Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* ' -'■>"- "tr-t 4 - DIE^ Nichts ist gefährlicher als Selbsttäuschung. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität hat sich noch in der heutigen Judenschaft der Diaspora nicht durchgeschlagen . . . Aber ein großes Heer Einsichtiger, die in sich schon die Organe der ersehnten Zukunft tragen, zerstreut .über alle Teile der Erde, ist als Vorposten der herannahenden Zeit kämpfend Und schaffend erschienen. Die vollkommenste Form des nationalen Gedankens, der Zionismus, sickert durch die ganze' Judenheit. Trotz innerer Reibungen und Schwierigkeiten ist bereits eine unzerreißbare Kette von Juden entstanden, durch welche die gleiche nationale Gesinnung strömt, — ein Sehnen nach einem Volksheim, nach einer lebendigjüdischen Gemeinschaft,, nach einer jüdischen Kultur . . . Und wenn ein Außenstehender fragt: Was isfs mit eurer Nationalität? Bezeichnet mir sie, damit auch ich sie erkenne und ihrer teilhaftig werde; nennt mir ihre Bestandteile und ihre Gesetze, auf daß ich sie erkenne! — so muß man ihm das traditionelle „löchern w'lo lo'" ( „euch, aber nicht ihm" ) erwidern. Das Jüdisch-Nationale ist nichts Erlernbares. Entweder ist es in dir, oder es ist nicht. Wäre es in dir, so würdest du so nicht fragen. In deiner Frage liegt der Hohn des Unglaubens und des Unverständnisses. Aber Tausende sind die Merkmale des Jüdisch-Nationalen. Was du in deiner Assimilationsroutine hochschätzest, schätzen wir gering; was du verachtest, das ehren wir. Hebräisch ist dir eine tote Reliquie; darum zwängst du es in die Sarkophage des Altertums. Du willst nicht, daß die Juden eine gemeinsame Nationalsprache haben. Du zerrissest die Bande, du wütest, wenn sie neu geknüpft werden. Für uns ist das eine nationale, heilige Sache. — Was sind dir die Juden anderer Länder? Minderwertige Wesen, gegen die du geschickt oder ungeschickt das tief eingewurzelte Vorurteil verbirgst; bestenfalls — Objekte der Philanthropie. Wir verwerfen diesen Standpunkt: er ist uns einGräuel. — Das Volkstümlich-Jüdische, das der assimilierten Wohlanständigkeit zuwiderläuft, — verachtest du. Wir nationalen Juden aber bewundern es, weil es Eigenart hat. Wir erkennen euren Idealismus der Belehrung jüdischer Massen als falsch und geheuchelt und setzen an seine Stelle unseren Idealismus, der euch widerwärtig ist. Mit verdrehten Augen lauscht ihr französisch gesprochenen Fabeln in dem Munde sephardisch-jüdischer Kinder im Orient; mit Wonne vernehmt ihr, wenn ihr „Engländer~ seid, wie ein Ghettokihd schon ganz anglisiert geworden ist. All eure Schulen, auch mit den Religionsstunden, sind Assimilationsapparate — seicht, fremd, übersetzt. Alles möchtet ihr dem jungen Geschlecht beibringen, nur nicht das Jüdische. Ihr lauft katzbuckelnd davon, wenn ein hebräisches Wort ertönt. Euch scheint es Arroganz, wenn ein Jude über seine Nationalität offen spricht. Ihr heuchelt eine Begeisterung für die Mission des Judentums und strebt darnach, den Juden dem Nichtjuden so täuschend ähnlich als nur möglich, die Synagoge der Kirche und die ganze Auffassung des Judentums der konfessionellen Form so gleich zu machen, daß sich über diese Normalbreite und -höhe nichts hinüberstrecke. In all diesen prinzipiellen Dingen sollen die Gegensätze ebensowenig durch eine überhitzte Polemik verschärft als der Bequemlichkeit halber vertuscht werden. Wohlverstanden: Wir Zionisten können das nationaljüdische Ideal nicht in der Diaspora erreichen, aber wir müssen national-jüdisch streben und empfinden. - w ~*«x^wi^?^^^"^^!'i^K^^^^y!»^'^jt lELf - ■» ' * No. 26 Das ist etwas, das sich niemandem okulieren läßt, ebenso wie es umsonst ist, das Naturverständnis zu . lehren. Wenn kein Organ in uns ist, welches die Verwandtschaft zur Natur, die Einheit unserer selbst mit der Natur in uns zur mächtigen Empfindung auftreibt, so kann man es uns nicht lehren. So kehren wir zum Ausgangspunkte zurück. Der Volksgeist erwacht ganz nach denselben Gesetzen, wie die zum Bewußtsein gelangende Natur. Er ist nichts anderes als die Urseele einer Volksgemeinschaft, die von je bestand, in der neuen Gestalt der neuen Zeit. , . N-. s: Die Aufrollung der orientalischen Frage Seit vor 12 Jahren Theodor Herzl zuerst das Programm des politischen Zionismus verkündete, seit er' mit dem Sultan, dem Kaiser, den Herrschern und Ministern Europas wegen der Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina verhandelte, hat sich die politische Weltlage, vor allem im Orient, außerordentlich verschoben. Damals beherrschte noch der Gegensatz zwischen deutschösterreichisch-italienischem Dreibund und französisch-russischem Zweibund die gesamte europäische Politik. England war in der splendid isolation, verfeindet mit Frankreich und Rußland, die Vereinigten Staaten von Amerika und Japan waren noch nicht in die Reihe der imperialistischen Großmächte getreten. Neben den großen grundlegenden Gruppierungen bestanden Zweckvereinigungen für gewisse Gebiete, wie die russisch-österreichische Entente über Mazedonien, die deutsch-russisch-französische Aktion in Ostasien. Heute ist -England in das Zentrum der WeMpolitik gerückt. Mit allen Ländern hat es Bündnisse, Freundschaften, Verständigungen — außer mit Deutschland, mit Österreich-Ungarn und der Türkei. Sein Gegensatz zu Deutschland hat sich von Jahr zu Jahr mehr zugespitzt, der alte Hader mit Rußland-Frankreich ist beigelegt. Durch den ostasiatischen Krieg ist die ostasiatische Frage auf Jahrzehnte zurückgestellt. (.? Die Red.). Japan hat durch das Schwert bewiesen, daß die mongolische Welt ihre Angelegenheiten selbständig zu ordnen gewillt ist, und das einzige große Ländergebiet, das europäischem Einfluß und kapitalistischer Betriebsamkeit bisher entzogen ist, ist mit Ausnahme des französischen Algier und Tunis und des englischen Ägypten der große mohammedanische Länderkomplex von Marokko im Westen über Tripolis, Arabien, Syrien, Kleinasien, Mesopotamien nach Persien. Auf der großen weiten Erde ist dies Gebiet für den Imperialismus nunmehr das einzige „Freiland*. Die Macht, die in der Lage ist, es wirtschaftlich auszubeuten, politisch zu beherrschen, erhält einen ungeheuren Kräftezuwachs, wie sie ihn sonst nirgends erwerben kann. Für die deutsche Politik war seit dem Regierungsantritte Kaiser Wilhelms II. die wirtschaftliche "Durchdringung dieses Gebietes, die politische Freundschaft mit dem Islam das Zentrum ihrer Tätigkeit. In der Türkei, dem geographischen, politischen und religiösen Kerne des Gebietes, hat sie große Erfolge aufzuweisen. Derdeutsche Einfluß beherrscht die Anatolische Bahn, deutsch ist die Konzession der Bagdad bahn, mit deutschem Material und unter deutscher Oberleitung ist die Hedschasbahn gebaut. Der Deutsche gilt überall im Orient als Freund des Türken. In Marokko ist die gleiche Politik gescheitert. Der englisch-französisch-spanische Vertrag von 1904, die Algeciraskonferenz von 1906 gaben Frankreich die Präponderanz. Persien wurde durch den englisch-russischen Vertrag von 1907 in eine größere nördliche russische und in eine kleinere südliche englische Interessensphäre aufgeteilt. Aber auch in der Türkei bedroht die Rivalität der anderen Großmächte auf der ganzen Linie den deutschen Einfluß. Österreich-Ungarn verfolgt gleich dem ihm verbündeten Deutschland nur wirlschaftliche Interessen auf der westlichen Balkanhalbinsel; aber Rußland strebt nach Konstantinopel und dem östlichen Kleinasien, Italien nach Tripolis und dem in der österreichischen Interessensphäre liegenden Albanien. England gewinnt, immer mehr Einfluß in Südmesopotamien und Südarabien, und auch Frankreich will auf seinen Anteil an der Beute nicht verzichten, wenn die Verteilung der Erbmasse des kranken Mannes herannaht. Unklar war seit Jahren das Ziel der diplomatischen Tätigkeit Englands. „Einkreisung Deutschlands?" Aber zu welchem Zweck, da doch die See und Englands Panzer jeden' direkten Angriff