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Die Welt · 1908-07-10 · 27 (10.7.1908) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
27 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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^^^^^jS^^^VS^^^sp^-^T- *?V^> ^^^[S^^ry^^ No. 27 Abg. Dr. Mahler entwickelte ein Wirtschaftsprogramm, das sehr beachtenswert ist Es wäre, wenn durchgeführt, geeignet, die Massen der jüdischen Kleinbürger an die zionistische Organisation und Partei zu" fesseln. Sollen aber die Zionisten Westösterreichs in-der außerparlamentarischen wirtschaftlichen Aktion stehen bleiben, sollen sie von vornherein darauf verzichten, den Schutz der Regierung und des Parlaments für den bedrohten Mittelstand anzurufen? Abg. Dr. Mahler plädierte unter Zustimmung des Parteitages für Volksversicherung und billigen Kredit. Das gehört in den Wirkungskreis der westösterreichischen zionistischen Organisation. Sollen es aber die Zionisten ablehnen, bei der Durchführung der staatlichen Altersversicherung und ähnlicher wirtschaftlicher Maßnahmen ihren Einfluß geltend zu machen? Es gibt heutzutage keinen Stand, der auf den Schutz der Regierung derart angewiesen wäre wie der Mittelstand. Er gehört zu den durchaus protektionistisch gestimmten Klassen. Ist eine planmäßige, zielbewußte wirtschaftliche Agitation nur auf außerparlamentarischem Wege fruchtbar, ist sie von der in Mißkredit geratenen „Politik" zu trennen? Für eine proletarische Partei wäre das ein Problem, für eine Mittelstandspartei wie die zionistische kann meines Erachtens die Antwort nicht zweifelhaft sein. Ob die Trennung zwischen zionistischer Landesorganisation und politischer Partei formell besteht oder nicht,' ist so ziemlich gleichgültig. Der'Brünner Parteitag hat die „Politik" abgelehnt Er hat sie in Form „wirtschaftlicher Gegenwartsarbeit" inauguriert Ein scheinbarer Widerspruch, einer eingehenden psychologischen Analyse wert. Der Zufall wollte es, daß fast gleichzeitig die Position der Antipolitiker durch die Abstimmung über die Resolution Schmid eine bedeutende Schwächung erlitt Es ist ja kein Geheimnis, daß die Gegner der politischen Betätigung sich aus den Reihen der Gegner des -§ 2 des Bielitzer Organisationsstatuts rekrutieren, die das Verbot der Angehörigkeit zu fremdnationalen Vereinen aufgehoben wissen wollten. In erster Reihe dachte man dabei an den Deutschen Schulverein, dem anzugehören, nach der Meinung der Gruppe des Herrn Dr. Emil Marguli es, ein Gebot der ökonomischen Notwendigkeit wäre. Nun haben Ehrenpräsidenten und Ehrenmitglieder dieses Vereins im Abgeordnetenhause für die Resolution Schmid gestimmt Werden es Juden, die tief in die Tasche griffen, als es galt die Vormachtstellung der Deutschen in Österreich zu erhalten, werden es gar Zionisten mit ihrer Würde und ihrem Ehrgefühl vereinbaren können, im Deutschen Schulverein, dessen Vorstandsmitglieder für die jüdische Prozentnorm stimmten, zu verbleiben! Schon erschallt der Kampfruf: „Juden, tretet aus dem Deutschen Schulverein aus!" Die Zionisten werden zweifelsohne die ersten sein, diesem Rufe Folge zu leisten. So wird die Zugehörigkeit zu fremdnationalen Vereinen, infolge ihrer offenkundigen antisemitischen Tendenzen, aus der Welt gescharrt Der Widerstand gegen die „Politik" eines Teiles der westösterreichischen Zionisten wird aufgegeben werden. Ähnlich wird es den Beschlüssen des Parteitages auf organisatorischem Gebiete ergehen. Ich gehörte nie zu den Anhängern der Autonomie der Distrikte. Ich wage die Behauptung, daß das Prager Organisationsstatut dem Zionismus in Österreich schwere Wunden geschlagen hat Es ist auch vom Leben über den Haufen geworfen. Distriktskomitees können nur Agitationsbehelfe sein, soll die Schlagfertigkeit der Gesamtorganisation nicht gelähmt werden. Wo eine Anspornung der Arbeitskräfte notwendig erscheint, behält stets der Zentralismus die Oberhand. Die Wahlkampagne hat dem Distriktsföderalismus in Galizien ein Ende gemacht Der Nationalfonds verdanktseine Erfolge in Österreich der Ausschaltnng jeder unnützen Differentiation. Diesen Weg wird auch Westösterreich gehen. Wo keine Differenzen der Gesinnung, des 'Milieus und der Arbeitsmethoden vorhanden, ist eine Übertragung der österreichischen Kronländerautonomie auf zionistische Verhältnisse auf die Dauer unhaltbar. — Der Parteitag hat die Aufhebung der Distriktsautonomie DIE^ELT : verworfen. Ein energisches, arbeitsfähiges und starkes Zentralkomitee wird es verstehen, die D.-K.'s zu seinen Organen und Vasallen zu machen. So glauben wir, daß der Brünner Parteitag zu den bedeutendsten Konferenzen der österreichischen Zionisten gezählt werden kann. Er hat seine Vereinigungsaufgabe erfüllt und den Weg zur vollständigen Verschmelzung mit der zionistischen Landesorganisation Galiziens angetreten. Austriacus Brief aus Galizien (Von unserm Berichterstatter) Juden und Polen Anläßlich der letzten Abstimmung über die judenfeindliche Resolution des Abg. Schmid im österreichischen Parlamente, während welcher der Polenklub, wie bekannt, sich gegen die Resolution aussprach, wollte die polnische Presse in Galizien den Schein hervorrufen, als ob die polnischen Abgeordneten aus Liebe zum bedrängten Judentume sich den Gelüsten der christlich-sozialen Antisemiten widersetzten. Das Lemberger Organ der Nationaldemokraten „Slowo polskie" brachte auch in diesem Sinne einen charakteristischen Artikel seines Wiener Korrespondenten, in welchem verlangt wird, daß zum Dank für das loyale Vorgehen der Polen den Juden gegenüber die Zionisten ihre „separatistische" Agitation im Lande einstellen und insbesondere die zionistischen Abgeordneten in den Polenklub eintreten sollten. Anderseits drohte aber das obenerwähnte Blatt, daß auch der Polenklub gegen die Juden energisch würde auftreten müssen, wenn sie aufs weitere dem Zionismus huldigten. — Zum Glück ist aber jetzt in Galizien niemand so naiv, zu glauben, daß der Polenklub gegen die Resolution Schmid stimmte, weil es sich ihm wirklich um die Wahrung der jüdischen Interessen handelte. Er tat es, durch die politische Macht der Juden im Lande und insbesondere in Ostgalizien direkt gezwungen. Oberall in den Städten sind die politischen Parteien von den jüdischen Stimmen abhängig, und dieser Umstand bewirkte auch, daß sogar die Nationaldemokraten, die in den ersten Jahren ihrer politischen Agitation antisemitische Tendenzen zeigten, sich gezwungen sahen, vvon einer wenigstens offenen antisemitischen Politik abzusehen, um nicht gänzlich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Insbesondere aber stützt sich die ganze Bedeutung der Polen im gänzlich ruthenischen Ostgalizien auf den Juden. Hier lodert jetzt der nationale Kampf mit starker Wut, und sollten die Juden die Polen verlassen, dann würden sie nur eine winzige Anzahl von Beamten in den ostgalizischen Städten und etliche Tausend polnische Bauern in den Dörfern aufweisen. So aber weisen sie in ihrer „offiziellen" Statistik l1/* Million „Polen" in Ostgalizien auf und verteidigen damit ihre Herrschaft in rein ruthenischen Bezirken. Es ist übrigens unrichtig, daß der ganze Polenklub gegen die Resolution Schmid stimmte. Viele polnische Abgeordnete verließen vor der Abstimmung den Saal und eine ganze Fraktion im Polenklub, das sogenannte „Zentrum", das aus Geistlichen und Klerikalen besteht absentierte sich, mit Ausnahme zweier Mitglieder. Interessant war überhaupt die Tatsache, daß sich Abgeordnete aus dem flachen Lande, also die bäuerliche Volkspartei und das Zentrum, reichlich der Abstimmung enthielten, während die städtischen Abgeordneten sich vollzählig einfanden. War es nur Furcht vor den jüdischen Wählern? Wie es aber auch sein mag, Liebe zu den Juden oder Beachtung der konstitutionellen Grundgesetze aller österreichischer Bürger — war es sicherlich nicht Denn mit Recht wies man darauf hin, daß die Polen eigentlich gar keine Ausnahmegesetze für die Juden brauchen. Die polnischen Beamten handhaben nämlich die jetzt geltenden Gesetze mit solcher Geschicktheit daß schon heute die Juden zwar „auf dem Papier" gleichberechtigt aber faktisch in einem Ausnahmezustande leben. So sind z. B. mehrere Fälle in Galizien bekannt daß polnische Gymnasialdirektoren jüdischen Schülern die Aufnahme in ihre Gymnasien verweigerten, weil sie keine „jüdischen Anstalten" haben wollten. Vor nicht langer Zeit erklärte ein Gymnasialdirektor in Lemberg, Tornaszewski, daß er sein Gymnasium nicht „judaisieren" will und ließ mehrere jüdische Schüler in seine Anstalt nicht zu. Derselbe Tornaszewski ist aber jetzt Abgeordneter, sitzt selbstverständlich im Polenklub und stimmte gegen die Resolution Schmid. Brauchen also die Polen erst ein Ausnahmegesetz für die Juden? Ökonomischer Boykott der Juden Der Asemitisnius, der die Juden zwar in gesetzlicher Form als gleichberechtigt anerkannt haben will, gleichzeitig aber einen gänzlichen ökonomischen und gesellschaftlichen Boykott der Juden 2*

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