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Die Welt · 1908-06-19 · 24 (19.6.1908) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 17)
Language
German
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<>=SJ^55!2^g!!!^^v'$s$^^ fto. 24 Blusenleute. Aber die Gemeindemitglie.der beruhigten sich nicht, sondern brüllten weiter: „Wir wissen! Wir wissen schon alles sehr gut! Wissen alles, was ihr uns sagen wollt! Was kommt ihr hierher, unser Gebet zu stören? Was wollt, ihr von uns?" Aber zusammen mit diesen Rufen stießen auch andere Schreie: „Ach, laßt doch! Laßt ihn schon reden! Anders wird doch kein Ende seih! Laßt doch reden! Was habt Ihr solche Angst? man wird euch doch nicht fressen!" Und das Lärmen legte sich allmählich. Zum dritten Male dröhnte des Redners Faust auf dem Tisch, und er begann zu sprechen, langsam und schallend, jede einzelne Silbe scharf betont: „Bürger! Wir sind hier erschienen, nicht um euer Gebet zu stören, sondern weil die empörende Selbstherrschaft uns keine andere Möglichkeit läßt, uns an irgendeinem anderen Orte an euch zu wenden. Bürger! Das jüdische Proletariat, Hand in Hand mit dem Prole- . tariate anderer Nationalitäten, ist in der Avantgarde der Revolution hervorgetreten. Diese Avantgarde, — immer stärkere, immer schrecklichere Nackenschläge versetzt sie der zerrütteten, selbstherrlichen Sippschaft. Der Tag des Sieges, er ist schon nahe! Aber bis er kommt, wird noch viel Blut dahinströmen müssen, werden noch viele Opfer fallen. Das jüdische Proletariat kämpft für seine Klasseninteressen; aber für sie kämpfend, kämpft es gleichzeitig für Freiheit und Leben des ganzen jüdischen Volkes. Und wenn die Juden endlich ihre Menschen- und Bürgerrechte bekommen werden, werden sie nur dem organisierten Proletariate verpflichtet sein. Wenn von der jüdischen Masse genommen sein wird das ewige Entsetzen und Zittern vor Mißhandlung und Plünderung, wenn Pogrome unmöglich werden, wird es wieder nur geschehen sein, einzig dank dem, daß das organisierte jüdische Proletariat mit bewaffneter Faust die Horden der Zerstörer abhält, daß es decken wird mit seiner Brust,, mit seinen Leibern die jüdischen Häuser, vor Plünderung, die Greise und Kinder vor Mißhandlungen, die Frauen vor Schändung! . . Und schämen mögen sich diejenigen der Anwesenden hier, die, das wohl wissend, einem der Vertreter dieses Proletariats die Möglichkeit nicht geben wollten, ein paar Worte zu sagen." Nach dieser Einleitung wies der Redner auf den schonungslosen Kampf der Regierung gegen das revolutionäre Proletariat hin, auf die unaufhörlichen Quälereien selbst der friedlichen Bevölkerung, auf die Provokationen DIE^ELT : 17 der Arbeiter, auf die Organisation der Pogrome. Das organisierte Proletariat werde sich nimmer dadurch einschüchtern lassen; das organisierte Proletariat werde seinen Kampf so wie früher weiterführen; das organisierte Proletariat werde weiter eine Brustwehr abgeben können..... Aber wenn es die Möglichkeit haben solle, seine schwere Großtat fortzusetzen, seine schwere Großtat zu erfüllen, müsse es dem tiefen Mitgefühle .und aller erdenklichen Unterstützung begegnen auf allen Seiten der jüdischen Bevölkerung ...... Der Redner sprach fließend, sprach feurig, in schönen Worten. Das Publikum hörte stillschweigend zu, sich allmählich für die Rede interessierend, einige näher und näher an die Estrade rückend. Der hohe Greis, der oben auf dem Almemor stand, die Thorarolle in seinem Arm, hörte den Redner mit greisenhafter Verwunderung in den zusammengekniffenen, schwach gewordenen Augen an, und mit geöffnetem Munde, in dem ein einziger Zahn zu sehen war. Nach dem Bundisten sprach ein Vertreter der Poale Zion. Nach ihm versuchte noch ein dritter Redner, sich hören zu lassen; aber seine eigenen Parteigenossen hielten ihn zurück und traten mit ihm zusammen von der Tribüne herunter. Auf dem hohen Almemor blieb ganz allein der Greis mit dem wallenden grauen Bart, mit der an die Brust gedrückten Thorarolle. Und den Almemor umschlang fest ringsherum die Arbeiterjugend. Und es schien, als stünde auf dieser Erhöhung wie auf einem einsam verlorenen Inselchen das Symbol des ganzen alten Judentumes, umringt von den stürmischen Wogen des neuen Lebens, die jung und stark, leidenschaftlich vorwärts ringend, sich danach reißen und drängen, dieses äußerlich kleine und schutzlose, aber hohe und felsige Eiland zu überfluten. Die Arbeitet strömten zurück aus der Synagoge. Und schon stand der Chasen wieder auf der Estrade und sang mit schluchzender Melodie, leidenschaftliches Flehen in der bebenden Stimme, das Rausch-Chaudesch- Benschen. „Der da Wunder tat an unsern Vätern Und sie aus der Knechtschaft zur Freiheit erlöste, Er, er wird auch uns in Bälde befreien! Er sammelt 'uns, die Verstoßenen, von den vier [Ecken der Erde, Uns Brüder, ganz Israel! Darauf sprechen wir: Amen!" AUS DER BEWEGUNG [ooooooo looooooo . Deutschland Breslau. Im Anschluß an den Delegiertentag der zionistischen Vereinigung "für Deutschland fand im Börsensaale eine von der Breslauer Zionistischen Vereinigung veranstaltete öffentliche Versammlung zu Agitationszwecken statt. ' Der Saal war dicht gefüllt, und obgleich die Versammlung wegen des späten Schlusses des Delegiertentages erst gegen 97< Uhr eröffnet werden konnte und bis Mittemacht dauerte, harrte alles geduldig aus. Der erste Redner war Rechtsanwalt Dr. Boden heimer, der kurz das Wesen des Zionismus skizzierte und die gegen dessen .'Idee und praktische Durchführbarkeit erhobenen Einwendungen kritisch, erörterte. Das neu zu errichtende jüdische Gemeinwesen werde nicht, -wie viele fürchteten, dem alten theokratischen Staat gleichen, sondern von moderner Kultur erfüllt sein. Auch an den zur Erreichung des Zieles nötigen Machtmitteln fehle es dem jüdischen Volke nicht; es besitze Kapital sowie geistige und moralische Energie, und die Begeisterung für die Sache werde genügend weite Kreise ergreifen. Die Behauptung, daß der Jude "wegen seines starken Individualismus nicht fähig sei, ein Gemeinwesen zu bilden, werde schon durch die geschichtliche Tatsache widerlegt, daß . der jüdische Staat fast zwei Jahrtausende bestanden habe. Gerne werde auch gesagt, daß der Zionismus dem Antisemitismus in die Hände arbeite, der ja ebenfalls die Juden wieder nach Palästina bringen wolle. Aber wenn zwei dasselbe täten, sei es noch nicht dasselbe. Der Antisemitismus wolle die Juden hier los sein, und der Zionismus wolle den Stamm des jüdischen Volkes in Palästina haben, weil er den Antisemitismus los sein wolle. Allerdings — so fügte der Redner hinzu — sei der Antisemitismus nicht die Ursache der Bewegung, der Zionismus arbeite nicht aus Feigheit, sondern der

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