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Die Welt · 1908-06-19 · 24 (19.6.1908) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 16)
Language
German
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An den Wänden und im Mittelraum standen Reihen von Bänken mit Pulten, und. oben liefen die Emporen für die Frauen. Alles, alles, die ganze Einrichtung, der Leuchter, die Estrade, die Bänke, alles altertümlich, schwerfällig, geschwärzt durch die Zeit, betrieft vom Wachse der Kerzen. Ziemlich viel Volk war in der Synagoge. Indie Tallessim gehüllt, standen alle Beter mit dem Antlitz nach Osten und beteten, sich wiegend. Ganz vorn an der Ostwand und zu beiden Seiten der Lade standen die ganz besonders Geachteten, die reichsten und die frömmsten Glieder der Gemeinde, fast sämtlich Greise. Unter ihnen der Rabbiner. Die Alten, die Köpfe tief unter den Tallessim versteckt, mit den gebeugten Rücken, lasen die Gebete mit ihrem unendlich wehmütigen Singsang, unter tiefen Seufzern. Und es schien, als wären auch sie, diese Greise, wie ihre Synagoge und all ihr Geräte, außerhalb der Zeit und der Dinge. Es schien, als ständen sie da, von den Wellen des Lebens an die Wand gedrückt, Gebilde, Denkmäler der Vergangenheiten. Auf anderen Betenden aber lag schon der Stempel der neuen Tage. Man traf schon Kurzröcke unter ihnen mit gestutzten Bärtchen oder gai Rasierte. Einige beteten nachlässig,gleichgültig, andere gingen überhaupt schweigend hin und her, und nur an der entgegengesetzten, an der westlichen Wand, dicht neben der Türe, standen abermals Greise oder doch ältere Leute, Arme, Abgerissene, in zerfetzten, schmierigen Tallessim, mit kränklichen, abgemagerten Gesichtern. Und nur halblaut, schüchtern, aber mit ihrer ganzen zerquälten Seele erflehten sie von Gott wenigstens einen blassen Schimmer Glück und Freude. Sabbatmorgenandacht. Der Chasen macht seine Rouladen und Triller nach ein für allemal festgestellter Schablone, und die Gemeindemitglieder sagen ihm bald die Gebete nach, bald hören sie schweigend auf seine Gesänge; am Schlüsse jedes Gebetstückes schallt im Chor ihr „Amen". Des Schacharis erster Teil war zu Ende. Die Th orarollen wurden aus der Lade genommen und auf dem großen Tische der Mittelbühne auseinandergerollt. Die Verlesung der allsabbatlich festgesetzten Abschnitte begann, wobei für jedes einzelne Kapitel ein anderes Mitglied der Gemeinde aufgerufen wurde. Kaum hatte das „Leinen" begonnen, — als einzeln und in kleinen Trupps Arbeiter in die Synagoge traten, Arbeiter, junge Männer und Jünglinge, in Schirmmützen und blauen Blusen. Sie betraten den Tempel auf besondere Art, aüf alltägliche Manier, mit Keckheit, geschäftsmäßig, ohne einen Schatten von Ehrerbietung vor dem Gotteshause. Unter den Betenden stehend, stachen sie grell ab von ihnen durch ihr Kostüm, noch mehr durch die Haltung, die deutlich zeigte, daß sie hier Fremde seien, Außenstehende, am Gebete der Allgemeinheit Teilnamslose. Diese Arbeiterjugend, immer mehr und mehr in die Synagoge strömend, begann mit einem festen Ringe die Estrade zu umschließen. Die Thoravorlesung dauerte fort; aber in der Synagoge hob unruhige Bewegung an, aufgeregtes Geflüster. Die Beter wandten sofort ihre Aufmerksamkeit auf die ungebetenen Gäste; eine wirre Unruhe ergriff sie. Sie verstanden klar, zu welchem Zwecke diese Arbeiter da in den Blusen in solcher Anzahl erschienen ' waren. Sie waren erschienen, um sofort nach Beendigung des Leinens hier revolutionäre Reden zu halten. So eine Art Besitzergreifung der Synagogen durch die Revolutionäre hatte ja in letzter Zeit angefangen, gang und gäbe zu werden, t Das erstemal -hatte das Erscheinen der Arbeiter mit ihren Rednern einen Tumult, eine Panik hervorgerufen, die mit einem Handgemenge und hysterischen Anfällen der Frauen endigte. Dann hatte man allmählich angefangen, sich auch an diese Erscheinung zu gewöhnen. Aber trotzdem kam bei jeäer. erneuten Invasion der Revolutionäre eine furchtbare Aufregung über die friedlichen Beter. Je mehr Arbeiter in die Synagoge strömten, desto aufgeregter wurde die Stimmung des Publikums. Die besonders Nervösen stürzten bald zu dem einen, bald zu dem andern ihrer Nächbarn, flüsterten miteinander, warfen erschreckte Blicke zu den Arbeitern hin und wußten nicht, was sie beginnen sollten. Andere warfen eilig die Tallessim von sich, kleideten sich an und wandten sich dem Ausgange zu. Aber an der Türe standen schon zwei in Blusen, hochgewachsene, baumstarke Burschen mit strengen Gesichtern und gespanntem Ausdruck. Und sobald einer aus der Gemeinde sich der Türe nahte, erklärten sie ruhig, aber mit Strenge: „Jetzt wird nicht hinausgegangen." Und die meisten kehrten auf ihre Plätze zurück,- ohne Frage, ohne Streiten, nur stummen Protest in den erbitterten Mienen. Einige aber, diese Erklärung nicht beachtend, traten dicht an die Tür und versuchten sie zu öffnen. Sie war von außen geschlossen. Und als ein Balbos anfing, an der Klinke zu rütteln, indem er energisch forderte, ihn herauszulassen, erklärte ihm eine der Wachen genau so gebieterisch wie leidenschaftslos: „Unnütz! Jetzt wird nicht hinausgegangen!" „Aber ich muß nach Hause gehen!" begann der Balbos, in dem es kochte. „Sie werden's aushalten." „Was heißt das, ich werde es aushalten? Sie wollen mich gewaltsam zwingen, in der Schul' zu bleiben und ihre Reden mit anzuhören?" machte sich die Empörung des Bürgers Luft. „Ja," antwortete ruhig, ihm gerade in die Augen sehend, die Wache. Das Gemeindemitglied stand eine Minute schweigend. Dann spie er plötzlich zur Seite und rief voll tiefer Entrüstung: „O, schon zehnmal besser, in die Hände der Pogromtschikes fallen, als in die eurigen!" und schnell schritt er zurück, begleitet von demselben leidenschaftslosen, kalten Blicke der Wache. Das Leinen und die Haftara dauerten diesmal lange. Aber sobald das zu Ende, war und ein grauhaariger Alter die Thora vom Tisch hoch emporhob und rezitierte: „Dies ist die Thora, die Mose den Söhnen Israels in die Hände legte," — als eilig, zwei Arbeiter mit sich, der Redner auf die Estrade trat und, auf die Tischplatte klopfend, laut ausrief: „Bürger!" entstand mit einem Male in der Synagoge ein unbeschreiblicher Lärm, ein Durcheinanderschreien des Protestes, aus dem nur einzelne verständliche Rufe hervorklangen: „Nicht nötig! nicht nötig! Wir wollen nicht hören! Laßt das Beten beenden! und nachher redet, soviel .ihr wollt!" Der Redner schlug noch einmal und stärker auf den Tisch, und mit mächtiger Stimme rief er: Bürger! Im Namen der Organisation des „Bundes" fordere ich, daß ihr mich hören sollt!" „Nicht lärmen! Ruhe!" erschollen dazu die herrischen, aufgebrachten Schreie: der

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