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Die Welt · 1908-06-26 · 25 (26.6.1908) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 25 DI£3 KELT : 19 christlich-sozialen Parteien in Deutschland und andern Ländern unterscheidet. Er hatnichtsgemein mitdenhalbphilantropischen undsozialen Reformbewegungen, die öfters als christlich-sozial bezeichnet werden. Er hat aber auch keinen Zusammenhang, im Gegenteil, er verurteilt aufs entschiedenste die sogenannte christlich-soziale Partei in Deutschland, Oesterreich und andern Ländern des Kontinents, die eine heftige antisozialistische und unchristliche Propaganda des Antisemitismus betreibt und die Sozialdemokratie, die Bewegung der arbeitenden Klasse, bekämpfen." Ein Streik der Koscherfleischverkäufer In New York sind die Koscherfleischhändler wieder einmal in den Streik eingetreten. Sie weigern sich, irgendwelches Koscherfleisch zu kaufen oder zu verkaufen, bis nicht die Großhändler und Metzger die jüngst sehr Hochgetriebenen Preise herabgesetzt haben. Über 200 Koscherfleischläden sind geschlossen und es werden lebhafte Anstrengungen gemacht, um die Zahl der Streikenden zu vergrößern. Eine Kolonie amerikanischer Juden in Palästina Die Vereinigung Achusath Nachla, die gegründet wurde zum Zwecke der Erwerbung und Unterhaltung einer Kolonie in Palästina, ist nunmehr als amerikanische Gesellschaft unter dem Vorsitz des Mr. Harry Fischel gesetzlich eingetragen worden. Zweck der Gesellschaft ist die Erwerbung von 4000 Dunam Land in Palästina, um es nach einer gewissen Zeitperiode in gleichen Abschnitten unter die Mitglieder des Vereins zu verteilen. Jedes Mitglied hat zehn Jahre iang 300 Dollars jährlich in die Vereinskasse zu zahlen, so daß sein Anteil nach zehn Jahren 3000 Dollars beträgt. Die Gesellschaft wird zunächst besondere Sachverständige nach Palästina entsenden, die dort das geeignete Land aussuchen sollen, und die Geschäftsführung in Palästina, in die Wege leiten. Später soll in New-York ein Bureau mit einem bezahlten Sekretär eingerichtet werden. Das zu erwerbende Land soll in 100 gleiche Teile eingeteilt werden, von denen jeder einzelne entweder ganz mit Orangen oder teilweise mit Orangen und teilweise mit Oliven und Mandeln bepflanzt werden soll. Orangenzucht soll jedenfalls in erster Linie getrieben werden, weil die Orangenpflanzungen, z. B. in Petach Tikwah, sich als sehr profitabel erwiesen haben und anderseits die palästinensischen Orangen in Europa an Ruf gewinnen und den italienischen bereits ernsten Wettbewerb bereiten. Außerdem ist Orangenzucht möglich nicht nur in der Nähe von Strömen, sondern auch, mittels Bewässerungsanlagen, in trockenem Gelände. Die Einzahlung des ersten Jahres (30 000 Dollars) soll ausschließlich zum Bodenerwerb verwendet werden. Sollte dieser Betrag nicht ausreichen, um genügend gutgelegenes Land anzukaufen, so soll die Einzahlung des zweiten Jahres ganz oder teilweise noch dazu herangezogen werden. Die Raten der folgenden Jahre dienen der Bodenbepflanzung. Vom achten Jahre ab rechnet man, daß der Ertrag der Pflanzungen genügen wird, um die Unterhaltskosten zu decken. Vom Ende des zehnten Jahres ab hören die Zahlungen der Mitglieder auf, der Ertrag der Pflanzungen soll indessen noch fünf Jahre lang den Pflanzungen selbst zugute kommen. Nach 15 Jahren sollen demgemäß die Anteilsinhaber im Besitz einer Landparzelle sein, die ihnen zwischen 5000 und 10 000 Francs Einkommen jährlich bringt. Die Parzelle ist dann Eigentum des betreffenden Gesellschafters, mit der er nach Belieben verfahren kann. Dabei ist wohl zu beachten, daß der Erwerb und die Bepflanzung von 40 Dunam durch eine Einzelperson 7—8000 Dollars kosten würde, während sie nach diesem Plan bereits für 3000 Dollars möglich wird. Die Bodenbearbeitung geschieht durch die Geschäftsführung der Achusath Nachla in Palästina, die unter der Kontrolle der Anglo-Palestine Company und des Palästinaamtes arbeiten soll. Als Arbeiter sollen nur Juden angestellt werden. Einunddreißig Mitglieder der neuen Gesellschaft haben die erste Anzahlung bereits geleistet. NOTIZEN Die Langlebigkeit des Juden In seinem eben erschienenen Weike „Rasse und Einwanderer in den Vereinigten Staaten" kommt John R. Commons, Professor der politischen Ökonomie an der Universität von Wisconsin, auf die größere Langlebigkeit der eingewanderten Juden zu sprechen: „Eine hohe Geburtsziffer, eine niedrige Sterbeziffer, ein langes Leben plazieren den Juden ebensohoch über den Durchschnitt "als der Neger unter ihm ist. Diese beiden Rassen bilden die Extreme in der Lebensfähigkeit der Rassen Amerikas." Und die Gründe hierfür sieht er in den Lebensgewohnheiten der eingewanderten Juden, die durch ihre Anhänglichkeit an das jüdische Religionsgesetz bestimmt werden. Angenommen, sagt Professor Commons, wir nehmen zwei Gruppen von je hundert Kindern, eine jüdische, eine amerikanische vom üblichen Durchschnitt, alle geboren am selben Tage. Trotz der Unterschiede in sozialer Hinsicht, die für die zweite Gruppe günstiger sind, sind die Chancen doch die, daß die Hälfte der amerikanischen Kinder innerhalb der nächsten 47 Jahre gestorben sein wird, während die erste Hälfte der jüdischen Kinder nicht vor dem einundsiebzigsten Lebensjahre gestorben sein wird. Die Untersuchungen Prof. Commons beziehen sich ausschließlich auf die eingewanderten Juden. Sie erstrecken sich nicht auf die Lebensdauer der amerikanisierten Juden. Nach Analogie der nichteuropäischen Juden muß dann allerdings angenommen werden, daß je mehr sie die Gewohnheiten des Einwanderungslandes annehmen und sich von den jüdischen Traditionen entfernen, sie sich auch in bezug auf die Lebensfähigkeit ihren neuen Vorbildern nähern und sie bald, wie z. B. in Deutschland, wo die Geburtsziffer der Juden schon kleiner ist als die der Deutschen, nach unten hin überflügeln. Die Bismarckfeier und die jüdischen Studenten Aus Bonn wird uns vom 23. Juni 190S berichtet: Auf Veranlassung des Rektors der hiesigen Universität, Herrn Geheimrat Erdmann, wurde die jüdische Verbindung Rheno-Silesia aufgefordert, an der studentischen Bismarckfeier, die infolge der diesmaligen Beteiligung der katholischen Korporationen sich imposanter gestaltete, teilzunehmen. Die Rheno-Silesia benachrichtigte auf Wunsch des Rektors die studentische Vertreterversammlung von ihrer Teilnahme. Daraufhin verweigerte der Bonner S. C. — die Corpsstudenten — kurz vor Beginn des studentischen Abmarsches, seine Beteiligung und hat zum Gedächtnis des Altreichskanzlers, „in dessen überragendem Geiste — nach dem Worte des Festredners vom V. D. St. — sich die Gegensätze versöhnen" — einen besonderen Huldigungs zug veranstaltet. In Bonner Kreisen erregt diese Tatsache großes Aufsehen. Die jüdische Verbindung wird ohne Zweifel der schweren Situation sich gewachsen zeigen und in jüdischem Sinne die Konsequenz ziehen. Frauenschutz in England und Amerika Der Jahresbericht der jüdischen Vereinigung zum Schutze von Mädchen und Frauen in England gibt ein anschauliches Bild der segensreichen Tätigkeit dieses Verbandes. Sein Hauptaugenmerk richtete der Verband auf die Bekämpfung des Mädchenhandels. Zu diesem Zwecke unterhält er ein Zweigkomitee in verschiedenen Weltteilen. In Amerika arbeitet der Verband Hand in Hand mit dem jüdischen Frauenrat für Amerika und nimmt sich besonders der zurückgewiesenen einwandernden jüdischen Frauen und Mädchen an, die rat- und mittellos ganz der Willkür der Schiffahrtsgesellschaften preisgegeben sind, die verpflichtet sind sie zurück zu befördern. Das Herrenkomitee der Vereinigung berichtet, daß von seinem Beauftragten 1800 Schiffe und Züge inspiziert wurden. 65 °o von den ankommenden 712 Mädchen waren Analphabeten, d. h. sie konnten nur etwa jüdisch lesen und schreiben. Mit Bedauern und Entrüstung verzeichnet der Bericht die beklagenswerte Tatsache, daß auch Juden kleinen Anteil am Mädchenhandel nehmen, insbesondere, soweit es sich auf die Verschleppung jüdischer Opfer erstreckt. Viele von ihnen vollziehen mit ihren Opfern eine Scheinehe, die dann in England nicht giltig ist und ihnen gestattet, sich der Unglücklichen mit Leichtigkeit zu entledigen und sie einem schändlichen Schicksale zuzuführen. Die Juden von Montreal Im „Jewish Chronicle" berichtet „Halitwak" über die Eindrücke, die er von Montreal empfangen hat. Wir entnehmen den interessanten Ausführungen folgendes: Montreal ist die Hauptstadt Kanadas und besitzt die größte jüdische Gemeinde des Landes. Aber Montreal ist uns mehr als eine große Stadt mit einer zahlreichen Judengemeinde, tatsächlich ist es das Mekka aller verfolgten Juden, insbesondere der rumänischen. Große Mengen rumänischer Juden sind beständig auf dem Wege nach Kanada. Der größere Teil hiervon kommt nach Montreal, weil sie von hier aus in die verschiedenen Plätze verteilt werden. In dieser Hinsicht leistet das Baron de Hirsch-Institut in Montreal wirklich Großes. Vor wenig mehr als einem halben Dutzend Jahren waren kaum fünftausend Juden in Montreal; heute beträgt ihre

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