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Die Welt · 1908-07-03 · 26 (3.7.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
26 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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markig, so heilig und so frevelvoll, so übermenschlich und so menschlich, so prunkvoll und so jammerreich, so kampfesblutig und friedensähnehd. Wer mag es noch einmal heraufbeschwören, das schmetternde Eroberertüm, den Prunk der zwei Reiche und das fürchterliche Tödesringen. Und Jerusalem ist wie das versteinerte Herz dieser Geschichte. Dann sehen wir Schutt auf Schutt sinken mit der Geschwindigkeit des steinhöhlenden Tropfens. Und manche Mauerschichten, die einst hoch aufragten, sind jetzt von der Erde bedeckt. Dann folgt die Epoche des^'Golus, wieder in vielen Schichten und Gestalten, das Golus in Jerusalem,- das Jerusalem der jüdischen Tochterreligionen und des zersplitterten und gesunkenen Judentums. Ferne von der schleppenden Geschichte der Golusländer lebt hier ein kleines Häuflein des „Restes", von Zeit zu Zeit den Anfällen wütender Völkerhorden preisgegeben. Römer, Perser, Mongolen, Christen, Ägypter und Türken verwüsten oder beherrschen das Land. Mehr als . einmal ist ganz Jerusalem den Juden eine verbotene Stätte. An dem kolossalen Tempelplatz vergeudet der Islam Gold- und Marmorprächte, und der Okzident verpflanzt mit Eisen und Blut sein verzerrtes Jerusalem hierher. Und dem Judenvolke der ganzen Welt bleibt es fast nur der mystische Mittelpunkt seines Gebetes, nach dem Jehuda Halevy seine Seele aushaucht, den kabbalistische Schwärmer aufsuchen. Nur langsam sammeln sich Gemeinden aus der ganzen Welt, in großer Zahl nach der Vertreibung aus Spanien, da hier wie in irgend einem Punkt des Orients Zuflucht und mehr Sicherheit zu finden ist. Bis sich Juden aus Preußen« und aus dem Kaukasus, aus Arabien, Marokko und aus Rußland, Juden, die vierzehn Sprachen sprechen, hier zusammenfindend Und das ist das . zweite Jerusalem. Von jener Seite gesehen, das •Stelldichein aller Konfessionen und Mächte, die hier ihre Kirchen oder Missionen gründen, ohne Harmonie oder Disharmonie nebeneinander leben, nur um 1 das heilige Grab herum sich blutig streitend. Und in den wenige Schritte breiten, licht- und luftleeren Winkelgassen währt durch Generationen und Jahrhunderte der „Jeruschalmi", der typische Jude von Jerusalem, Ein Stück von ihm ist noch wie der Stein der alten Mauer das verkörperte Judenelend an der Stelle des Judenglanzes, ein Häuflein Asche einer längst erloschenen Flamme. Noch ist eine uralte nationaleTrauerinihm gleichsam Fleisch geworden, während seine Messiashoffnung noch ganz sinnlich lebendig ist, an diesem und diesem Orte haftet und er jede Stunde der leibhaftigen Erlösung gewärtig ist. Das ist der ganze Edelirihalt dieses Lebens. Ihm gilt das Beten, Lernen, Hungern. Und die Kinder werden in dieser Sphäre schon als Greise geboren. . Und die: heilige Stadt wird auch zum Mittelpunkt derer, die von der Frömmigkeit leben,, nicht nur der echten Pilger,; die im Staube dieser Erde ruhen wollen, sondern auch der „Pilger" nach den Golusländern, die das mystische Volksgefühl der ganzen Welt in fromme Spenden umsetzen. Und die Chalukkah wird die spezifisch palästinensische Organisation, die wirtschaftliche Basis des, Lebens, eines Lebens gerade an den Grenzen menschlichen Elends undmenschlichen Schmutzes. Dann wird Jerusalem die Stadt der Philanthropie, jener Philanthropie, die mit leisen Schritten kömmt, zitternd vor der Fülle des Elends, dem sie und gerade sie nicht gewachsen sein kann. Denn alle Philanthropie ist schwach gegenüber dem großen Problem, die Gesundheit des Lebens zu erhalten oder gar zu schaffen. Aber Krankenhäuser, Versorgungsinstitute, Wohltätigkeitsinstitute jeder Art können doch hier ihre Heimat "finden. Man kann dazu noch die Schulen rechnen, denn in dieser Epoche gehören auch sie fast noch in dieselbe Kategorie. Garn su letobah! Aber wir suchen die Spuren des dritten Jerusalem. Nicht mit den bekannten „teilnahmslosen" Augen des Untersuchers, sondern mit den Fühlfäden des Lebens. Wir fragen das heutige nach dem künftigen Jerusalem. Ja, es gibt ein „gegenwärtiges" Jerusalem, eine halbeuropäische Stadt mit modernen Straßen, -Licht, Karossen und Zinshäusern. Das ist jetzt im Oriente nichts Wunderbares, nur an diesen Stellen auf den ersten Blick etwas seltsam anmutend. Eine ganz neue Stadt haben sie hingebaut, mehr als eine halbe Stunde lang gestreckt, außerhalb des Jaffatores. Und Kirchen und Prachtplätze und moderne Gebäude haben sie so gehäuft, daß man das jüdische Jerusalem, die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung, gar nicht merkt. Dennoch soll seit fünfundzwanzig Jahren deren Zahl auf das Dreifache gestiegen sein. Sollen wir es den Anfang einer neuen Zeit nennen, wenn sie in Jerusalem mehr als zwanzig jüdische Kolonien bauten, noch immer zum Teile auf der alten Chalukkahbasis, aber doch in einer reineren, freundlicheren Umgebung. Einige dieser Kolonien — z. B. die der Bucharer oder Sichron Moscheh — machen sogar äußerlich einen recht netten Eindruck. Langsam, langsam entwindet sich ein Teil selbst der einheimischen Bevölkerung der stickenden Atmosphäre. Langsam wächst ein bürgerliches, ein proletarisches Element heran, wenn auch großenteils aus neuen Einwanderern bestehend und nicht ohne Schritt für Schritt an den bösen Geist der nächsten Umgebung zustoßen, wenn nicht an das Chalukkahjudentum, so an einen gewissen, noch gefährlicheren Übergangstyp, der modern oder. konservativ oder beides zugleich ist, je nachdem es gewisse In-, teressen erfordern. Und der Verjüngungshauch, der durch Palästina geht, hat denn doch auch die Stadt der Ruinen und eines halben Modernismus erreicht. Hier hat Ben-Jehudah— wieviel auch an seiner „Haschkafah" zu kritisieren ist — doch den Keim unserer neuen Sprache in Palästina gepflanzt, — und in Jerusalem findet ihr Wiederaufleben vielleicht natürlichere Anknüpfungspunkte als irgend anderswo, hier wo die hebräische Spräche immer die Einheit der in vierzehn Sprachen zersplitterten jüdischen Gemeinden bildete. Erst in den letzten Jahren haben einzelne wenige Menschen eine stets wachsende nationale Einwanderung nach sich gezogen, die das gärende Element -der Gesellschaft bildet. Hier haben sie in die Schulen ganz unmerklich, oft wider deren Tendenz hebräische Sprache und nationalen Geist einzupflanzen begonnen, was besonders von Seminar, . Lämelschule und den Kindergärten des Hilfsvereins gilt. Und hier in der Stadt des unermeßlichen Elends7 und der großen Traditionen ward der „Bezalel" gegründet, die Schule der freien Kunst und des stilvollen Kunstgewerbes, der Mittelpunkt traditionslosen Schaffens. Fern den Bedrängnissen des Tages, hat er doch

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