Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316322--50769-3378068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 25 " D1E3J Die jüdischen Abgeordneten replizierten sehr energisch und schlagfertig auf die bissigen Zwischenrufe der Antisemiten. So wurde die einstündige Rede Dr. Strauchers durch Zwiegespräche unterbrochen, die nicht ohne Interesse sind. Abg. Dr. Straucher unterzog die gesamte Regierungspraxis einer eingehenden Kritik, befaßte sich insbesondere mit dem System des Generalstabarztes v. Uriel und der Resolution Schmidt* streifte aber auch aktuelle Tagesfragen, wie die Verhöhnung der Juden beim Jubiläumsfestzug und den regen Geschäftsverkehr der Christlichsozialen mit Taussig und Rothschild. Wir bringen nachstehend einen größeren Auszug aus der Rede Dr. Strauchers: Abg. Dr. Straucher führt aus, daß die Juden schutz- und wehrlos allen Angriffen und Beschimpfungen gegenüberstehen und daß auch im Abgeordnetenhause für die Juden kein Schutz sich finde. Das Haus weise gegenwärtig keine wahrhaft freisinnige Partei auf, die die Eignung besäße, den freiheitlichen Grundsätzen auf allen Gebieten des Staatslebens Geltung zu verschaffen. Der Antisemitismus war und ist in Österreich der Mauerbrecher des Klerikalismus. In der Regierung sitzen heute Deutsche neben Czechen und Polen, Freisinnige neben Klerikalen. Abg. Prochazka: Nur kein Jud! Abg. Dr. Straucher führt im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen aus, die antisemitische Presse bekämpfe nur die jüdische Korruption und das jüdische Kapital. Abg. Dr. Gabel: Jetzt machen sie mit Taussig Geschäfte! Abg. Bielohlawek: Wer hat uns vor zehn Jahren den Kredit gesperrt beim Gas? Die Juden! Jetzt rennen sie uns die Türen ein. sie kommen zu uns, nicht wir zu ihnen. Abg. Dr. Straucher: Auch beim Huldigungsfestzuge war es gewissen Kreisen willkommen, die Juden lächerlich zu machen. Tatsache ist es, daß es zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Juden mit Kaftan und Zylinder gar nicht gegeben hat. Wenn man schon eine Szene aus dem jüdischen Leben vorführen wollte, hätte man jene Juden vorführen können, die im Jahre 1648 bei der Belagerung Prags durch die Schweden . . . Abg. Zeiner: Geschäfte gemacht haben! Abg. Dr. Straucher: Entschuldigen Sie, reden Sie nicht solchen Unsinn. Damals haben die Juden heldenmütig die Brücke bei Prag verteidigt, und sie wurden von Kaiser Ferdinand durch die Verleihung einer Fahne ausgezeichnet. Warum hat man nicht diese Fahne im Festzuge mitgetragen? Oder warum hat man nicht den polnischen Juden Josselowitsch vorgeführt, der in den Befreiungskriegen ein eigenes Korps zusammenstellte und der eine solche Tapferkeit an den Tag legte, daß ihm' zu Ehren die Stadtvertretungen von Krakau und Lemberg Straßen nach seinem Namen nannten? Abg. Prochazka: Wieviel Tausende Juden haben Spionendienste den Gegnern des Vaterlandes geleistet! Abg. Dr. Straucher: Es geht nicht an, allgemeine Behauptungen aufzustellen, ohne sie beweisen zu können! Das ist eine Behauptung, Herr Abg. Prochazka, die ich entschieden zurückweise! Wer hat den Andreas Hofer verraten? War das ein Jude? Abg. Zeiner: Wollen Sie denn, daß alle Verräter Juden sind? Abg. Dr. Mahler: War vielleicht der Verräter des Kaisers Max ein Jude? Wenn unter Millionen einmal einer ein Lump ist, darf man nicht allgemeine Behauptungen aufstellen! Haben Sie vielleicht das Privilegium, allein Lumpen zu haben? Vizepräsident Dr. v. Starzynski: Ich bitte, meine Herren, keine Zwiegespräche zu führen! Abg. Dr. Straucher: Es ist bekannt, daß eine große Anzahl staatlicher Ämter trotz Geltung der Staatsgrundgesetze für jüdische Beamte unzugänglich ist und daß es überaus schwer fällt, sehr gut qualifizierte und einwandfreie Kandidaten jüdischer Konfession in offiziellen Stellen unterzubringen. Abg. Schmid: Wenn sie sich taufen lassen, dann geht es schon! Abg. Dr. Straucher: Alle Aktionen zur Unterdrückung des Judentums gehen von den Christlichsozialen aus, die sich ihres Deutschtums rühmen, und von dem Gros der deutschen Parteien. Aber die Herren übersehen, daß alles dasjenige, was sie gegen die Juden unternehmen, sich später auch gegen die Deutschen kehren kann. Wo haben Sie in Salzburg, Oberösterreich, Steiermark oder Krain Juden? Und gerade von dort kommen die antisemitischen Abgeordneten. Wenn die Deutschen die Errichtung deutscher Schulen verlangen, begründen sie dies mit der großen Frequenz deutsch . sprechender Schüler. Diese große Frequenz rührt aber notorisch daher, weil die jüdischen Studierenden sich zum Deutschtum bekennen. Die Zahl der deutschen Studierenden an den Hochschulen beträgt 47 Prozent, hiervon sind aber 16 Prozent Juden. Man darf sich nicht darüber wundern, wenn infolge des immer unerträglicher werdenden Antisemitismus und der fortwährenden Drangsalierungen jüdischer Studierender durch ihre deutscharischen Kommilitonen ein so großer Bruchteil sich dem Deutschtum entzieht. EELT — 7 Abg. E. v. Stransky: Wir gehen lieber zugrunde, ehe wir mit den Juden leben müssen. Abg. Prochazka: Also eine Nationalität auf Kündigung. Der Jude ist nur national in seinem Interesse. Er ist das einemal ein Deutscher, dann wird er wieder ein Czeche! Abg. Dr. Mahler: Nein, er soll ein Jude werden! Abg. Prochazka: Bitte, damit sind wir einverstanden! Abg. Dr. Straucher: Die Steuerleistung der Juden haben die Deutschen gelegentlich der Wahlreform als etwas Selbstverständliches für sich reklamiert, aber nicht ein einziges Mandat haben die Juden von den Deutschen bekommen. Hat doch .der Abgeordnete Dr. Lecher erklärt, es sei eine Schande, vor den Wahlen die jüdischen Stimmen zu ergattern und nach den Wahlen die Juden nicht kennen zu wollen. Dsr Stadtrat von Asch hat vor einigen Tagen einhellig den Beschluß gefaßt, die Rohre für die auszuführende Wasserleitung weder bei einem Czechen noch bei einem Juden zu bestellen. Abg. Dr. Straucher führt aus, der Antrag Schmid widerspreche dem Artikel 18 des Staatsgrundgesetzes. Abg. Schmid: Es steht aber nirgends, daß die Juden an den Schulen Platz finden und die Christen draußen bleiben müssen. Abg. Dr. Mahler: Dann errichten Sie mehr Schulen! Unsere Unterstützung haben Sie. Abg. Prochazka: Müssen denn alle Juden studieren? Abg. Dr. Straucher: Wir werden doch Sie nicht fragen, was wir tun sollen. Verlangen Sie die Errichtung von staatlichen Schulen. Abg. Prochazka: Wir wollen keine Bevorzugung der Majorität. Die Majorität zahlt, und die Juden fressen davon. Abg. Heinrich Schmid: Gründet's Judenschulen! Abg. Stand: Wir bezahlen doch ebenso Steuerri und stellen ebenso Soldaten wie Sie. Abg. Sturm: Behalten Sie ihre Steuern! Abg. Dr. Gabel: Fragen Sie den Finanzminister, was er dazu, sagen wird! Abg. Dr. Strauch er führt weiter aus, daß der Landesverteidigungsminister über das prozentuale Verhältnis im militärärztlichen Korps unrichtige Angaben gemacht habe. Unter den Militärärzten sind 4,36 Prozent Juden. Man will den Juden die Bildungsmöglichkeit nehmen, weil man weiß, da_ß ein geistig ungebildetes Volk leichter geknechtet werden kann. Über den Grundbesitz der Juden werden die phantastischsten Übertreibungen vorgebracht. In Steiermark und Tirol gibt es überhaupt keinen jüdischen Grundbesitz! (Lebhafte Rufe bei den Christlichsozialen: Rothschild!) Abg. Prochazka: Geben Sie Antwort, was ist mit dem Rothschild? Abg. Dr. Straucher: Ich bin nicht der Anwalt des Rothschild! Sie machen ja mit ihm Geschäfte! (Lebhafte Heiterkeit.) Redner schildert im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen die Lage der jüdischen Bevölkerung in der Bukowina und erklärt, die Armut dieser Bevölkerung sei so groß, daß sich die harte Finanzverwaltung sogar zu Steuernachlässen veranlaßt gesehen habe. Die Hauptursache der traurigen Lage der jüdischen Bevölkerung in der Bukowina liege darin, daß in der Bukowina keine Industrie vorhanden sei. Inbetreff der Verhältnisse der Juden in Galizien zitiert Redner mehrere Stellen aus dem Werke des ehemaligen polnischen Abgeordneten Szczepanowski, worin dargelegt wird, daß jährlich 50000 Juden in Galizien am Hungertyphus sterben. Hier in Wien beurteile man die Juden nach einigen wenigen Millionären, nach jenen jüdischen Großkapitalisten, die in stumpfer Indolenz dahinleben und glauben, den Juden zu nützen, wenn sie in ihren Salons nichtjüdische Gesellschaften empfangen und von irgendeiner hohen* nichtjüdischen Persönlichkeit einen Händedruck erhalten, zum Beispiel von Dr. Lueger. (Heiterkeit.) Redner erklärt schließlich, daß er die Wünsche und Beschwerden der Bukowina zu gelegener Zeit zur Sprache bringen werde. Die Mitglieder der deutschen Parteien mache Redner insbesondere darauf aufmerksam, daß die Juden den Deutschen Jahrzehnte hindurch treue Gefolgschaft geleistet und sich deswegen den Haß der andern Völkerschaften zugezogen haben. Nichtsdestoweniger sei bei keiner anderen Nation der Antisemitismus so ausgebildet wie gerade bei den Deutschen, und dies sei eine schmerzliche Enttäuschung, welche die Juden sicherlich nicht um das Deutschtum verdient haben. Der Hinweis Dr. Strauchers auf das Vorgehen des Stadtrates von Asch, der es vorgezogen hat, eine Röhrenlieferung im Auslande zu bestellen, um nur nicht bei Juden oder Czechen zu kaufen, versetzte den „edlen" Herrn Abg. v. Stransky in eine derartige Erregung, daß er den Sprecher des Jüd. Klubs insultierte.' Abg. Dr. Mabler berief sich in einem Zwischenruf auf den Bund der Industriellen. Der Präsident des Bundes, Herr Vetter bestätigt nunmehr in einem offenen Schreiben, daß Abg. E. v. Stransky 2*