Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \f ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. Köln, 3. Juli 1908 pnr6 abnn'« nan DIE ANERKENNUNG DER JÜDISCHEN NATIONALITÄT ii. Ist der national-jüdische Gedanke neu? Als der jüdische Stamm in grauer Vorzeit in patriarchalischer Form zur Entstehung kam, lagen in ihm schon alle nationalen Eigenschaften des jüdischen Volkes in späteren Zeiten. Nationale Eigenschaften sind die in einem Stamme liegenden Entwicklungsgesetze. Wenn unser Bewußtsein diese Gesetze erkennt, sie von den geschichtlichen Erscheinungen herabliest und aus dem Chaos erlöst, so heißt das nicht eine Tatsache schaffen, sondern eine -Tatsache wahrnehmen und erkennen. Tausendfach liegen diese Gesetze vor dem Beobachter ausgebreitet und warten,. daß er sie ergreife und ausspreche. Es ist ganz so wie mit den' Naturgesetzen: sie wollen von allen erkannt sein. Ihr letztes Ziel ist nicht ein Sokrates, ein Plato, ein Galilei, ihr wahrhaftes Ziel ist, daß jeder Mensch ein Prophet sei ihrer Wahrheiten, ein Enträtseier ihrer Geheimnisse, ein vollkommener Repräsentant ihrer Urabsicht. So groß die Mannigfaltigkeit der Natur ist, so groß sei die Zahl derer, in denen sie zum Bewußtsein ihrer selbst kommt. So begnügt sich auch nicht das Volkstum damit, von einzelnen erfaßt und gewürdigt zu werden.. Das Volkstum, als der Inbegriff der einem gewissen Menschenschlag angeborenen Gesetze oder Wahrheiten, will in all* seiaen Mitgliedern "zum Bewußtsein erwachen. Darin liegt die Bedeutung des nationalen Gedankens, daß er die Judenheit aus dem unentwirrbaren Netz . eines vom normalen Leben und von der Natur losgelösten Zustandes rettet, die geschichtliche Schnur, die sie an die Abstammung und an die Tradition bindet, von neuem knüpft, damit sie, durch ihr Herz mit dem Herzen des Stammes verbunden, wie Antäus frische Kräfte sammeln. Als die Assimilation sich vom jüdischen'Stammes-Eigenleben trennte und zum Selbstzweck aufblähte, die verschiedenen zusammenhanglosen, entnationalisierten Teile des jüdischen Volkes in die Irrgärten der Nachahmungssucht trieb, sie dort eines einheitlichen Gedankens beraubt herumtaumeln ließ, sie gleichsam in sich selbst verstrickte, 'so daß heillose Verwirrung, Verzweiflung, .Skeptizismus und jüdischer Antisemitismus, d. h. jüdische Lebensunlust und Selbstverachtung, entstanden, — da tauchte der jüdischnationale Gedanke auf und rettete einen geringen Teil der hilflos in Diasporalabyrinthen sich abquälenden Judenheit, indem er' ihr durch die natürliche Einfachheit und Selbstverständlichkeit seiner Lehre auf den Pfad der eigenen Geschichte half und ihr die Schatzkammern der Erfahrungen eines ganzen Volkes öffnete. Er lehrte die Juden wieder, daß sie nicht nur Kultusgemeinden verschiedener Länder und verschiedener Nationalitäten seien, daß sie auch ein Teil eines Gesamtvolkes seien, und er bezeichnete sich als national, da er mächtiger als je das natürliche Moment, das nati'o, das als Jude geboren sein, in seinen Bekennern fluten machte. Es ist .ein erlösender Geist, der uns in diesem Gedanken genaht ist. Er hat sich in einen Teil der Judenheit gelegt, der über alle Länder zerstreut, von eigenen Intellektuellen geleitet, den Kampf gegen die Versteinerung, Senilität und Rückständigkeit aufnimmt. Der durch die Fesseln des Goluth degenerierten Juden- - heit soll die Jugend der Seele und des Herzens erkämpft, die Wege zu neuem Erblühen und zu neuen Lebenszielen gezeigt werden. Das Erwachen des nationalen Gedankens ist die Vorbedingung für das Bestreben, die. lebensunfähige Goluthvergangenheit abzuschütteln und für die Entdeckung neuer Daseinsmöglichkeiten Raum zu machen. National-jaidisch sein heißt, ein Zusammenleben der Juden zu suchen und zu verteidigen. National ist alles das, was Mittel ist, den Juden über den Diasporazustand hinaufzuheben, ihn durch das Stammesbewußisein zum unaufhaltsamen Wachstum in seiner Eigenschaft und nach seiner Art zu treiben. National ist der Wille zum palästinensischen Judenstaat, das ist, zu einem Gebilde, in dem sich geschaffene und schaffende Kräfte der Juden zur höchsten Einheit und Harmonie verschmelzen. National ist die Sehnsucht, den modernen Juden mit dem Massenjuden und dem europäischen Pionier zu einem neuen . Typus vollkommener Entwicklungsfähigkeit hinaufzubilden.