Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIEH^ELT tatsächliche Wiederspiegelung der politischen Situation in Rußland. „Sich an die Duma mit einem Projekt über die Gleichberechtigung der Juden wenden, das heißt an eine falsche Adresse zu geraten. ..." Es ist dasselbe, als würde man sich an einen Kronsrabbiner mit der Bitte um Befreiung von der Akzissteuer wenden. Der Einwand ist vollständig richtig, weil es tatsächlich im gegenwärtigen Moment eine ganz falsche Analogie ist, wenn man die Duma mit einer gesetzgebenden Institution identifiziert. Und es kommt noch ein drittes, gegen das Projekt sprechendes Moment hinzu. In Nr. 119 der „Rietsch" erschien ein Artikel des Herrn Schmi, welcher die Politik der Juden in Rußland charakterisiert. Er teilt die Juden in drei Gruppen. Die erste Gruppe — zu ihr gehören diejenigen Juden, welche an Messias glauben und die „modernen" Zionisten — glaubt prinzipiell nicht an die Möglichkeit einer Besserung der Lage der Juden, weder durch Evolution noch durch Revolution. In der zweiten Gruppe sieht Herr Schmi heroische Gestalten, welche für den Kampf geschaffen sind und ihr Leben auf's Spiel setzen. Die dritte Gruppe — das sind Menschen, welche vor jedem Stärkeren ihren Nacken beugen, Protektion suchen usw. Herr Schmi zitiert das Gespräch mit einem Vertreter der frommen, an den Messias glaubenden Juden. Dieser illustrierte seine Ansichten durch die Anführung der bekannten Anekdote von dem Pächter, welcher seinen Herrn niemals zufriedenstellen konnte. Die zweite in der Klassifikation des Herrn Schmi angeführte Gruppe existiert jetzt nicht, und jedenfalls gibt sie keine Lebenszeichen von sich. Was die dritte Gruppe anlangt, so gehören zu ihr die wenigen russischen Assirrtilatoren, welche auf dem Wege der Selbsterniedrigung und des geheuchelten Patriotismus sich zur Gleichberechtigung durchspekulieren möchten. Zu diesen drei Gruppen würden wir noch eine vierte hinzurechnen, deren Reihen sich immer mehr lichten, die aber unter der russisch-jüdischen Intelligenz viele Vertreter hat, — das sind die Jdealisten des russischen Volkes, Träumer, welche noch immer daran glauben, daß an allem nur die Regierung einzig und allein schuldig sei, und das Volk, wenn es auch mordet und zerstört, doch ein heiliges, gutes, unschuldiges Volk ist. Dieses in vielen Herzen und Köpfen tief eingewurzelte Vorurteil war und bleibt die Quelle der verhängnisvollsten Fehler der jüdischen Politik in Rußland. Gegenwärtig sind die Horoskope für die Judenfrage in Rußland sehr finster. Es gibt keine Aussichten auf Besserung und man beraubt uns jeden Tag derjenigen Brocken der Freiheiten, die uns die vorzeitig verstorbene Revolution geschenkt hat. Nach den Zirkularen des Justkministers, welcher die Bestätigung der Juden als Rechtsanwälte unterbrach, erschien auch ein Zirkular des Ministers für Volksaufklärung über die Einführung der alten Prozentnormen usw. Und so haben wir jetzt die volle Gewißheit, daß wir inder nächsten Zukunft keine Erweiterung unserer Rechte von der Regierung zu erwarten haben, und anderseits sind wir nicht sicher, ob man uns die „Rechte", die wir besitzen, nicht nehmen wird. Diese Unsicherheit zeigte sich deutlich während der Dumadebatte über die jüdischen Rekruten. Zwar ist das Projekt von Purischkewitsch durchgefallen, doch hatten wir keine Sicherheit, daß es so kommen würde, und erlebten schwere Augenblicke der Angst. Es ist eine alte jüdische Anekdote. Frage: War-um hat ein Kosak, welcher auf dem Pferde ritt und eine Knute in der Hand hielt, den ihm auf dem Wege begegnenden Juden nicht geschlagen? Antwort: Aus Faulheit. Diese „Faulheit" ist es, die uns oft in Rußland rettet. Die Mitglieder der ersten Duma verhaftet Herr Dr. N. Kazenelsohn-Libau, Präsident der jüdischen Kolonialbank, meldete sich zum Verhaftungstermin in Bobruisk, wo er seine Gefängnisstrafe büßen wird. Herr Dr. K. hatte seinerzeit als Mitglied der ersten russischen Reichsduma den Wiborger Aufruf mitunterzeichnet und wurde gleich allen andern Mitgliedern in dem politischen Monstreprozeß zu einer dreimonatlichen Kerkerhaft verurteilt. Herr Rechtsanwalt Simon Rosen bäum-Minsk, Mitglied des großen A. C. und Ex-Mitglied der ersten Duma, wurde für dasselbe „politische Verbrechen" verurteilt und hat seine Haftstrafe im Minsker Gefängnis angetreten. Vor dem Antritt der Kerkerhaft veranstaltete ein Kreis von Freunden und Verehrern dem Ex-Deputierten der Minsker Judenschaft eine Abschiedsfeier. Außer unserm Gg. Herrn Rechtsanwalt Jakobsohn-Slomin gehören noch einige bedeutende jüdische Ex-Abgeordnete zu dieser Gruppe der „Wiborger", die das Gros der Kadettenpartei repräsen- No. 25" tiert. So z. B. die Rechtsanwälte Max Winawer, Bramsohn u. a- Sie befinden sich jetzt alle in den verschiedensten Orten in Haft. Das Urteil in dem tendenziös geleiteten politischen Prozeß lautete: .auf 3 Monate. Der Pogromprozeß in Bjelostok In dem Bjelostocker Pogromprozeß wurde das Urteil verkündet. Von 29 Angeklagten sind 15 freigesprochen worden; wegen Mordes wurde der Angeklagte Nowakowski zu drei Jahren Zuchthaus, Novizki zu einem Jahre Zuchthaus, Skawronski und Selinski zu je einem Jahr Gefängnis, die übrigen 10 Angeklagten zu drei bis sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die „Nowoje Wremja" schreibt zum Prozeß an leitender Stelle: Rußland werde die Verurteilten nicht" als Auswurf der Gesellschaft und als Mörder verfluchen, sie seien das nicht gewesen. Wiener Brief (Von unserm Korrespondenten) Der Hausjude der Wiener Kommune Seit der Unterbringung der letzten 5°/0igen russischen Anleihe ragt Theodor R. v. Taußig aus der bunten Gesellschaft der jüdischen Bankdirektoren hervor. Es war nach der blutigen Oktoberwoche im Jahre 1905 und am Vorabend des Bialystoker Pogroms. Die Pogromregierung war in Nöten, die Perfektionierung der Milliardenanleihe war in Frage gestellt. Die russische Regierung appellierte an die Freundschaft und Profitgier der österreichischen Finanzwelt. Wer ergreift nun hilfsbereit die bluttriefende Hand, wer erklärte sich nun — freilich zu gut bezahlten — Schergendiensten bereit, um die zur Erdrosselung der Freiheitsbewegung und der Organisierung der „schwarzen Hunderschaften" nötigen Millionen zu vermitteln? R. v.. Taußig heißt der Mann, Direktor der Bodenkreditanstalt und seinerzeit Mitglied des Vertreterkollegiums der israelitischen Kultusgemeinde Wiens! Ein Aufschrei des Entsetzens und ein Sturm der Empörung brach los. Er hat R. v. Taußig aus der Wiener Gemeindestube hinweggefegt; die Wiener Judenheit, auch die trägste, konnte es nicht mehr dulden, daß ein „voraussetzungsloser" Bankdirektor, der um 5 °/0 und um schnöden Gewinn zum Finanzagenten der Pogromregierung herabsinkt, das Judentum vertritt. So wurde Taußig ein Opfer seines Berufes .. Er ist ihm treugeblieben, der Unentwegte. Die Wiener Christlichsozialen brauchen 360 Millionen für die Kommune. Wer .macht sich wiederum anheischig, der Partei, die die russische Prozentnorm in Amt und Schule, dem Handbuch der österreichischen Regierungsweisheit einzuverleiben sucht, das nette Sümmchen zu vermitteln? Unser sich stets treu bleibender Herr R. v. Taußig. Es wurde seinerzeit beim Bundestag der Kultusgemeinden mit Recht hervorgehoben, daß alle Proteste gegen die verfassungswidrigen Verstöße der Christlichsozialen (es handelte sich um die Resolution Schmid) wirkungslos verhallen müssen, wenn zugleich keine Vorsorge dafür getroffen wird, daß jüdische Finanziers aufhören, die antisemitische Stadtverwaltung mit Anleihen, zu füttern. „Jetzt", erzählt uns aber der treffliche Abg. Bielohlawek: „rennen sie uns die Türen ein". Die Taussigs rechnen sichs zur Ehre an, die Hausjuden und Kammerspekulanten der kriegerischen Regierungspartei zu sein. So taucht Rv. Taußig wieder auf. Bringt uns in Erinnerung den Verrat, den die jüdische Hochfinanz stündlich an der Judenschaft Österreichs übt, der sie durch ihre Kreditpolitik in den Rücken fällt. Sollte aber die Wiener Juden auch daran erinnern, daß ihre Schmach noch nicht gesühnt ist. Straflos sitzen in Amt und Würden die Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde, die nicht nur R. v. Taußig nachgelaufen ist, um ihn von der durch die „Straße" erzwungenen Demission abzubringen. Die Wiener Kultusgemeinde gab in ihrem gedruckten Rechenschaftsbericht ihrem Bedauern über das Scheiden des großen Finanzmannes Ausdruck und ersuchte ihn öffentlich, das Judentum Wiens wieder durch seine Vertreterschaft auszuzeichnen. Und kein einziger Kultusrat, keiner der Vertreter der Wiener Juden wehrte sich gegen diese Schmach, gegen diese bodenlose Unterwürfigkeit gegenüber einem Geldsackgewaltigen. Kein einziger... Rede Dr. Strauchers Der Jüdische Klub entsendete drei Redner zur Budgetdebatte. Die Reden der Abg. Stand, der hauptsächlich die Klagen der jüdischen Bevölkerung auf wirtschaftlichem Gebiete zusammenfaßte, und Dr. Mahler fanden eine freundliche Aufnahme. Während der Rede des Abg. Dr. Straucher kam es zu sehr lebhaften Auseinandersetzungen mit den Christlichsozialen und Deutschradikalen.