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Die Welt · 1908-06-26 · 25 (26.6.1908) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 25 DIE^EELT „Halten alle Juden hier ihre Gesetze so streng?" fragte ich. „Ich weiß es nicht. Ich bin hier fremd. Ich stamme aus Rußland. Ich bin erst seit wenigen Monaten hier." „Aus Rußland? Wie lange ist es her, daß Sie von dort fort sind, und was für Erlebnisse haben Sie unterdessen gehabt? Ein junger Jude, der Rußland verließ und sich jetzt am Golf von Genua befindet, muß eine Geschichte haben." „Ja, ich habe eine Geschichte," sagte er, „eine traurige Geschichte." „Beim Pogrom in Odessa, im Winter 1905, verlor ich meinen Vater und meine kleine Schwester. Vor meinen Augen wurden sie niedergeschlachtet von Teufeln in Menschengestalt. Ich versuchte, sie zu retten und wurde niedergeschlagen, so daß ich die Besinnung verlor; und da man glaubte, daß ich tot sei, ließ man mich in unserem Hause liegen. Als ich wieder zur Besinnung kam, sah ich mich in einer Blutlache, — ihre toten Körper lagen um mich herum, ihre Hände und Füße waren abgehauen. Langsam sah ich mich um, denn ich fürchtete einen zweiten Überfall der „schwarzen Hundert". Dann fing ich an, nach meiner Mutter zu suchen. Ich fand sie in einem Keller zusammengekauert, halb tot vor Furcht und fast verhungert. Es gelang mir, etwas Nahrung und Wasser zu finden, und wir blieben noch zwei Tage in unserem Versteck, bis die Mörder sich genug an Blut und Vodka betrunken hatten und es nicht mehr gefährlich war, auszugehen. „Werde ich je die Szenen im Krankenhaus vergessen können oder das Schluchzen von Tausenden von Witwen und Waisen auf dem Friedhof?! — Wie viele andere, so flohen auch meine Mutter und ich durch Bessarabien nach Rumänien, obgleich wir an der Grenze zweimal die Gendarmerie passieren mußten, einmal die russische und dann die rumänische, und uns jedesmal unsere Befreiung mit Gold erkaufen mußten. Und dann wurden wir von den jüdischen Gemeinden nach Wien geschickt, und von Wien nach Frankfurt, und von Frankfurt nach Berlin, und von Berlin endlich nach Hamburg. Dort gab man uns Schiffskarten nach Amerika — und von großen Hoffnungen beseelt konnten wir es kaum erwarten, das Land der Freiheit zu erreichen, das Kolumbus entdeckt hat". Er stützte sich auf die Ruder, um einen Augenblick auszuruhen, — und ich mußte daran denken, daß in ebendemselben Golf, in dem wir jetzt fuhren, Kolumbus zuerst die Seemannskunst erlernt hatte. „Wir kamen nach Amerika, aber wir fanden, daß es nicht mehr das Land der Freiheit war. Die Türe war verschlossen. Mich wollten sie hineinlassen, aber meine Mutter nicht, denn sie sagten, daß sie eine Augenkrankheit habe. Ach, diese Leute hatten kranke Augen, diese Leute, die unser Elend nicht sahen, unsere Hilflosigkeit! Und konnte ich meine Mutter allein zurückreisen lassen, — der Himmel weiß, wohin? Jemand zahlte für unsere Rückreise, und als wir jetzt zum zweitenmal durch jene Wildnis von Gewässern fuhren, hörte ich oft, wie meine Mutter zu Gott betete, er möge ihre Seele von ihr. nehmen. Sie war auch . wirklich in einem kläglichen Zustande, geschwächt durch Leiden und in tiefste Not und Betrübnis gesunken. Sie wurde krank und mußte vom Arzte behandelt werden, der freundlich und teilnahmsvoll war, ihr Mut zusprach und ihr Hoffnung gab. „Hoffnung!" sagte er mit einem melancholischen Schütteln des Kopfes, „ja, sie hoffte auf Ruhe, auf eine Heimat. Und als wir in Hamburg ankamen, fand sie eine Heimat, eine Heimat für ewig....." Mit sicheren rhythmischen Bewegungen und in kummervollem Schweigen fuhr er fort zu rudern. Von weitem tönte das Geräusch vom Verladen der Kohle in die Schiffsräume zu uns herüber und klang wie Kanonenschüsse. Zwei Matrosen kamen in einem eleganten kleinen Boot mit Reichsvvappen auf uns zu und fragten nach dem Weg zum Telegraphenamt. Die Mittagssonne brannte heiß auf uns hernieder als wir das erste Kriegsschiff erreichten; seine Kanonen blitzten das Deck entlang, und ein Marinesoldat schritt, Wache haltend, auf und ab. Fröhliche Laute und das Klappern von Tellern und Schüsseln tönten in unsern Ohren, als wir um die drei mächtigen Schiffe ruderten, denn es war Mittag, und die Verdecke waren fast leer. Als wir uns auf dem Rückwege befanden, fragte ich: „Und wie kamen sie nach Genua?" „Ich hatte es satt, mir ein Heim auf dem Lande zu suchen, so beschloß ich. eins auf dem Meere zu finden. Der Kapitän des Schiffes, auf dem wir zurück nach Hamburg fuhren, kannte meine Geschichte und bot mir eine Stelle als Steward an. Ich ging darauf ein und blieb über ein Jahr auf diesem Schiffe, durchkreuzte den atlantischen Ozean viele Male und hörte viele traurige Geschichten meiner armen Brüder. Ach, ich habe oft daran gedacht, daß der atlantische Ozean das Grab vieler Hoffnungen ist! Dann bekam ich eine Stelle auf einein andern Schiffe, das die Küste von Amerika umsegelte, und zuletzt fuhr ich mit einem Schiffe, das von New York nach Genua ging. Und hier bin ich. Ich hätte, zurückfahren können, aber ich wollte hier, ein wenig Ruhe und ^Frieden genießen. Der Himmel hier ist so schön, und der Ort ist ruhig und zum Träumen geeignet." „Haben Sie gar keine Verwandten oder Freunde?" fragte ich, als wir uns dem Landungssteg näherten. „Freunde? Ja, aber auch sie sind in Not und Elend", antwortete er traurig. „In einem oder zwei Monaten werde ich vielleicht wieder an Bord eines Schiffes gehen und wieder auf dem weiten Meere dahinfahren. Was bleibt einem armen Juden denn anders übrig? Er hat nirgends eine Heimat." „Nirgends eine Heimat!" klang es mir noch lange nach. Welch eine Welt voll Jammer lag in diesen Worten! _ Der XI. Delegiertentag der deutschen Zionisten Bericht des Zentralbureaus®) Die Beschlüsse des X. Delegiertentages in Hannover am 4. und 5. Juni 1906 hatten die Spannung zwischen den deutschen Zionisten überbrückt. Das Ergebnis der Tagung war denn auch ein schnelles Anwachsen der agitatorischen Tätigkeit sowie eine Stärkung des inneren Lebens vieler Ortsgruppen. Dementsprechend brachte das Winterhalbjahr 1906.07 unserem Bureau wesentlich mehr Arbeit als bisher. Wir haben uns bemüht, der allgemeinen Stimmung entgegenzukommen, indem wir den Ortsgruppen, wie dies auch in frühern Jahren geschehen war, immer neue Agitationsmittel zur Verfügung gestellt haben. ' Die sichtbare Folge der verstärkten Tätigkeit der Gruppen war die Vermehrung der Schekeleingänge sowie das Anwachsen der Sammlungen für den Nationalfonds und *) Wegen Raummangel verspätet.

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