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Die Welt · 1908-07-03 · 26 (3.7.1908) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
26 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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^g^gwie^^^^ No-26 ■ DIETOELT - Als erster Name wird, der des galizischeu Landsmannministers R. v. Abrahamowicz aufgerufen. Da der Minister fehlt, ruft Abg. Dr. Straucher: „Wo sind denn die Minister? Sie haben die Staatsgrundgesetze beschworen?" Die. Frage war wohl berechtigt Denn alle parlamentarischen Minister hatten sich der Abstimmung enthalten und waren abwesend. Dies ist noch einigermaßen erklärlich, insofern es sich . um die christlichsozialen Minister handelt, die mit ihrer Fraktion : nicht in Widerspruch geraten wollten. Warum hielten es aber die ministeriellen Vertrauensmänner der „freiheitlichen" deutschen Par-' teien, der Czeehen und des Polenklubs, für gut, keine Farbe .zu. bekennen? Für die Resolution stimmten die Christlichsozialen, die Deutschradikalen, die Deutschnationalen (mit Ausnahme des Abg. Bendel) und die klerikalen Slovenen, Tschechen, Italiener und-Südslawen. Es stimmten also für die Einführung einer Prozentnorm für jüdische •Mittelschüler fast alle deutschen Parteien und die Klerikalen aller Nationen. Gegen den Antrag stimmten außer dem Jüdischen Klub die Sozialdemokraten, das Häuflein der Deutschfortschrittlichen, . die Ruthenen, die Jungtschechen, Realisten, die Tschechischradikalen und der Polenklub. Die Resolution wurde, mit 205 gegen 162 Stimmen abgelehnt Die Verkündigung des Abstimmungsergebnisses wurde mit Beifall begrüßt Die Christlichsozialen erwiderten mit' ironischem Beifall. Abg. Prochazka ruft: „Es wird schon besser werden!" Der Deutschradikale E. v. Stransky schleudert den Abstinenten grimmig ins Gesicht: „An Mut_hafs gefehlt!" Es gab während der namentlichen. Abstimmung Überraschungen auf beiden Seiten. Herr v. Ouciul, der Führer der Bukowinaer Rumänen besiegelte seinen von den vielen Reisen des Ministers Geßmann herrührenden Bund mit den Christlichsozialen. So stimmte der „liberale" Rumäne nach vaterländischem Vorbild für Schmid. Dagegen entstand eine Bewegung des Staunens unter den .Christlichsozialen, als der Radikale Tscheche Abg. Baxa, der sich beim Hilsner-Prozeß so antisemitisch hervorgetan, unter den Gegnern der Resolution Schmid erschien. <- Sollte die Abstimmung über die Resolution Schmid eine polternde Machtprobe der Christlichsozialen sein, sollte der Beweis geliefert werden, daß, um mit dem'„edlen" Stransky zu sprechen, „die Majorität des Hauses, Gott sei Dank, antisemitisch" sei, so ist die Kraftprobe kläglich gescheitert. Es hat sich gezeigt was wir schon nicht einmal hervorgehoben, daß es den Völkern Österreichs nicht gleichgültig sein kann, ob sie in dem bevorstehenden letzten Kampfe um ihre Gleichwertigkeit und Vollberechtigung im Staate Österreich die Juden und das jüdische'Volk auf ihrer Seite haben werden oder auf der ihrer Widersacher. Und diese Machtfrage ist es, die bewirkte; daß Parteien, die vom giftigsten Antisemitismus durchdrungen sind, wie der Polenklub und manche andere slawische Partei, gegen eine Verletzung der bürgerlichen Rechte der Juden -Stellung genommen' haben. Festzuhalten ist jedenfalls, daß die slawischen Parteien gegen die Resolution Schmid den Ausschlag gegeben haben. Manche Zeitungen brachten die Meldung,, daß der Jüdische Klub aus diesem Grunde in der darauffolgenden Abstimmung über die Errichtung einer deutschen Kunstakademie in Prag (Resolution Wolf) gegen die Deutschen stimmte. Wie wir erfuhren, stimmt diese Behauptung nur in bezug auf die Abgeordneten Stand und Dr. Gabel; die Abgeordneten Dr. Straucher und Dr. Mahler stimmten für den Antrag. Natürlich liegt es dem Jüdischen Klub vollständig fern, gegen ein Kunstinstitut aufzutreten. Wenn ein Teil des Klubs dieses tat so nur aus dem Grunde, um nicht gegen die Slawen zu demonstrieren, die dem Rechte zum Siege verhalfen. Bescheidenheit oder Beschränktheit? Während der sozialdemokratische Parlamentsverband die Resolution Schmid ernstnimmt finden sie die jüdischen Redakteure der „Arbeiter-Zeitung^* für kaum der Rede wert In der Wiener „Arbeiter-Zeitung" vom 24. Juni reißt ein geistreichelrider journalistischer Schirock selbstgefällig folgende Witze: Wie bescheiden! Gott sei Dank, das Parlament hat eine antisemitische Majorität! rief einmal der putzige Herr v. Stransky (der Arier). Aber als man ihm zumutete, daß seine engsten Freunde den Beschluß gefaßt hätten, bei Juden nichts zu bestellen, da rief er noch schmetternder: „Das ist eine jüdische Lüge!" So ist er, der radikalnationale Tatenmensch! Und so ist die ganze antisemitische Majorität des Hauses.. Durch und durch judenfeindlich, aber ganz glückselig, wenn einmal irgend ein Redlich ein pfiffig berechnetes Wort der Anerkennung-fallen läßt Nun endlich haben sie sich aufgerafft, die radikalen Judenfresser, nun endlich wird die antisemitische Majorität eine Tat tun, nun endlich soll Juda zittern. Zwar Herr v. Taussig, de Mächtigste im auserwählten Volke, ist nicht eingeschüchtert nicht ängstlich, im-Gegenteil. Trotzdem Herr v. taussig jetzt der Bankier der Christlichsozialeri ist haben sie, im Bunde mit den Deutschradikalen und einigen anderen grimmen Feinden des Semitismus, eine energische Aktion ersonnen. Der Mittelschullehrer Schmid ist.;der Führer. Dem Judentum soll im Parlament eine Todeswunde versetzt werden. Irgend ein. Finanzgesetz? Ein Börsengesetz? Eine Änderung der Staatsgrundgesetze? Ausnahmegesetze für die Judenschaft? Schneiders Schußgeld „gesetzlich paragraphiert"?... Ach nein, die erste, entschiedenste und radikalste Aktion der antisemitischen Parlamentsmajorität beschränkt sich auf das Ersuchen, daß . durch eine amtliche Statistik die Prozentziffer der jüdischen und christlichen Mittel-, vielleicht auch Hochschüler festgestellt werde." Das ist alles. Wären die Juden im Abgeordnetenhause besonnen und verständig, so müßten sie ohne das leiseste Protestwort bei der bescheidenen, harmlosen Aktion mit dabei sein. Was kann denn herauskommen? Daß die Juden ihre Kinder gern was lernen lassen, daß selbst arme jüdische Eltern (unter Aufopferung gemeinerer Genüsse) für die Erziehung und damit für das Aufwärtssteigen ihrer Söhne besorgt sind! Das soll amtlich-statistisch festgestellt werden? Den Juden wird die Feststellung nicht zur Unehre gereichen. Also läuft die erste und einzige Aktion der antisemitischen Majorität darauf hinaus, die statistischen Grundlagen für ein ausgesuchtes Kompliment an die Juden, herbeizuschaffen! Na ja, das nennt man: antisemitische Praxis." Zunächst hat Schmock die Resolution Schmid nicht einmal gelesen. "Sonst könnte er nicht behaupten, daß sie sich auf das Ersuchen beschränkt die Prozentziffer der jüdischen Mittelschüler festzustellen. Sie spricht unverhüllt den Grundsatz aus,: daß die Zahl der jüdischen zu der der arischen Schüler mit der Bevölkerungsziffer in Einklang zu bringen sei. Das' ist das russische System, ja noch weitergehend. Dann, was soll denn die ganze selbstzufriedene Esprit-Heuchelei bedeuten? Die Antisemiten werden verhöhnt offenbar ob ihrer Energielosigkeit Die „antisemitische Praxis" ist Schmock zu schwächlich. Er-hat sich die Sache anders, gründlicher, umstürzlerischer, revolutionärer vorgestellt, er, der Sozialrevolutionäre Assimilant! Es handelt sich nicht um ein Staatsgrundgesetz,— es-handelt sich zwar just darum, — nicht um ein Ausnahmegesetz, nicht um ein Börsengesetz — für Schmock sind alle Juden Österreichs bekanntlich Börsenjobber und Bankdirektoren, — nicht einmal um Schußgeld für niedergeknallte Juden; Ah! da sind dochdie Antisemiten Pfuscher und Stümper. Und. Schmock setzt sich freudestrahlend hin, er hat einen guten Tag, er kann seinen Lesern beweisen, daß. die Christlichsozialen auch inv Antisemitismus Waschlappen sind. Er könnte sie auch -'ui Semilophobie übertrumpfen. - Was soll diese Hetze von Sozialassimilanten, deren Zweck, wenn sie irgendeinen Sinn hat, nur sein kann, die Antisemiten zu energischerem Auftreten zu zwingen. Und gibt es denn unter den deutschen Redakteuren der „Arbeiterzeitung" keinen vernünftigen Sozialdemokraten, der seine jüdischen Kollegen auf den Widersinn ihrer systematischen Hätz aufmerksam macht? Russischer Brief (Von unserem Berichterstatter) Rosige Hoffnungen des Herrn Nisselowitz In der Nr. 21 des „Razswjet" erschien ein Brief des Herrn Nisselowitz, des Deputierten in der dritten Duma, in welchem er als Antwort auf einen Artikel dieser Zeitschrift das Projekt des Einbringens der Frage - der jüdischen Gleichberechtigung in die Duma einer scharfen Kritik unterzieht Dieser Brief, der von einem großen Optimismus seines Verfassers zeugt enthält viele faktische Bemerkungen, die verdienen, angeführt zu werden. Herr Nisselowitz schreibt , unter anderm: „Ich. bin fest überzeugt, -daß eine überwiegende Mehrheit der Dumamitglieder (das bedeutet nicht die leitende Mehrheit der Oktobristen) sich auch im gegenwärtigen Momente zweifelsohne mit großer Sympathie zu den breiten jüdischen Massen verhält. Diese Oberzeugung, gewann ich auf Grund der Tatsache, daß die nichtoppositionellen Deputierten, von der Rechten bis zu den Oktobristen, sich sehr oft an mich mit der Bitte gewandt haben, ihnen l?atschläge zu erteilen, auf welche Weise sie sich betätigen könnten, um von der Regierung eine Besserung der Lage der Juden r zu erlangen.

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