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Die Welt · 1908-06-26 · 25 (26.6.1908) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 25 DIE3^ELT 5 Dr. Paul Nathan über seine zweite Palästinareise (Eine Unterredung) Herr Dr. Paul Nathan ist vor einigen Tagen von seiner zweiten Palästinareise zurückgekehrt und wir ließen uns die Gelegenheit nicht entgehen, um den Hauptinspirator und tatsächlichen Leiter des Hilfsvereins über den vornehmlichen Zweck seines diesmaligen Besuches des heiligen Landes zu befragen. „Neben verschiedenen anderen Zielen," sagte Dr. Nathan, „die ich bei meiner diesmaligen Reise nach Syrien und Palästina im Auge hatte, war meine Hauptaufgabe, die jetzt spruchreif gewordene Frage der Errichtung einer technischen Schule in Palästina an Ort und Stelle zu studieren." „Welchem Typus soll die vom Hilfsverein geplante technische Schule eigentlich angehören? Handelt es sich um ein mittleres Technikum oder um eine technische Anfangsschule?" „Wir denken vorläufig," antwortete Dr. Nathan, „eine technische Schule nach der Art der amerikanischen Manuel Training School einzurichten, in der sich die Schüler auf ihre zukünftigen technischen Berufe vorzubereiten hätten und an die wir dann später ein mittleres Technikum und, wenn inzwischen die Entwickelung der Dinge so weit gediehen ist, auch eine höhere technische Lehranstalt angliedern könnten. Im Schulwesen muß man eben alles von unten nach oben aufbauen." * „Und wo soll diese Schule errichtet werden?" „Das ist eben zur Zeit die wichtigste Vorfrage, die wir zu entscheiden haben uud zu deren Lösung ich in Palästina viel Material gesammelt habe. Es liegt auf der Hand, daß die Frage •des Sitzes einer technischen Lehranstalt in einem in dem Anfangsstadium der Entwicklung begriffenen Lande wie Palästina von ganz hervorragender Bedeutung ist für die Existenz der Schule selbst, sowie für die Ortschaft, in der sie beherbergt werden soll. Das begreifen auch die Juden in Palästina sehr wohl und darum bewerben sich verschiedene Städte um die von uns geplante Schule. Einen endgültigen Beschluß über diese Frage wird aber erst das Kuratorium zu fassen haben, dem ich das von mir gesammelte Material unterbreiten werde." „Und glauben Sie, daß es bald geschehen wird?" „Natürlich, so schnell wie möglich, aber die Mitglieder des Kuratoriums wohnen in verschiedenen Ländern und es dürfte wohl einige Zeit vergehen, bis man sie zu einer Sitzung wird zusammentrommeln können." „Und gibt es nicht noch eine . wichtigere Vorfrage zu ent-' scheiden, die finanzielle nämlich? Bei der Gründlichkeit, mit der der Hilfsverein in allen seinen Unternehmungen und ganz speziell im Schulwesen vorzugehen pflegt, wird doch wohl auch die geplante technische Anfangsschule eine ansehnliche Geldsumme, vielleicht sogar 1 Vs bis 2 Millionen benötigen?" „Die Größe der nötigen Summe läßt sich im Augenblick freilich nicht mit Exaktheit angeben, wir werden aber ganz gewiß bei der Verwirklichung unseres Planes keinen unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen. Das steht schon jetzt fest,"' sagte Dr. Nathan mit grosser Bestimmtheit. „Und wie steht es mit der Unterrichtssprache in dieser zukünftigen Lehranstalt? Die Anschauungen des Hilfsvereins über diese Frage sind zwar bereits bekannt und Sie persönlich haben sich ja auch darüber wiederholt, in Wort und Schrift geäußert. Gilt aber Ihre Meinung von der Präponderanz der hebräischen Sprache im palästinensischen Schulwesen auch für die technische Schule? Technische Fächer in der hebräischen Sprache zu unterrichten, dürfte doch noch sehr schwer fallen." Herrn Dr. Nathan scheint diese Frage besonders am Herzen zu liegen und er äußerte sich darüber sehr klar unb deutlich: „Zunächst ist die Frage der Unterrichtssprache eine vorzugsweise pädagogisch-technische und es wird Sache des Lehrerkollegiums sein zu entscheiden, in welcher Sprache jedes Fach zu unterrichten sei. Das läßt sich aber jetzt schon sagen: Was zur Zeit vielleicht noch mit großen Schwierigkeiten verbunden sein dürfte, nämlich Lehrer zu finden, die technische Fächer in der hebräischen Sprache lehren könnten, wird vielleicht schon nach 5—6 Jahren vollkommen möglich sein. Es wird demnach auch in der technischen Schule vorzugsweise die hebräische Sprache als die zukünftige Hauptsprache der jüdischen Bevölkerung des Landes gepflegt werden. Dann soll auch der deutschen Sprache, die. die europäische Kultur vermitteln soll, ein breiter Spielraum gewährt werden und schließlich wird man in der technischen Schule auch der englischen Sprache als derjenigen, die für Techniker von besonderer Bedeutung ist, einen gewissen Platz einräumen müssen." Ich benutzte nunmehr die Gelegenheit, um etwas über die nach dem Jaffaer .Zwischenfall herrschende Sitmmmung in Palästina zu erfahren. „Glauben Sie nicht, daß dieser traurige Zwischenfall auf den elementaren Ausbruch irgend eines latent vorhandenen Antisemitismus zurückzuführen sei? „Aber ganz und gar nicht, erwiederte Herr Dr. Nathan mit großer Bestimmtheit. Soweit ich es beobachten konnte, kann in Palästina von irgend welchen antisemitischen Empfindungen und Gesinnungen der ansäßigen Bevölkerung absolut keine Rede sein. Es handelte sich somit in diesem betrübenden Falle wirklich nur um die inviduelle Tat eines einzelnen untergeordneten türkischen Beamten, der wohl überhaupt ein fanatischer Fremdenhasser sein mag und nun sein Mütchen an den Juden, als den Schwächeren, gekühlt hat." „Hat aber dieser Zwischenfall keine schlechten Spuren in der Stimmung der jüdischen Bevölkerung und in ihrem Verhältnissezu den Nichtjuden hinterlassen?" „Aber der Zwischenfall, von dem Sie reden, ist ja vollständig erledigt, und wir müssen zugeben, zur vollen Zufriedenheit der Juden. Der betreffende Beamte, der sehr prompt, wie Sie wissen, seines Amtes enthoben wurde, sitzt noch bis auf den heutigen Tag in Konstantinopel ohne Stellung. Ja, wir können wirklich konstatieren, schjoß Herr Dr. Nathan unsere Unterredung, daß die türkische Zentralbehörde sich in diesem Falle ganz außerordentlich korrekt den palästinischen Juden gegenüber benommen hat und ihnen volle Satisfaktion in dankenswert prompter Weise zukommen ließ. R. Russischer Brief (Von unserem Berichterstatter) Zur Judenfrage in der Duma Die Frage der Eintragung des Projekts der jüdischen Gleichberechtigung in die Duma steht seit längerer Zeit im Vordergrunde des öffentlichen Interesses. Herr Nisselowitz interviewte über diese Frage die Vertreter der russischen Gesellschaft und gleichzeitig eröffnete „Der Fraind" eine Enquete, um die Ansichten der Führer verschiedener jüdischer Parteien kennen zu lernen. Die für die Eintragung des Projekts sprechenden Hauptmotive sind folgende: Erstens: Falls dieses Projekt von der Duma angenommen werden sollte, so wird diese Tatsache, auch wenn das Projekt dann von der Regierung abgelehnt wird, eine große Bedeutung als moralische Rehabilitation für die jüdische Bevölkerung haben. Zweitens: Sollte das Projekt in der Duma fallen, so wird es zur endgültigen Aufklärung des Verhältnisses der russischen Bevölkerung zur jüdischen vieles beitragen. Die Juden werden aufhören, sich irgendwelche Illusionen zu machen, mit einem Worte, die Situation wird klar sein. Die Mehrheit der Angefragten erklärte sich gegen das Projekt. Und tatsächlich würde das Eintragen des Projekts im gegenwärtigen Momente in die Duma, deren Mehrheit ausgesprochen antisemitisch ist, zweifellos zu einem völligen Fiasko führen. Auf das von den Anhängern der Eintragung des Projekts in die Duma angeführte erste Argument könnten wir antworten, daß diese eher eine moralische Niederlage als moralische Unterstützung mit sich führen wurde, da die Ablehnung des Projekts keinem Zweifel unterliegt. Gutschkow, der Führer der Oktobristen, erklärte ganz offen, daß in der Judenfrage die Duma nicht „linker" gehen wird, als die Regierung selbst. Bis jetzt erwies sich die Regierung im Verhältnis zur Judenfrage liberaler als die dritte Duma, indem sie kranken Juden gestattete, sich in kaukasischen Kurorten aufzuhalten, wogegen die Mehrheit der Duma sich ausgesprochen hatte. Ergo — können wir von der Duma eher eine Sanktion der Rechtlosigkeit als eine Gleichberechtigung erwarten. Und angesichts der gegenwärtig immer wachsenden Popularität der Duma ist es ein gefährlicher Schritt, den man vermeiden sollte. Was den zweiten Punkt, und zwar die Beleuchtung des Verhältnisses der Duma zur Judenfrage anlangt, so ist ihr Standpunkt leider zu klar. In der Nr. 20 des „Razswiet" gibt Herr Idelson den Anhängern des Projekts eine treffende Antwort. Er macht sie unter anderm darauf aufmerksam, daß das Appellieren an die Duma vollständig schon aus dem Grunde unnütz sei, da die Duma als solche nichts durchführen kann, was gegen die Interessen der Regierung spricht und daß wir uns einer lächerlichen Täuschung hingeben, indem wir sie mit den Parlamenten anderer Staaten, vergleichen. Die Worte Kokowzews: „Bei uns gibt's, Gott sei Dank, kein Parlament" waren kein? lapsus linguae, sondern eine treue und

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