Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 24 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Deuterbnomium 9, 10 steht: „Auf ihnen (sc den Bundestafeln) standen alle Worte, die der . Ewige geredet" usw. — „dies, lehrt, Gott habe Moses die feinen Nuancen der Thora und des späteren Schrifttums gezeigt und auch: das, was. die Soferim später einführen werden, nämlich das Lesen der Megilla." Das Schreiben und Aufbewahren der Megilla-Pergamentrollen wurde daher zu einem Gegenstand geflissentlicher religiöser Sorgfalt In bezug auf die Strenge der .Vorschriften und der Weihe stand die Megillarolle weit hinter den Thorarollen,. wozu auch der Umstand, daß in der Megilla der Gottesname iiicht vorkommt, vie beigetragen haben mag. Wegen der Kürze des Textes, der größeren Handlichkeit und des freieren Umganges, wie auch, infolge der größeren Leichtigkeit des Vorlesens waren die Megillath mehr als die Thorarollen verbreitet Nach R. Jehuda (Megilla, Abschnitt II, Mischnall) durfte auch ein Kind die Megilla vorlesen. Zwar richtet man sich in der Halacha nicht darnach; doch ist es Sitte, daß in vielen Familien — die Megilla wird oftmals auch in Familien verlesen — kaum religionspflichtige Jünglinge als Vorleser fungieren. Die größere Freiheit der die Megillarolle betreffenden Vorschriften, wie auch das fröhlich-freie, eines gewissen Humors nicht entbehrende Purimfest, das eigentlich ein Halbfest ist gewährten der Phantasie der Schreibkünstler und Maler einen freien Spielraum. Seit Jahrhunderten bildeten reich ausgestattete, Illustrierte Megillot ein Lieblingssujet im religiösen Hausrat" der Juden. Besonders begegnete man diesem Luxus der religiösen Kunst in den Ländern, in denen der ästhetische Sinn der Juden hochentwickelt war und in den Kreisen, in denen ein gewisser Wohlstand diesen Aufwand förderte. Lokale Megillot Lokale Megillot Die wechselvolle mittelalterliche Geschichte der Juden in verschiedenen Ländern hat viele Ereignisse aufzuweisen, bei denen die Juden in gewissen Orten und in gewissen ■Momenten von großer Gefahr bedroht und in einer mehr oder weniger wunderbaren Weise der Gefahr entgangen sind. Manchmal geschah es, daß die Geretteten auf das Wunder ihrer Erlösung ein so großes Gewicht legten, daß sie die Schilderung im biblischen Stil von einem Sofer (Thoraschreiber) auf Pergament als Megilla niederschreiben ließen. Es kam auch vor, daß sie einen lokalen Gedenktag für ihre Nachkommenschaft in feierlicher Verpflichtung eingesetzt haben. Zu diesen lokalen Purimtagen gehört Purim- Saragossa, Purim-Baden, Purim-Frankfurt u. v. a. An diesen Tagen wurden nach der Art des Purim die diesbezüglichen Megillot vorgelesen. Doch haben sich all* diese Einrichtungen im Laufe der Jahrhunderte beinahe ganz verloren, und die lokalen Megillot bilden nur noch einen Gegenstand, der für die Monographien der Gemeinden ein gewisses Interesse bietet Schrift und Druck. Titelblätter. Hebräische Inkunabeln und Handschriften waren gewöhnlich mit Kolophon versehen, die den Druckort und das Jahr anzeigten. Das Kolophon ersetzte das Titelblatt. So ist der Titel der ersten Soncino-Ausgabe des Traktats „Berachot" (1483) im Kolophon des Druckers am Schluß angegeben. Das Titelblatt des Buches „Mibchar ha-Peninim" des Jedujah Bederschi (Soncino 1484) hat eine vorhergehende kurze Einleitung. So folgt auch in Nachmanides Thora-Kommentar (Lissabon 1489) der Titel einer vorhergehenden Vorrede. Das Kolophon erhielt sich noch am Anfange des 16. Jahrhunderts. Der Titel des „Sepher Mischag Abot" (Mantua 1514) stand noch im Kolophon. Erst seit damals begannen die Büchertitel auf den ersten Seiten der Bücher gedruckt zu werden. In den ältesten Büchern jener Zeit nimmt der Titel einen ganz kleinen Raum ein. Aber kurz nachher begann der Titel die ganze Seite zu füllen. Manche Titel waren mit Holzschnitt-, Kupfer- und Stahlstich-Ornamentik umrandet die die Figuren Moses, Aron, David und Salomon, Gestalten der Engel, Hirsch- und Löwenfiguren darstellten. Die Umrandungen enthielten auch den Namen und das Wappen des Druckers. Als. eine gewöhnliche Titelblattzeichnung war das Bild verbreitet das den Eingang in den Tempel darstellt mit dem Psalmvers: Das ist das Tor zum Ewigen usw. (Ps. CXVIII,21). Unter den verschiedenen Emblemen kommen auch folgende häufig vor: die musikalischen Instrumente der Leviten, Noahs Arche, die Tempelleuchter, die Gießkannen, die Tempelbecken, die Thoraladevorhänge. O ff □ □ □ □ □ □ . o FEUILLETON DIE INVASION IN DER SYNAGOGE Aus einer russischen Novelle von Anski Übersetzt von Bertha Auerbach Die alte Synagoge konnte als Sehenswürdigkeit gelten. Sie war noch in den Tagen Katharinas der Zweiten erbaut und hatte sich inmitten aller elementaren Stürme und Gewitter erhalten, die seit jenen Zeiten über die Stadt dahingegangen waren. Sie war Zeugin der französischen Invasion gewesen, einiger Pogrome und unzähliger Feuersbrünste. In ihrem Umkreise waren ganze Straßen und Stadtviertel fortgebrannt. Ganze Generationen von Häusern verfielen, nutzten sich ab; aber sie —als stände sie gefeit außerhalb der Einflüsse von Zeit und Werden — stand - unberührt. Nur ihre Wände wurden immer mürrischer, schwerer, düstrer. Sie war von altertümlicher Architektur, oder richtiger gesagt ohne eine jede; ohne Kuppel, ohne Zierrat, ohne, äußerliche Kennzeichen überhaupt,— und trotzdem wußte ein jeder, erkannte am ersten Blick, wer vorüberging, daß das eine. Synagoge war. Sie stand etwas abseits der Wohngebäude; um sie war weder ein Zaun noch sonst irgend eine Umfriedigung. Einsam und trübe lag sie da, wie verschlungen von einem vielhundertjährigen Traume. Auch innen war alles von Zeit und Dingen unberührt. Kalte, nackte Mauern; in ihrer Mitte nur die großen, zeitgeblichenen, auf die bloße Wand geschriebenen Buchstaben des „Gebets für den Zaren", in dem greller als alle übrigen Worte die Namen des Kaisers, der Kaiserin und des Thronfolgers hervortraten, weil sie erst jüngst an Stelle der früheren hingemalt worden waren. An der Ostwand die heilige Lade mit den Thorarollen. Daneben die kleine Estrade für den Kantor. In der Synagogenmitte eine geräumige hohe Bühne für das Vorlesen der Thora, und darüber hing von der hohen Decke ein schwerer Kronleuchter herunter, der einige Dutzend-Lichter trug und von Prismen befranzt war.