Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316322--50765-3378064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 %/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG : ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 26. Juni 1908 \2rwb thm'e* |TO T/31- DIE ANERKENNUNG DER JÜDISCHEN NATIONALITÄT i. Fragt man sich, was eigentlich daran liege, ob w-ir uns als Nationalität betrachten oder nicht, so ist es, als ob man die Frage stellen würde, was eigentlich daran liege, ob der einzelne Mensch ein hochentwickeltes Selbstgefühl hat, oder nicht. Kräfte und Fähigkeiten, Energie und Talent soll ein Mensch besitzen, auf einen höheren oder niedrigeren Grad des Selbstgefühls kommt es nicht an, — meinen die oberflächlichen Beobachter. Daß^aber eben die erwünschten Kräfte und Fähigkeiten, Energie und Talent vom Selbstgefühl abhängig sind, — ist eine Wahrheit, die den seichten Geistern entgeht, weil deren Erfassen;ein gewisses psychologisches Verständnis voraussetzt.- .Wer die inneren Triebe des menschlichen Lebens und Schaffens auch nur einigermaßen berücksichtigt, wird zugeben, daß, damit ein Mensch zur Entfaltung aller seiner Fähigkeiten gelange, durch die er alles, was er vermag, zustande bringen könnte, eine Vorbedingung unumgänglich notwendig ist, und namentlich diejenige, die soschön und volltönig in den zwei hebräischen Worten: „Chasak w'emotz" (Sei stark, und fest), im Rufe, der an Josua erging, zürn Ausdruck kam. Zweimal wiederholt sich dieser Ruf: „Sei stark und fest" — „Nur sei stark und fest", und dazu bemerkt die Midraschglosse in einem kurzen Sinnspruch: „hieraus ergeben sich die anderen Vorzüge". .In diesen Worten steckt eine tiefe Lebenswahrheit. Die Menschenseele, muß in Schwingung gesetzt sein; der Mensch darf nicht unter beständigem Druck von „Angst und Zaghaftigkeit" stehen; er muß sich von einem Vorsatz, von Selbstvertrauen, ja sogar von Trotz getragen fühlen,, wenn die in ihm schlummernden Kräfte und Fähigkeiten ' erwachen und wenn er mit ihnen etwas Großes schaffen soll. .. Um wieviel mehr gilt diese Wahrheit für eine . menschliche Gesamtheit, für ein ganzes Volk! SchwierigkeiteQ werden überwunden und Hervorragendes wird geleistet, wenn ein Volk von. einer großen .Begeisterung und einem gemeinsamen Bewußtsein.durchdrungen .und getragen wird, wenn.* es .sich" von dem 'Bestreben er- •gr?ffeh:. fühtt, eine aufwä'rtsgehende Bewegung hervorzurufen, oder wenn es, von dieser aufwärtsgehenden Bewegung mitgerissen, merkt, daß es ein großes Ganzes bildet, das sich durch eigenen Mut und eigene Kraftanstrengungen Geltung verschafft, daß es ein zu verwirklichendes Ideal besitzt, an dessen-Zustandekommen es mit heißem Bemühen unentwegt arbeitet. So empfand unser Volk, wenn es von einem ideen- und Tatendrang durchglüht war, in den großen Epochen seiner Selbständigkeit, während es nach Macht oder innerer Einheit strebte, oder beim Übergange, von Sklaverei zur Freiheit, oder auch bei starkem, eigenartigem historischem Bewußtsein in der Diaspora, im babylonischen Kalifat oder in der spanisch-arabischen Zeit. Die Quellen dieses Hochgefühls mögen verschieden sein. Es ist nicht notwendig, daß das Volk sofort etwas erreicht; es ist nur erforderlich, daß jeder einzelne das Empfinden habe, daß das Volkstum im Emporgang, daß dessen Kraft im Zunehmen begriffen und daß der Stern seiner Ehre im Steigen .ist. Dann strömt aus der Volksseele Mut und Selbstvertrauen in die Seele des einzelnen. -Auf eigene Hand strebt er dann vorwärts als Sohn seines Volkes,' erfüllt von Initiative und Glaubenans Leben und Vertrauen auf die Zukunft, die seinem Volk beschieden ist. Diese Eigenschaften: Kühnheit, Selbstbewußtsein, Unternehmungsgeist zuversichtliche Erwartung der Ergebnisse eigener Bemühungen, — als Juden, als Söhne ihres Stammes, waren bei uns in der sogenannten Nachemanzipationszeit sehr wenig verbreitet. . Warum es an diesen Eigenschaften .gebrach, das wird wohl jeder Einsichtige begreifen. Die Juden als solche hatten nirgends das Empfinden, an einer sich emporschwingenden Bewegung teilzunehmen oder von ihr gefördert zu werden. Eine Unlust, eine verärgerte Lässigkeit hätte sich der Gemüter bemächtigt. Das Emanzipiertwerden konnte nicht aktiv anregen. Das Jude-Sein konnte nicht als eine Kraft an sich empfunden werden. Im Gegenteil: je weniger Juden vorhanden waren, desto größer war die Emanzipationsaussicht: je weniger man Jude war, desto weniger lief man Gefahr, erkannt und gebrandmarkt zu werden. . l*