Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316322--50766-3378065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 DIE^ELT No. 25 Waren noch in der ersten Emanzipationszeit manche Ansätze zu einer Vertretung eigener Interessen bemerkbar und erzeugte noch das historische Bewußtsein in der ersten Zeit des Eintritts der Juden in die Neuzeit eine Wissenschaft des Judentums, die immerhin den Versuch einer geistigen Selbsterhaltung darstellte, so trat im Laufe der Zeit bald wieder ein erschreckender Rückgang ein. Die Salvador und Cremieux, die Rießer und Netter, die Zunz und Frankl und wie sie alle hießen, die, wenn auch nicht im Namen einer jüdischen Nationalität, nichtsdestoweniger vom jüdischen Geiste durchbraust, stolz und kühn auf dem Gebiete des Lebens, oder in den Hallen der Wissenschaft Eigenes und Neues geschaffen haben, hinterließen gar keinen oder einen elenden Nachwuchs. Die Assimilation wurde immer stärker, die geistigen Verbindungen und Zusammenhänge der Juden verschiedener Länder immer lockerer. Man sah die jüdische Lehre, die früher alles verband, von der Stellung einer alle Teile der Diaspora umfassenden Geistesmacht zu einer veralteten Spezialität einiger Theologen sinken. Man sah das Tätigkeitsgebiet unseres so merkwürdig und eigenartig veranlagten Volksstammes immer kleiner, seine Initiativmöglichkeiten sogar auf dem Gebiete der Emanzipation zugunsten der „bedrängten Glaubensbrüder" mehr und mehr von dem überhandnehmenden Lokalpatriotismus eingeschränkt und bedingt werden. Das Judentum befand sich auf einer abschüssigen Bahn. Diese Tatsache war nicht allen mit einemmal klar geworden. Sie leuchtete nicht einmal den Trägern der „Haskalah" ein, die eine intensiv-jüdische, moderne Richtung vertraten. Wir wußten, daß z. B. die „Alliance" französiert, daß die Gemeinden immer offizieller und geistloser, daß die jüdische Wissenschaft immer fader und ihrem Ursprünge entfremdet wird. Aber wir err blickten in diesen Erscheinungen nicht die Folgen eines Gesetzes. Wir labten uns noch immer am Genuß der Früchte einer entschwundenen Zeit. Der Anblick der „befreiten" Juden des Westens hatte ihren Brüdern im Osten Selbstvertrauen eingeflößt; die Erwartungen und Verheißungen des Liberalismus fanden noch viele, sehr viele Gläubige. Dann kam der. Antisemitismus im Westen. Natürlich hat diese Erscheinung viele unter uns enttäuscht und erbittert; aber möge man doch nicht den alten Trugschluß wiederholen, das Erwachen eines jüdischen Nationalgefühls sei nur auf diese Mißstimmung zurückzuführen. Man wandte sich zunächst an die bekannten Hilfsfaktoren, man hoffte auf den „Genius der Menschheit'4; man war sicher, die Epidemie des Hasses lokalisieren zu können. Als die großen Verfolgungen der 80 er Jahre in Rußland ausgebrochen waren, hielt man an dem Glauben fest, die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt werde den Gräueln ein Ende setzen. Als sich dann die große Auswanderung in Bewegung setzte, glaubte man noch immer mit Humanität und Philanthropie auszukommen. Man besann sich erst, als diese ursprünglich sporadischen Erscheinungen ihren chronischen Charakter mit aller Klarheit und Deutlichkeit an den Tag legten. Man konnte den Gedanken nicht mehr unterdrücken: Wir Juden, die wir in unserer Mehrheit und in dem wehrlosesten Teil unseres Stammes die bittersten Verfolgungen erleiden, befinden uns überhaupt in einem Auflösungsprozeß; wir zerfallen in 100 Sekten, die sich gegenseitig schon nicht einmal befehden, weil sie nichts Gemeinschaftliches miteinander haben; wir sind orthodox oder reformistisch in zahllosen Schattierungen; es fehlt .ein großer trostreicher Gedanke, der uns alle, wie jedes andere Volk, aufwärts zu tragen vermöchte und der allen gleich teuer und von einem lebendigen Wert sein müßte. Wir bilden uns auf eine, monotheistische Weltmission etwas ein, aber wir denken nicht einmal daran, andere zu bekehren. Wir sprechen von einer jüdischen Konfession, während das Judentum in der Wirklichkeit die Lebensanschauung einer Nationalität darstellt. Wir sind schwach, weil wir zerrissen und in Widersprüche geraten sind. Nach außen sind wir gelähmt und gebrochen, nach innen haben wir keine Parole und kein Banner, die die so verschieden gearteten Volksteile zusammenhalten könnten, wie es der Sadagoräer Chassid und der ungarische Neologe, der litauische „Misnaged" und der türkische Spaniole,derhebraisierende„Maskil"undderamerikanische Reformer und all' die andern Nuancen sind. Sprechen wir doch verschiedene Sprachen und , wirken doch die verschiedensten Kulturen auf uns ein! Die Smolenskin und David Gordon geißelten die Assimilation, aber wer verstand sie? Die Heß und Emma Lazarus schrieben schon früher in diesem Sinne, — wieder für ein anderes Häuflein, die ihre Sprachen verstanden. Der eine wußte vom andern nicht, denn es gab keine Organisation und kein Bindemittel. Sporadisch traten manche erhebende Symptome in Erscheinung: Millionen wurden gesammelt und verausgabt, von Katastrophe zu Katastrophe. Das änderte an dem Niedergang der Gesamtheit fast gar nichts. Nichts vermochte nicht nur den Glauben, sondern auch nur den Eindruck zu wecken, als ob man zu einem Volkstum gehörte, das sich in aufwärtsgehender Bewegung befindet. Das erlösende Wort „jüdische Nationalität" wurde scheu und mit 'Vorbehalt nur von einzelnen ausgesprochen. Es war nicht neu, es wurde auch gar nicht tief wissenschaftlich begründet, es änderte nichts an den Tatsachen, es läßt noch auf die von ihm erwarteten Resultate warten, — und doch war es ein erlösendes Wort! . N. S. Unsere geehrten Abonnenten, deren Bezugszeit am 30. Juni 1908 abläuft, bitten wir um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Der heutigen Nummer sind Posterlagscheine für die österreichischen und ungarischen Abonnenten beigelegt, die wir zur kostenlosen Überweisung der Abonnementsbeträge zu benutzen bitten. Aus Deutschland werden Abonnementsbeträge auch in Briefmarken entgegengenommen, aus allen übrigen Ländern empfiehlt sich am einfachsten die Einsendung der Beträge per Postanweisung. DIE EXPEDITION „DIE WELT«.