kreditmangels erkannt und darum Nationale Kreditinstitute geschaffen haben, die „Zälozna's" und die „Spar- und Vorschuß7 kassen", in denen gewaltige Kapitalien investiert sind. Also nur auf dem Wege der Grüdung von Vorschußvereinen und Hilfskassen wird es möglich sein, auch jene Elemente zur zionistischen Arbeit heranzuziehen, die uns heute fremd gegenüberstehen. Der Jude wird sehen, daß die Wiedergeburt des Volkes die geistigen und wirtschaftlichen Kräfte in gleicher Weise stützt und wird uns gehören mit Haut und Haaren. Daß wir damit keine Utopie predigen; dafür haben v/ir ein glänzendes Beispiel in der Volksvorschußkassa in Prag. Die Volksvorschußkassa in Prag ist mit einem Hauskapital von 20 fl. gegründet worden und hat seit ihrem Bestände Hunderte von Existenzen gerettet. Sie gehört zu den höchsten Errungenschaften