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Die Welt · 1908-06-26 · 25 (26.6.1908) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE^ELT No. 25 selber in einem Briefwechsel mit ihm diesen Standpunkt vertreten habe und mit Berufung auf den Ascher Stadtrat erklärte, daß die Ascher Stadtverwaltung weder bei Juden noch bei Czechen Bestellungen machen könne und daher genötigt sei, ihren Röhrenbedarf im Auslande zu decken. Als Lügner steht nun Abg. v. Stransky da. Der Brünner Parteitag Sonntag, den 2S. und Montag, den 29. Juni werden die Zionisten Westösterreichs in Brünn einen Parteitag abhalten. Nach einer langen Periode fortschreitender Dezentralisation, die in Atomisierung umzuschlagen drohte, finden die Zionisten Österreichs den Weg zurück zur Integration und Zusammenfassung. Nach dem Zusammenschluß der Zionisten Galiziens zu einer Landesorganisation, gehen auch die Zionisten Westösterreichs daran, der uneingeschränkten Autonomie der Distrikte Schranken zu setzen, die der Zusammenschluß zu einer höheren Organisationseinheit erheischt. Ein Problem wird freilich vorläufig ungelöst bleiben. An Stelle des österreichischen Zionistentages treten zwei Landesparteitage, das Landeskomitee soll jedoch von den Zentralkomitees nicht abgelöst werden, es soll bestehen bleiben als sichtbares Zeichen der Einheit von Ost und West. Es ist ein Wunsch, der seinen Verfechtern alle Ehre macht. Soll aber ein Landeskomitee wieder eingesetzt werden, dann muß der angetretene Rückweg bis ans Ende zurückgelegt werden, es muß dem Landeskomitee sein früherer Wirkungskreis, seine Kompetenz aus der Zeit vor dem Prager Zionistentag wiedergegeben werden. Daß es dem Brünner Parteitag gelingen wird,' die dringende westösterr. Organisationsfrage zu lösen, bezweifeln wir nicht. Die Wiener Zionisten können ein arbeitslustiges und -fähiges Zentralkomitee bilden. An begabten Leuten, die guten Willens sind, mangelt es nicht. So wird auch der Weg gefunden werden, um die zur Genüge vorhandenen Talente zur friedlichen gemeinsamen Arbeit zu vereinigen. Das Land Österreich verbindet Schichten des Judentums, die in Galizien nach ihren Daseinsbedingungen und Temperament den Juden Rußlands nahestehen, dagegen in Westösterreich an Wohlstand und sozialer Stellung denen Deutschlands ähneln. Wo zwei so leistungsfähige Elemente nebeneinander kämpfen, wo die Stoßkraft der Massen und der soziale Einfluß der Wohlhabenheit sich vereinigen, könnte und sollte der Zionismus zur Blüte gelangen. Wir erhoffen von dem Zusammenschluß der westösterreichischen Zionisten insbesondere eine Hebung und für die Folge auch Zentralisierung der rein zionistischen, palästinensischen Arbeiten, da im Osten die besten Kräfte durch den politischen Kampf naturgemäß gebunden werden. So wünschen wir den Beratungen einen gedeihlichen Verlauf, eine Neuorganisierung und Belebung der zionistischen Tat in Österreich. Brief aus Galizien (Von unserm Berichterstatter) Bewegung unter zionistischen Hochschülern in Lemberg Der Sieg der national-jüdischen Studenten in Wien, — wo der Rektor der dortigen Universität offiziell erklärte, daß er die jüdische Nationalität anerkenne, — spornte auch die Hochschüler in Lemberg zur Erneuerung ihres früheren Kampfes an. Unter der jüdischen, akademischen Jugend bilden nämlich eine kolossale Mehrheit die Zionisten, die selbstverständlich die Führung des Kampfes um Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen übernahmen, aber auch die jüdischen Studenten, welche der polnisch- (P. P. S.) und jüdisch-sozialdemokratischen Partei angehören, unterstützen jetzt kräftig die Bestrebungen der nationaljüdischen Jugend, so daß mit Ausnahme von etlichen polnischjüdischen Assimilanten, deren Zahl elwa zwanzig (auf eine Gesamtzahl von über 800 jüdischen Studenten) nicht übersteigt die ganze jüdisch-akademische Jugend für die Anerkennung der Rechte der jüdischen Nation eintritt. Vor einigen Tagen erschien wieder bei dem Rektor der Lemberger Universität, Dr. Dembinski, eine Deputation, die im Namen der jüdischen Hörer ihm ein Memorandum überreichte, in welchem die Forderung nach offizieller Anerkennung der jüdischen Nationalität dargelegt wurde. Dr. Dembinski versprach der Deputation, daß er die Angelegenheit dem akademischen Senate, schon in der nächsten Zeit, zur Entscheidung überlassen wird und daß er dann der Deputation den Standpunkt, welchen in dieser Frage der Senat eingenommen hat, mitteilen wird. — Die Antwort des Rektors blieb noch bis nun aus; es ist aber schon jetzt vorauszusehen, daß durch die fortwährende Hetze, welche die polnische Presse gegen jedwede Anerkennung der gerechten Forderungen der jüdischakademischen Jugend in Galizien führt, die Universitätsbehörden sich nur schwer entschließen werden, die Postulate der jüdischen Hörer zu berücksichtigen. Auch die Hörer der Lemberger Technischen Hochschule sprachen sich in einer großen Versammlung, welche vor kurzem stattfand, für die national-jüdischen Forderungen aus. Der Rektor des Polytechnikums, Syniewsky, der an dieser Versammlung teilnahm, versicherte die Studenten, daß er die Bestrebungen der zionistischen Jugend verstehe und sie gutheiße, daß er aber dem Beschlüsse, den die akademischen Behörden auf der Universität in kurzem fassen sollen, nicht vorgreifen kann. . Seelenfang Ein interessanter Prozeß inWadowice, in dem als Angeklagte Nonnen und der Direktor eines Klosters erschienen, brachte vor einigen Tagen den galizischen Juden wieder ein Stück grausamen Mittelalters in Erinnerung. Ein armes, verlassenes Mädchen, Balbina Goldfinger, wurde wegen seiner Augenkrankheit in ein Spital gegeben, wo es „unter dem Einflüsse" oder — richtiger gesagt — unter dem Zwange der die Kranken dort pflegenden- Nonnen sich taufen ließ." Als die Tante dieses Mädchens ihre Nichte von der Verwaltung des- Hospitals zurückforderte, bekam sie zur Antwort, daß die Goldfinger in den nächsten Tagen in der Lage sein wird nach Hause zurückzukehren. Bald aber erfuhr die Tante, daß ihre Nichte heimlich von Wadowice nach Krakau gebracht wurde, wo man sie taufen soll. Die Vorsteherin des Hospitals Bzowska leugnete zwar entschieden diese Entführung, indem sie versicherte, daß das schon aus dem" Grunde nicht geschehen könnte, weil die Goldfinger, welche das 14. Lebensjahr nicht erreicht hatte, kein Recht habe, sich selbst taufen zu lassen; nichtsdestoweniger aber verheimlichte sie den Aufenthalt der Goldfinger, welcher ihr bekannt war. Alle Versuche, das verlorene Mädchen wiederzufinden, scheiterten an den geschlossenen Toren des Klosters und sogar ein strafgerichtliches'Verfähren konnte die Machl der Nonnen nicht niederzwingen. Erst die Arretierung einer gewissen Kora, die zugleich mit der Goldfinger im Hospital als Patientin gelegen hat und dann mit ihr nach Krakau fuhr, klärte die ganze Sache auf. Kora sagte vor den Behörden aus, daß die Sekretärin des Klosters um fünf Uhr früh die Goldfinger nach Krakau überbrachte, wo sie in einem Kloster wohnen sollte. Erst als die Polizei die Klöster mit einer Revision, bedrohte, stellte sich heraus, daß die Goldfinger zuerst in Krakau in einem weiblichen Kloster verweilte und dann in eine geistliche Anstalt nach Bobrka gebracht wurde. Die Vorsteherin dieser Anstalt Markiewka fuhr mit dem Mädchen zuerst zu einer Frau nach Krakau, dann zu ihren Verwandten in Schlesien und zuletzt brachte sie die Goldfinger als Magd unter einem falschen Namen bei einem Tischler in Wien unter. Als das Gericht, das ein strafrechtliches Verfahren gegen die Nonnen, die an der Entführung des minderjährigen Mädchens teilgenommen haben, einleitete, ernannte es zum Vormunde der Goldfinger einen christlichen Advokaten. Dieser aber sandte die Goldfinger wieder nach Bobrka in dieselbe Anstalt, von welcher sie schon einmal entfuhrt wurde. Selbstverständlich ließ die Entführung auch diesmal nicht lange auf sich warten. Die Goldfinger verschwand, und weder „die Gendarmerie, noch andere Behörden" — wie die Anklage behauptet — konnten sie auffinden. Die Staatsanwaltschaft hat sich also endlich gezwungen gesehen, drei Nonnen und zwei Mithelfer bei der Entführung vor einem Schwurgerichte anzuklagen. Der Advokat, welcher die seinem Schutz übergebene Goldfinger direkt der Entführung zuführte, und alle diese Beamten und Geistlichen, welche die Entführung des Mädchens erleichterten, — wurden von der Anklage verschont. Der Hauptzeuge wurde weggeschafft und die Verhandlung einem Schwurgerichte übergeben, welches aus den Bürgern in Wadowice bestand, die selbst ausgesprochene Antisemiten sind. Selbstverständlich wurden alle Angeklagten freigesprochen. Das heißt galizische Justiz! Die Nonnen und die Klöster dürfen in Galizien nicht tangiert werden. Ein ganzes Jahr sammelt die Staatsanwaltschaft das nötige Beweismaterial zur Anklage. Unterdessen wird in einer unverschämt offenen Weise den Angeklagten die Möglichkeit gegeben, das zweitemal das arme, junge Mädchen zu entführen, um des Kronzeugen los zu werden, und als trotzdem genau bewiesen wird, daß die Nonnen ein ganz junges Kind raubten, — sprechen sie antisemitische Geschworene frei. Es steht also den christlichen Nonnen in ihrem Glaubenseifer weiter frei, jüdische Seelen zu „retten". Der Staat will diesen edlen Seelenfang schützen.

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